Lebensthema echte Freundschaften

Nach allem, was ich über das Leben herausgefunden habe, bin ich davon überzeugt, dass wir Menschen nicht dafür gemacht sind, alleine zu sein. Wie sagte Guy de Maupassant so schön: “Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.” Wie das in der Praxis funktionieren kann, ist eines meiner großen Lebensthemen, an dem ich schon seit Jahren mehr oder weniger unfreiwillig “forsche”. 
Eigentlich habe ich lange Zeit in meinem Leben immer negative Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen gemacht, sodass ich die Einsamkeit irgendwann als gesünder empfand. Viele Freunde meiner Jugend taten mir nicht gut und haben mir mehr Energie geraubt als gegeben. Ich habe mich immer so sehr nach Gleichgesinnten gesehnt, denen ich mich hätte öffnen können, aber ich habe sie nie gefunden. Stattdessen war ich bezüglich meiner Mitmenschen viel zu gutgläubig, ließ mir viel gefallen und räumte den anderen einen größeren Stellenwert ein als mir selbst. Dies fand Ende 2014 kurz vor meinem Klinikaufenthalt seinen Höhepunkt: Die nervtötende Vermieterin, die immer nur Aufmerksamkeit brauchte und mich schier endlos zutextete. Eine Chefin, die mich gnadenlos ausbeutete und am Ende nicht mal mehr mein Gehalt auszahlte. Und schließlich noch die mega anstrengenden Telefonate mit meiner Mutter, die ebenfalls nur um Aufmerksamkeit rang. Wie sehr hätte ich mir von ihr mal gewünscht, dass sie sich ernsthaft für meine Belange interessiert… Mein Leben drehte sich immer nur um die Befindlichkeiten anderer Menschen.

Auf einmal drehte sich alles um mich…

Als ich dann in die Klinik kam, war alles anders. Auf einmal hörte man mir zu, man interessierte sich für mich und man nahm mich ernst. Ich hatte das Gefühl, als der gesehen zu werden, der ich bin. Ein tolles Gefühl! Erstmals kam es mir so vor, als drehte sich mein Leben um mich. Ich war auf einmal offen und bereit, anderen Menschen freiwillig Dinge über mich zu erzählen. Zu dieser Zeit hatte ich aber auch mehr therapeutische Gespräche als welche mit Mitmenschen, sodass ich mich schnell an diesen Kontext gewöhnte. Mein Gegenüber erzählte nichts von sich, sodass meine Probleme den vollen Raum einnehmen durften.
Als ich dann aus der Klinik raus kam, behielt ich diese Einstellung bei. Ich trat einer Therapiegruppe bei und immer wenn wir uns trafen, erachtete ich es als selbstverständlich, dass sich das Hauptaugenmerk um meine Probleme drehte. Schließlich war ich ja auch derjenige von uns, dem es am schlechtesten ging — so zumindest meine Einschätzung. Ich hinterfragte mein Handeln auch nicht.

Und plötzlich war ich wie meine Mutter…

Ähnlich verhielt es sich im Bezug zu Tiffy (*Name geändert), einer Bekannten, die ich in der Klinik kennen lernte. Mir fiel irgendwann auf, dass ich mich nur dann bei ihr meldete, wenn es mir schlecht ging und ich jemanden zum Reden brauchte. Da bekam ich erstmals schon ein schlechtes Gewissen. Aber da sie sich nicht beschwerte, schien alles gut. Als sie dann Anfang 2016 gar nicht mehr auf meine Nachrichten reagierte, bekam ich schon ein ungutes Gefühl. Das sollte sich dann auch bestätigen. Mit Verzögerung schrieb sie letztlich doch. Und zwar in einem richtig langem Text, in dem sie mir erklärte, wie anstrengend und einseitig sie die Kommunikation mit mir fände und dass sie den Eindruck habe, ich würde mich gar nicht für sie interessieren. Bamm! Das hatte gesessen. Ich ging sofort raus spazieren, um den Kopf frei zu bekommen, doch ich konnte meine Tränen nicht zurückhalten. Auf einmal brach alles heraus. Jedoch nicht weil ich ihr böse war oder mich verletzt fühlte. Nein! In meinem tiefsten Inneren wusste ich: “Scheiße! Sie hat Recht!” Auf einmal hat sich das Blatt gewendet. Genau das, was ich meinen Mitmenschen immer vorgeworfen hatte, hatte ich nun selbst falsch gemacht. Ich wollte diesbezüglich nie so sein wie meine Mutter, aber im Endeffekt handelte ich genau so wie sie. Umgehend schrieb ich Tiffy und entschuldigte mich bei ihr und erklärte ihr meine Einsicht, dass sie vollkommen Recht habe. So glätteten sich die Wogen zwischen uns ein wenig. Ich empfand in diesem Moment eine tiefe Dankbarkeit, weil sie mir auf diese Weise die Augen geöffnet hat. Diese Ehrlichkeit war ein echter Freundschaftsdienst. Und auch wenn es schmerzhaft war, es tat gut. Denn wie viele Menschen hätte ich mit meiner rücksichtslosen Art noch vor den Kopf gestoßen, bis ich es einmal selbst gemerkt hätte? Das war eine wichtige Lektion für mich und änderte meine Einstellungen zu meinen Mitmenschen grundlegend. Mir war jetzt klar, dass ich Gleichgesinnte nur dann finden würde, wenn ich mich auch voll und ganz auf den anderen und seine Lebensgeschichte einlasse.

Die Lektion daraus

Seitdem hatte ich viele Möglichkeiten, das Gelernte in die Tat umzusetzen. Eine weitere wichtige Erkenntnis war es für mich, dass sich Freunde dadurch kennzeichnen, dass sie sich nicht davor scheuen, einem die Wahrheit ins Gesicht zu knallen. Auch wenn es manchmal weh tut. Diese Erfahrung hat mein Leben für immer verändert. Danke Tiffy!

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