Urheberrecht oder Gemeinfreiheit: Wann ist das Maß voll?

Über den „Streit“ zu Anne Franks Tagebuch und den Sinn und Unsinn von Urheberrecht

Ein Autor, der ein Buch schreibt und veröffentlicht, hat das Urheberrecht. Seit Anfang des 20 Jahrhundert gewährt fast jede Rechtsordnung urheberrechtlichen Schutz, ungeachtet formeller Voraussetzungen.

Die junge Anne Frank hat also alleine durch das Erstellen ihres (Kunst-)Werks — das Tagebuch — das Urheberrecht erlangt.

Was aber oft vergessen wird:

Das Urheberrecht ist ein zeitlich begrenztes Monopolrecht zugunsten des Schöpfers eines Werks.

D.h.: Das Monopol zugunsten des Schöpfers erlischt nach einer gewissen Zeit und danach steht das Kunstwerk der Allgemeinheit zur Verfügung.

Wikipedia:

Der Gemeinfreiheit unterliegen alle geistigen Schöpfungen, an denen keine Immaterialgüterrechte, insbesondere kein Urheberrecht, bestehen.

Das Urheberrecht regelt, dass 70 Jahre nach dem Tod eines Autors dessen Werke keinen Schutz mehr haben Deutschland (§ 64 UrhG-D), Österreich (§ 60 UrhG-AT).

Anders gesagt: Nur weil man einmal ein Werk erschaffen hat, heißt das noch lange nicht, das man unbegrenzt davon profitieren kann und es alleine nutzen kann. Immer wieder versuchen jedoch die beteiligten Organisationen die Kontrolle zu behalten.

Im Medizinbereich haben wir das Auslaufen des Schutzes aber weitgehend akzeptiert. Läuft ein Patent aus, ähnlich, als ob ein Uhrheberrecht ausläuft, so kann jeder Pharmakonzern ein Generikum des Medikamentes herstellen. Ein Produzent hat eine gewisse Zeit das exklusive Herstellungsrecht. Jeder kann heutzutage gegen Kopfweh ein Mittel mit Acetylsalicylsäure „nachmachen“, der Name „Aspirin“ bleibt aber weiterhin geschützt. Man muss es also anders nennen.

Aber warum ist das so wichtig?

Nun: Mit dem Urheberrecht und den damit verbundenen Rechten gehen (meiner Meinung nach) auch Pflichten einher. D. h.: Wenn ich (bis 70 Jahre nach dem Tod des Autors) ein Werk exklusiv genutzt habe, dann geht gehört es jetzt der Allgemeinheit. Ich kann mir ja auch nicht die Teile von Gesetzen aussuchen, die mir gefallen, und den Rest ignorieren. Aber genau das tut jetzt die Anne Frank Stiftung. Sie versucht für das Tagebuch den Vater von Anne Frank als Co-Autor zu etablieren. Damit würde das Werk erst 75 Jahre nach seinem Tod gemeinfrei werden.

Ich finde, gerade bei so einem wichtigen Zeitdokument, ist dieser Streit einfach fehl am Platz. Ziel der Stiftung sollte es nicht sein, maximalen Profit aus dem Werk zu schlagen, sondern die Bevölkerung über die schreckliche Zeit des Nationalsozialismus zu informieren. Ein frei zugängliches Tagebuch der Anne Frank ist in der heutigen (digitalen) Zeit dafür ein wichtiges Mittel. Weder Anne Frank noch mir als Konsument nutzt es etwas, wenn ich für eine (digitale) Kopie des Tagebuch zahlen muss.

Die Grüne Abgeordnete Isabelle Attard hat in ihrem Blog den Text nun veröffentlicht. Natürlich nur im niederländischen Original. Den eine Übersetzung hat ja (automatisch) einen weiteren Autor und ist damit nicht automatisch gemeinfrei wie das Original. Und auch das sollte die Anne Frank Stiftung bedenken. Der Markt für Übersetzungen ist wohl größer als der Markt für das Original.

In der Wirtschaftswissenschaft gibt es die sogenannte Grundrententheorie (economic rent). Manche Unternehmen sehen es als Ihr Ziel an die Rente (aus ihren Produkten) so hoch wie möglich zu halten, ohne Rücksicht auf den Nutzen oder die langfristige Tragbarkeit solch hoher (Zusatz-)Kosten. Anstatt nun einen Rechtsstreit anzuzetteln, sollte die Stiftung lieber ihren Kunden einen Mehrwert bieten, der auch gerne bezahlt wird. Das Tagebuch mit Original Kommentaren ihres Vaters. „Offiziell“ Übersetzungen durch die Anne Frank Stiftung, …

Es gibt viele Möglichkeiten, wie man auch nach Auslaufen eines Patents oder Urheberrechts noch Geld mit der gleichen Idee verdienen kann. Die Bayer AG, Hersteller von Aspirin schafft es auch, trotz (teils günstiger) Konkurrenz ihr Produkt weiter zu verkaufen.

Fazit: Anstatt die Kuh bis zum Ende zu melken, sollten Unternehmen und Autoren lieber nach vorne schauen. Welche neuen Produkte auf Basis der Alten kann ich anbieten? Wie kann ich meinen Kunden am besten helfen. Was differenziert mich, das Original, von der aufstrebenden Konkurrenz?


Originally published at Ing. Leonard Tulipan.