Zur Intelligenz künstlicher Intelligenzen

Dr. Alexander Klier
Nov 5 · 7 min read
Bild: Mike MacKenzie — Artificial Intelligence auf flickr. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons (SA) — Namensnennung.

“Rationales Denken war die Ausdrucksform der Intelligenz. Turing wusste ganz genau, dass Intelligenz in einem Geist nicht alles ist. Aber sie war das Wichtigste. Das ist der Grund, warum das Fachgebiet diesen Namen trägt: Nicht künstlicher Geist, künstliches Denken oder künstliche Vernunft, sondern künstliche Intelligenz” (Gelernter 2016, S. 19).

Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde. Ob positiv oder negativ, ob gerechtfertigt oder nicht, ob tatsächlich intelligent oder doch eher dumm programmiert: Die Reden, Artikel und Ausführungen über die Vor- und Nachteile von KI bzw. AI belegen, dass hier ein neues Megathema entstanden ist und ein mächtiges Werkzeug auf seinen Einsatz wartet. Nur ein Werkzeug? Kommt hier nicht im Laufe der Zeit der Ersatz für Menschen? Zumindest seiner Arbeitsfähigkeit? Selbst das ist Thema der Diskussionen, deren Versprechungen und Phantasien im Moment keine Grenzen gesetzt scheinen.

Da wir bei Beck et al. selbst Lösungen anbieten, die, grob gesagt, auf Methoden der künstlichen Intelligenz basieren (bspw. machine learning, natural language processing), wollen wir uns in einer lockeren Reihe von Blogposts genauer und umfassender mit dem Thema auseinandersetzen und unsere Sichtweise darlegen. Auf einer eher technischen Ebene hat unser Kollege Bernd Thomas bereits einige Beiträge (beispielsweise hier und hier) gepostet.

Bevor wir uns aber in unseren Beiträgen den Versprechungen und realen Möglichkeiten zuwenden beginnen wir, wie für uns bei Beck et al. üblich, zunächst einmal mit einer Begriffsbeleuchtung. Denn die Namensgebung einer “künstlichen Intelligenz”, besonders des zweiten Terms des Begriffs, dem der Intelligenz, geht nicht nur zurück auf die Anfangsphase elektronischer Rechengeräte. Der Begriff basiert zugleich auf geisteswissenschaftlichen Strömungen, die den menschlichen Verstand im Bereich der Informationsverarbeitung verorteten. Handelt es sich bei einer künstlichen Intelligenz deshalb um einen begrifflichen — oder gar realen — Zirkelschluss? Auch dieser Frage gehen wir im weiteren Verlauf nach. Insofern zeigt dieser Blogbeitrag einerseits auf, wie sich der Begriff entwickelt hat und andererseits, wie sich die damit beschriebenen Phänomene der Informationsverarbeitung zueinander verhalten.

Intelligenz als Begriff

Intelligenz, aus dem lateinischen intellegere abgeleitet, kommt ganz ursprünglich aus dem griechischen Begriff nòos oder nous. Er bedeutet dort ziemlich viel unterschiedliches, gerade weil der Begriff mit menschlichem Denken zu tun hat. Mögliche Synonyme sind hier etwa Besinnung, Verstand, Vernunft, Gedanke und Meinung, um nur ein paar der wichtigeren zu nennen. Psychologisch bezeichnet der Begriff Intelligenz so etwas wie die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen. Bis heute gibt es keine anerkannte Definition von Intelligenz, zu unterschiedlich sind diese Leistungsfähigkeiten denkender Menschen. Um das breite kognitive Spektrum abzudecken kamen deshalb im Laufe der Zeit spezifische Erweiterungen des Begriffs, wie etwa die einer emotionalen, ästehtischen und sozialen Intelligenz, dazu.

Die heutige Vorstellungen darüber, was Intelligenz nun genau ist, ist untrennbar mit Intelligenztests verbunden. Warum, das formulierte der Harvard-Psychologe Edwin G. Boring 1923 so: “Intelligenz ist das, was Intelligenztests testen” (Enzensberger 2006, S. 44). Das ist zunächst eine Zirkeldefinition (Zirkelschluss), also eine Festlegung, in der die Voraussetzung das zu Beweisende schon enthält. Daraus ergeben sich sofort weitere Fragen: Wie misst man nun genau Intelligenz? Wie misst man sie an vielen Menschen? Und ziemlich zentral: was misst man eigentlich, wenn man Intelligenz misst? Insbesondere auf die letzte Frage geben Intelligenztests selbst wiederum keine Antwort, weil ihre Voraussetzung ja ist, Intelligenz zu messen. Eine Antwort auf die Frage, was man mit Intelligenztest nun genau misst, ist andererseits wichtig um beurteilen zu können, inwiefern es eine künstliche Intelligenz geben kann.

Intelligenz und Intelligenztests

Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen, wenden wir uns dem Zeitraum von etwa 1900 bis ca. 1960 zu, in dem der Begriff Intelligenz geprägt und Intelligenztests entwickelt worden sind. Die Brisanz und Dynamik, die bis heute daraus resultiert, steckt darin, dass dies eine Zeit war, in der sowohl die philosophische Strömung des Positivismus (Erkenntnisse sind immer sinnlich wahrnehmbar und überprüfbar), als auch rasante Entwicklungen im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung allgegenwärtig waren. Damit konnten diese beiden grundverschiedene Dinge in Beziehung gesetzt werden. Parallel dazu entstanden in Europa die allgemeine Schulpflicht, Überlegungen zu psychologischen Entwicklungsstufen sowie eine verbreitete Überzeugung unabänderlicher genetischer Voraussetzungen der Verstandesleistungen von Menschen. Was letztlich dazu führte, dass sich Alfred Binet und Theodore Simon “als gute Positivisten” vornahmen “etwas zu messen, was bis dahin nie beziffert worden war: die Intelligenz” (Enzensberger 2006, S. 19).

Von Anfang an ist sowohl der Begriff, als auch die Messung von Intelligenz ein Konstrukt gewesen. Konsequenterweise verwenden verschiedene Intelligenztheorien unterschiedliche Operationalisierungen, um das jeweilige Konstrukt mess- und beurteilbar zu machen. Das eigentliche Problem hinter den Konstrukten aber ist, dass sich “die meisten Psychologen, die mit [Intelligenz-] Tests arbeiten […] eines Trugschluss bei der Namensgebung schuldig gemacht [haben], indem sie allzu leicht auf geheimnisvolle Weise von der Punktezahl zu der hypothetischen Eigenschaft übergehen, die durch den Namen des Tests suggeriert wird” (Gould 1983, S. 256). Für die weitere Entwicklung sowohl des Begriffs, als auch des Instrumentariums jedenfalls mussten aber weitere grundsätzliche Annahmen konstruiert werden, wie etwa die, dass es einen (einzigen) Wert der Intelligenz gibt, der durch die Messung als Einzelgröße auch bestimmbar, also zu testen, ist. Einseitig in diese Richtung ausgelegt wird der Intelligenzbegriff wiederum unzureichend, weil die menschliche Denkfähigkeit endgültig auf das Konstrukt einer Informationsverarbeitung und -reproduktion reduziert wird.

“Allgemeine” Intelligenz vs. agiles Denken

Es war der britische Mathematiker Alan Turing, der sich, im Anschluss daran, Gedanken dazu machte, wie ein Test aussehen könnte um zu überprüfen, ob denn eine Maschine intelligent sei. Der Turing-Test war geboren und mit ihm wiederum die endgültige Festlegung von Intelligenz als Eigenschaft eines Rechenvorgangs im Sinne einer Informationsverarbeitung. Zunächst nur theoretisch skizziert wurde der Turing-Test fester Bestandteil des sich nun neu formierenden Fachgebiets der Informatik, das sich von Anfang an künstliche Intelligenz nannte. Dem Test diente bereits die Nachahmung intelligenten Denkens und Verhaltens (“als ob sie intelligent wäre”) als Nachweis für eine Intelligenz der entsprechenden Maschine. Es galt also, Programme zu entwickeln, die eigenständig Schlussfolgerungen ziehen können — oder zumindest so tun, als ob sie das könnten.

Im Rahmen der theoretischen Debatten darum, ob es eine starke, also dem Menschen gleichende künstliche Intelligenz geben könne, entwickelten sich nun weitere verschiedene Vorstellungen. Aber nahezu alle Anhänger einer (starken) KI und einer “Computertheorie des Geistes glauben [bis heute], dass der Geist zum Gehirn in der gleichen Beziehung steht wie die Software zum Computer” (Gelernter 2016, S. 19). Ohne Zweifel lässt sich sagen, dass die Entwicklung künstlicher Intelligenz parallel mit der Entwicklung und Steigerung der Leistungsfähigkeit von Computern vonstatten ging. Das erklärt auch die neuere Dynamik der Entwicklung aufgrund exponentiell gestiegener Rechenleistung und vor allem von zur Verfügung stehenden Daten.

Was ist nun eine künstliche Intelligenz?

Wie bisher skizziert, war es einerseits kein Zufall, dass das Thema künstliche Intelligenz in engem Zusammenhang mit elektronischen Möglichkeiten der Datenverarbeitung einherging. Alan Turing stellte auch deshalb die Frage, ob Maschinen denken könnten, weil es zum ersten Mal Maschinen gab, die komplizierte Berechnungen anstellen und in einer begrenzten Zeit abschließen konnten. Diese Frage konnte also sinnvoll gestellt werden, weil eine Antwort darauf überprüfbar wurde. Andererseits ist die parallele Entwicklung des Begriffs Intelligenz und seiner Testmöglichkeiten tatsächlich ein Zirkelschluss. Zumindest die Tests können keine Antwort darauf geben, was Intelligenz tatsächlich “ist”. Überprüfbar ist hier nur, ob die Antworten zum Frageschema passen, während sich das “ist” philosophisch darauf bezieht, was Intelligenz für eine “Entität” darstellt oder mindestens, was sie bedeutet und welche Eigenschaften sie hat.

Vor diesem Problem steht auch die Entwicklung der KI, weshalb es keineswegs zufällig so ist, dass die Entwicklung einer menschenähnlichen KI im Prinzip seit der damaligen Zeit keine nennenswerte Fortschritte gemacht hat. Eine starre, erblich bedingte (und damit im Prinzip nicht änderbare) Zahl und Vorstellung von Intelligenz stand schon immer einer unheimlich flexiblen, heute würde man sagen agilen, Verstandestätigkeit gegenüber, die Menschen bereits durchschnittlich an den Tag legen. Die derzeitige explosionsartige Entwicklung der KI, die eigentlich sinnvollerweise mit dem Begriff algorithmischer Systeme belegt werden sollte, betrifft insofern vor allem die so genannte schwache KI. Hierbei wiederum geht es — bei aller Leistungsfähigkeit — zunächst nur darum, das menschliche Denken in einzelnen und sehr eingegrenzten bzw. spezialisierten Bereichen zu unterstützen. Zum Teil mit Hilfe von ganz vielen denkenden Menschen, die die Programme “trainieren”, bis sie zu den ursprünglich geforderten eigenständigen Schlussfolgerungen kommen können.

Sind künstliche Intelligenzen intelligent?

Am Ende noch einmal die Frage: Sind nun künstliche Intelligenzen tatsächlich intelligent in dem Sinn, was man alltagssprachlich darunter versteht? Sind andererseits Menschen das Gegenteil davon, also massenhaft dumm, wie einige Autoren fest- oder unterstellen? Wenn man über Menschen eins sagen kann, dann ist es das, dass sie mit Sicherheit unvollkommen sind. Andererseits ist das auch eine menschliche Stärke, beispielsweise im künstlerischen und oder kreativen Bereich. Worin Menschen im Allgemeinen aber wirklich intelligent sind ist, dass Menschen — im Gegensatz zur KI — aus unglaublich wenigen Daten Informationen gewinnen und Wissen aufbauen können. Dabei kommt ihnen zugute, dass Sie in Form eines “gesunden Menschenverstandes” und aufgrund von Handlungserfahrungen (intuitiv) viel kausales Wissen und teleologische Wahrnehmungen, beispielsweise von Handlungsgründen, einbringen.

Das sind wiederum “Tatbestände”, die eine künstliche Intelligenz bisher erst aufwendig berechnen muss, so sie denn im einzelnen überhaupt dazu in der Lage ist. Verstehen wird eine künstliche Intelligenz in absehbarer Zeit nicht, was Intelligenz eingentlich ist. Sie verhält sich aber immer öfter zumindest so, als ob sie intelligent wäre. Ein zentrales Problem, das bereits bei der Entwicklung von Intelligenztests offensichtlich wurde, bringt auch die KI — und das bereits in der schwachen Version — mit. Wie objektiv sind die Ergebnisse der Intelligenztests tatsächlich? Sind die Testergebnisse gute Prädiktoren, kann man sich also auf die Entscheidungsempfehlungen, die die Tests geben sollen, einigermaßen verlassen? Es stellte sich nämlich bei den Tests sehr schnell heraus, dass sie kulturelle Voreingenommenheiten transportieren und Geschlechterklischees festigen. So mancher Einstellungsalgorithmus heute lässt grüßen.


Dieser Blogbeitrag wurde ursprünglich gemeinsam von Siegfried Lautenbacher und Alexander Klier im Oktober 2018 auf unserem Corporate Blog veröffentlicht. Diese Wiederveröffentlichung enthält einige Korrekturen, Ergänzungen und textliche Änderungen.


Verwendete Literatur

Hans Magnus Enzensberger (2006): Im Irrgarten der Intelligenz. Ein Idiotenführer. Vontobel Schriftenreihe oder (gekürzter) Artikel unter https://www.nzz.ch/articleEN2QA-1.74794

David Gelernter (2016): Gezeiten des Geistes. Die Vermessung unseres Bewusstseins. Berlin, Ullstein

Stephen Jay Gould (1983): Der falsch vermessene Mensch. Birkhäuser

Dr. Alexander Klier

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Ich arbeite bei Beck et al. als Social Learning Consultant. Meine digitalen Kompetenzen, wie auch die Blogbeiträge hier, kommen aus diesem Zusammenhang.

Beck et al.

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