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Bild: PDPics — grammar-389907 auf Pixabay. Freie Verwendung unter den Bedingungen von Pixabay.

Grammatik der Regeln einer Digitalen Zusammenarbeit

Beck et al.
Jan 19 · 6 min read

Dies ist die adaptierte Fassung des ursprünglichen Blogbeitrags einer Grammatik der Regeln der digitalen Zusammenarbeit, die wir im Rahmen unseres Corporate Blogs 2017 veröffentlicht hatten. Es ist quasi die Version bzw. das Update 2021. Es schreibt das Autorenteam Alexander Klier und Siegfried Lautenbacher.

War das Jahr 2020, nicht nur durch Corona, ein ganz besonderes und ziemlich herausforderndes Jahr, so schauen wir jetzt kraft- und hoffnungsvoll in das Jahr 2021. Wir starten es — ganz bescheiden — mit einer Grammatik der digitalen Zusammenarbeit. Hä? Eine Grammatik? Ja. Genau das ist es, was wir brauchen, denn mit Corona “fiel” in einem bisher unbekannten Ausmaß die digitale Zusammenarbeit über die meisten Unternehmen her.

Allerdings eher zwangsläufig, ganz praktisch und deshalb vielfach über Versuch und Irrtum. Alleine deshalb wurde die digitale Zusammenarbeit nicht immer freundlich begrüßt oder gar in die Zukunft weiterentwickelt. Nicht wenige warten also darauf, dass der ganze Spuk im Laufe des Jahres vorübergeht und anschließend wieder Business as usual betrieben werden kann. Doch das “New Normal” wird 2021 anders aussehen, weshalb eine richtige Grammatik wertvolle Dienste leisten kann.

Lassen Sie sich insofern ein wenig hinführen zu unseren Überlegungen, warum es einer Grammatik der digitalen Zusammenarbeit — und zwar unabhängig von Corona — bedarf.

Grammatik und (Sprach-) Gemeinschaften

Nur bei den wenigsten von uns war das Fach Grammatik in der Schule so richtig beliebt, weil es ja das bereits vorhandene praktische Wissen, im Sinne einer Sprachhandlung, auf einer Metaebene sowohl in seiner Struktur begründen, als auch für den Handlungsvollzug regeln will. Es fiel zumindest uns recht schwer, Grammatik als Beschreibung der Struktur einer Sprache zu verstehen und gleichzeitig als Werk, in dem Sprachregeln aufgezeichnet sind.

Eine Grammatik ist jedoch gleichsam der Bauplan des korrekten Sprachgebrauchs, indem es die normativen Regeln setzt. In einem übertragenen Sinn bedeutet Grammatik deshalb, etwas “Wesensbestimmendes” zu sein, also beispielsweise eine Beschreibung einer dem jeweiligen Thema “innewohnenden Struktur” zu liefern bzw. die “Tiefenstruktur” zu erkennen. Und genau das soll diese Grammatik der digitalen Zusammenarbeit leisten: eine Wesensbestimmung sein und ein Regelwerk für eine zu gestaltende Tiefenstruktur der Organisation darstellen.

Die hier beschriebenen Strukturprinzipien sind für die aufmerksamen Leser unseres Beck et al. Blogs nichts wirklich Neues. Sie fassen jedoch erstmals konzise zusammen, was wir bei Beck et al. in der praktischen Umsetzung bei unseren Kunden erfahren haben. Im originär philosophischen Sinne stellen sie eine Wesensbestimmung der digitalen Zusammenarbeit dar. Und im ganz persönlichen Sinn geben sie auch unsere eigenen Überzeugungen kraftvoll wieder. Auch als Unternehmen wollen wir uns schließlich — und das nicht nur in den Beratungsleistungen — daran messen lassen.

Dabei gilt auch für uns: die Regeln der digitalen Zusammenarbeit nicht nur aufzuzeichnen, sondern auch weiter zu entwickeln, kann selbst nur als kollaborativer und sozialer Akt gelingen. Als gültiges Regelwerk darf es also nicht nur auf unseren persönlichen Sichtweisen beruhen, sondern es muss, ganz wie die natürliche Sprache, Teil des Handlungsvollzugs einer entsprechenden Community werden. Dabei muss das grammatikalische Regelwerk offen für die weitere Entwicklung bleiben, schließlich sind auch Sprachen und Sprachsysteme etwas sehr Lebendiges.

Starten wir zunächst, und ab hier wird es jetzt formaler, mit der Grundregel, sozusagen als Basisregel oder als Regel aller (nachfolgenden) Regeln:

Die Grundregel

Etymologisch gesehen wurde Kollaboration im 19. Jahrhundert dem französisch collaboration (= Zusammenarbeit) entlehnt. Es geht als Wort auf das lateinische collabōrāre (aus: con-’mit’ und laborare-’arbeiten’ = mit-arbeiten) zurück. Social, als zweiter Teil des Begriffs, ist ebenfalls dem Französischen entlehnt und stammt ursprünglich ebenfalls aus dem Lateinischen. Sociālis ist eine Ableitung aus dem Begriff “socius” und bedeutet so viel wie “teilnehmend, in Verbindung stehend, zugesellt“.

Aus obiger Grundregel lassen sich Einzelregeln, in ihrem Zusammenhang als Regelsatz insgesamt, ableiten. In der Praxis von Sprachgemeinschaften gilt, dass sich mit wenig Regeln und einem großen Wortschatz unendlich viele unterschiedliche Romane schreiben lassen. Es braucht dafür nur eine entsprechende Kreativität. Aus unserer Sicht gilt das auch für die Grammatik der digitalen Zusammenarbeit, die, wenn die Regeln entsprechend kreativ umgesetzt werden, eine organisational einzigartige Geschichte (und Erfolgsstory) — als tiefenstruktureller Dialekt — ergibt.

Die Regeln der Grammatik

  1. Die kleinste ökonomische Wertschöpfungseinheit ist das Team (Community). D.h., die individuelle Leistungsfähigkeit im Sinne einer produktiven Befähigung ergibt sich immer aus dem Gruppenkontext.
  2. Soll dieser Zusammenhang im Sinne einer organisationalen Wertschöpfung fruchtbar gemacht werden, so ist der Bauplan dieser Organisation im Sinne der Ermöglichung und Einbindung von Communities in die Organisationsstruktur zu gestalten.
  3. (Digitale) Communities weisen bestimmte Eigenschaften auf, die für sie konstitutiv sind. Dazu gehören das Prinzip der Augenhöhe genauso wie die (tatsächliche) Autonomie der Mitglieder und die Selbstbestimmung bei der Gestaltung der internen Zusammenarbeit. Sie müssen auch im Rule-Set der Organisation er- und verfasst werden.
  4. Communities können nicht bestimmt oder “installiert” werden, sie entstehen durch Vernetzung derjenigen Beschäftigen untereinander, die ein Thema gemeinsam befördern, ein Produkt oder eine Dienstleistung zusammen erstellen bzw. ein Problem kollaborativ lösen wollen. Auch diese Grammatik gilt es festzuhalten.
  5. Führungsaufgaben in Communities werden anhand von Rollen verteilt, die temporär nach den jeweiligen Aufgaben und Fähigkeiten der Teammitglieder besetzt werden. Erst dann können sie zu einem integralen Bestandteil der Geschäftsprozesse werden.
  6. Der Zusammenhang und die Orientierung der Communities an den übergeordneten Unternehmenszielen wird zum einen über das jeweilige Interessengebiet der Community, zum anderen über das Leben der Prinzipien des jeweiligen Unternehmens durch die Community-Mitglieder hergestellt.
  7. Ein Leben der Prinzipien, wie beispielsweise die Wertschätzung von Kunden, gelingt ausschließlich darüber, dass die Beschäftigten in einer digitalen Organisation selbst in diesem jeweiligen Sinne anerkannt werden.
  8. Teilen und (sich) Mit-teilen als „Beziehungskiste“ ergeben sich aus der kollaborativen Grundveranlagung, sind also ebenfalls grundsätzliche und angeborene Fähigkeiten von arbeitenden Menschen. Die konkrete Ausgestaltung der Prozesse in Organisationen entscheidet darüber, wie leicht dies beispielsweise über digitale Plattformen möglich wird.
  9. Auch das (digitale) Corporate Social Learning entspricht dem kollaborativen Zusammenhang. Es ist dann produktiv, wenn die Tiefenstrukturen der Organisation gesehen, reflektiert und so angepasst werden, dass Social Learning Prozesse tatsächlich praktiziert werden und das notwendige Wissen gemeinsam generiert sowie vernetzt geteilt, mithin wirksam!, wird. Dem entspricht auch die Struktur eines wirksamen Organisationswissens.
  10. Digitale Prinzipien wie etwa #WOL (Working out loud) oder Formate wie etwa Barcamps befähigen insbesondere Multiplikator:innen zum Lernen dieser Regeln und sind insofern fester Bestandteil eines institutionalisierten digitalen Corporate Social Learning. Inhaltlich getragen werden sie von Erkenntnissen der Gruppendynamik.
  11. Eine Kultur der Digitalität, gründend auf den Prinzipien Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität (Felix Stalder), ergibt sich als Kultur in Unternehmen aus der konsequenten Umsetzung der vorstehenden Regeln. Erst dann nämlich können sich die Beschäftigten als Menschen persönlich und gleichberechtigt begegnen (Gemeinschaftlichkeit), im Rahmen von Communities gemeinsam Wissen entwickeln und vernetzt teilen (Referentialität) sowie digitale Technologien partizipativ und vertrauensvoll in der täglichen Zusammenarbeit verwenden (Algorithmizität). Erst aus dem Zusammenspiel der Regeln im Rahmen einer solchen Kultur entsteht auch die Dynamik einer grundlegenden Transformation. Der umgekehrte Fall gilt nicht.

Dies ist nun unser aktueller Formulierungsvorschlag für eine Grammatik der digitalen Zusammenarbeit im Jahr 2021. Natürlich gilt auch hier, was wir oben bezüglich der Grammatik allgemein angemerkt haben: man muss die Regeln nicht explizit kennen und detailgetreu ausführen, um eine digitale Organisation aufzubauen oder einen Wandel dorthin zu initiieren. Andererseits aber helfen sie dabei, einen Blick darauf zu werfen, auf was es eigentlich ankommt und welche Schritte möglicherweise in einer sinnvollen Reihenfolge anzugehen sind. In den Worten, die Kurt Lewin zugeschrieben werden: es gibt nichts praktischeres, als eine gute Theorie.

Zentral für ein Gelingen ist aus unserer Sicht dabei mindestens, den normativen Anspruch, der hinter den Regeln — und dahinter noch einmal hinter dem Menschenbild — steckt, im organisationalen Handlungszusammenhang in den Communities einzulösen.

So: nun sind Sie dran. Gespannt warten wir auf weiterführende Ideen, kritische Einwürfe und natürlich andere Beispiele ganz praktischer Erfolge bei der organisationalen Umsetzung. Am Arbeiten im Sinne dieses grammatikalischen Werkes wollen wir uns — wie oben schon geschrieben — auch persönlich messen lassen.

Wir wünschen Ihnen einen kraftvollen Start im Neuen Jahr und freuen uns darauf, den ein oder anderen von Ihnen 2021 wieder leibhaftig zu begegnen und über die Regeln zu diskutieren.

Beck et al.

*Arbeiten ist Zusammenarbeiten*.

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