Situiertes Lernen und Communities of Practice

Beck et al.
Dec 9, 2019 · 8 min read

“Communities of practice do not reduce knowledge to an object. They make it an integral part of their activities and interactions, and they serve as a living repository for that knowledge” (Wenger, McDermott & Snyder, S. 9).

Bild: mary1826 — read-4208554 auf Pixabay. Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons 0, also als gemeinfreie Datei.


Ein Beitrag von Siegfried Lautenbacher und Alexander Klier.


Wir probieren ja schon sein geraumer Zeit, auf dem Learntec Kongress etwas zum Thema digitales Lernen beizutragen. Für das Programm 2020 ist nun erstmals gelungen, was uns alle sehr freut. Unter dem Titel „Situiertes Lernen. Konstruktion von gemeinsamem und geteiltem Wissen in Communities of Interest“ wird es am 29.01.2020 von 14:30 Uhr — 15:15 Uhr eine Session geben, in der unser Kollege Alexander Klier, gemeinsam mit dem Kollegen Jan-Christian Schraven von der Swiss International Airlines,

  1. aus einer eher theoretischen Perspektive das situierte Lernen (und seine Bedeutung für das Social Learning) vorstellt sowie
  2. Jan-Christian das am Muliplikator:innen Konzept der Lufthansa-Gruppe exemplifiziert, also zeigt, wie wir das in einem konkreten Projekt umgesetzt haben.

Moderiert wird der gesamte Slot von Dr. Jacqueline Henning vom Steinbeis-Transferzentrum.

Unser Anliegen mit diesem Beitrag ist es, den theoretischen Background zu liefern, der in den 15 Minuten der Präsentation tatsächlich nur angerissen werden kann. Diesem Umstand ist auch die etwas längere Literaturliste geschuldet. Hauptsächlich beziehen wir uns dabei auf das Werk „Situated learning. Legitimate peripheral participation“ von Jean Lave und Etienne Wenger (darauf beziehen sich die reinen Seitenzahlen). In einem zweiten Teil, also einem eigenen Blogbeitrag, möchten wir, daran anschließend, die theoretischen Überlegungen mit dem Konzept abgleichen, das wir tatsächlich praktisch umgesetzt haben (und dessen Einsatz Jan-Christian Schraven vorstellen wird). Am Ende wird es nach dem Learntec-Kongress 2020 die Dokumentation (Präsentation) dazu geben, ggf. erweitert um einen berichtenden Blogbeitrag von Kongress und Messe zusammen.

Situiertes Learning

„We have come to the conclusion […] that there is no such thing as ‘learning’ sui generis, but only changing participation in the culturally designed settings of everyday life” (Chaiklin & Lave, S. 6).

Im Gegensatz zu den klassischen psychologischen Lerntheorien, wie etwa dem Behaviourismus oder dem Konstruktivismus, greifen die Überlegungen zum situierten Lernen den Umstand auf, dass Menschen soziale Wesen sind und auch das Lernen üblicherweise in einem sozialen Kontext stattfindet. Das gilt selbst — oder eigentlich besonders — dann, wenn es sich um gezielte bzw. institutionalisierte Lernanstrengungen handelt, beispielsweise das Lernen in Organisationen. Im Zentrum der Überlegungen steht dabei, dass der soziale Kontext — im Sinne spezifischer Settings — eine eigenständige Lernbedingung für die beteiligten Menschen darstellt. Das Setting bzw. die Situiertheit wird dabei zugleich durch die sozialen Interaktionen der Lerner:innen weiter entwickelt. Das dazugehörige Wissen ist in der Community verteilt und wird ebenfalls gemeinsam gelernt, da es keinen “fixen Gegenstand” darstellt, sondern entwickelt und interpretiert werden muss.

Lernen ist in diesem Rahmen, buchstabiert man das zu Ende, keine „Leistung“ des Individuums mehr, sondern ein gemeinsamer Prozess, denn Lernende, ihre (Lern-) Handlungen und die gemeinsame Lernumgebung bedingen einander. „Learning is a process that takes place in a participation framework, not in an individual mind“ heisst es dazu denn auch im Vorwort des Buches (S. 15). Die Theorie des situierten Lernens will ausdrücklich keine Lerntheorie sein. Sie stellt auch keine Gegenposition zur „absichtlichen Instruktion“, also den klassischen Unterricht oder normale Seminare dar. Eigentlich geht es beim situierten Lernen um einen „analytical viewpoint on learning, a way of understanding learning“ (S. 40). Um zu verstehen, wie dieses Lernen funktioniert, bedarf es eines intensiven Blickes auf die jeweilige Lernpraxis, wie sie paradigmatisch in Communities of Practice sichtbar wird.

Communities of Practice

„As it may be realized, Lave & Wenger conceptualizes learning as the property of the community of practice. This is an alternative to the traditional understanding of learning as cognitive activity in the human individual” (Christensen, S. 128).

Die meisten absichtsvollen Lernhandlungen von Menschen finden in Situationen statt, in denen das Lernen in die alltäglichen Handlungen eingewoben und eingebettet ist. Das situierte Lernen versteht deshalb Lernen als immer schon vorhandene soziale Praxis, als eine „legitime periphere Partizipation“, wie der Untertitel des Buches sagt. Der Partizipationsgedanke soll zum Ausdruck bringen, dass es vielfältige direkte und indirekte Wege einer kollaborativen Lernbeteiligung gibt. Insofern steht als erstes die gemeinschaftliche Lernpraxis im Vordergrund. Davon ausgehend richtet sich das Erkenntnisinteresse dann darauf, unter welchen Bedingungen die notwendige Aushandlung der Bedeutung von Wissen für die Lerner*innen erfolgreich stattfinden kann.

Der Wissenserwerb von Menschen ist ganz allgemein eng an die Bedeutungsaushandlung von Wissen gekoppelt. Die individuelle Bedeutung stellt nämlich die notwendige Voraussetzung für die Integration von neuem Wissen in das vorhandende Wissen dar. Das dazugehörige Lernen ist selbst nicht direkt beobachtbar und in jedem Fall etwas anderes, als ein reines Abspeichern von Informationen. Eine Aushandlung der Bedeutung umfasst auch die Regelsetzung bezüglich des konkreten Wissenserwerbs. Dem Community Gedanken folgend gehört dazu weiter eine Transparenz über das verfügbare Wissen und die Kompetenzen der anderen Community-Mitglieder. Gelingt es, eine solche Community of Practice (CoP) zu etablieren, sind die empirischen Ergebnisse recht eindeutig: „Sie zeigen einen signifikanten Anstieg tiefen Verstehens nach einem halben Jahr Unterricht in kollaborativen Gruppen” (Gerstenmaier & Mandl, S. 459).

Kollaboratives Wissen

„In conclusion, wie emphasize the significance of shifting the analytic focus from the individual learner to learning as participation in the social world, and from the concept of cognitive process to the more-encompassing view of social practice“ (S. 43).

Vor allem in den Unternehmen haben bestehende Communities of Practice gezeigt, dass die Partizipation im Rahmen einer Gemeinschaft, speziell auf der Ebene von Gruppen und Teams, sowohl für den Wissenserwerb, als auch für die Weitergabe von Wissen entscheidend ist. Erst dadurch ergibt sich, im Gegensatzu zu Datenbanken, eine fruchtbare und vor allem “lebendige Quelle” von Wissen. Eine Communitiy of Practice ist dabei von Anfang an Ausdruck kollaborativen Lernens, und das unabhängig von konkreten technologischen Bedingungen. Ein absichtsvolles Lernen in Communities of Practice setzt die Freiwilligkeit des Lernens voraus, kann also nicht angeordnet werden. Ebensowenig wie die Communities selbst „auf Befehl“ entstehen. Insofern spricht Etienne Wenger später von der Kultivierung von Communities of Practice. “Not so long ago, companies were reinvented by teams. Communities of practice may reinvent them yet again — if managers learn to cultivate these fertile organizational forms without destroying them” (Wenger & Snyder, S. 139).

Kultivierung des Wissens und seiner Weitergabe — das ist ganz analog zum Kulturbegriff zu verstehen und hat nichts mit klassischem Wissensmanagement zu tun. Eine Kultur kann man beispielsweise nicht etablieren, weil sie sich als Folge der jeweiligen Praktiken und Regeln in den Unternehmen ergibt. Situiertes Lernen gibt es insofern auch in allen Organisationen, aber Communities of Practice entstehen daraus erst im Rahmen einer spezifischen Lernkultur. Über eine Änderung des Regelsets (Ruleset) bezüglich des Lernens können Organisationen nun versuchen, eine entsprechende Kultur entstehen zu lassen. Für das Corporate Learning bedeutet das genauer, dass das Lernen (wieder) in die Praxis der Arbeitsprozesse integriert werden muss. Dabei ist darauf zu achten, dass sich mit Hilfe bestimmter Produkte (beispielsweise Office365) zwar Probleme lösen lassen, allerdings erst dann, wenn der Fokus auf der Praxis und ihren Prozessen liegt, nicht auf der Technologie als solche. Die Produkte bleiben weiterhin Werkzeuge im Rahmen des situierten Lernens, über deren konkrete Verwendung müssen sich die Lernenden verständigen und gemeinsam einigen.

Der Vorteil besteht darin, dass die im Rahmen solcher Communities entstehenden Kompetenzen — im Sinne einer Anwendung von Wissen auf konkrete Handlungssituation — automatisch den Transfer sicherstellen. Oder vielmehr und richtiger gesprochen: Es gar keinen Transfer (mehr) geben muss, weil das Wissen um die Herausforderungen herum und im Rahmen von ganz konkreten Zusammenhängen erworben wurde. Mit dem prüfenden Analyseinstrument des situierten Lernens lässt sich die betriebliche Praxis daraufhin untersuchen, wo es bereits Communities of Practice gibt bzw. welche Anwendungsfälle sich besonders dafür eignen. Schließlich lässt sich klären wie die ermöglichenden Prozesse beschaffen sein müssen, damit die Möglichkeit des kollaborativen Wissenserwerbs und Wissenstransfers, über besagte Communities of Practice, signifikant erhöht wird. Insofern eignet sich das Situierte Lernen, verbunden mit der Lerntheorie des Social Learning, unserer Meinung nach wie kaum etwas sonst als Antwort auf die derzeitigen Herausforderungen des Corporate Learning.

Corporate Social Learning

„This means that the contributions we make as individuals depend more on our ability to work with others than on our individual mental horsepower […] It also means that we learn best when we’re thinking with others” (Sloman & Fernbach, S. 16).

Die mathetisch passende Lerntheorie zum Konzept des Situierten Lernens ist das Social Learning. Ein Corporate Social Learning wäre dementsprechend die Entwicklungsrichtung, die das Corporate Learning einschlagen kann, um in einer VUCA Welt das (digitale) Lernen neu zu gestalten. Erst über das Social Learning wird es gelingen, die kollektive Intelligenz jeder Organisation systematisch und im Sinne ko-kreativen Handelns zugänglich zu machen. Dieser Pfad muss sich freilich erst noch gegenüber den derzeitigen Bemühungen durchsetzen, das Lernen in den Unternehmen auf dem behaviouristischem Weg der meisten E-Learning Programme neu und hochindividualisiert zu organisieren. Zu dieser Thematik haben wir uns anhand einer LinkedIn Studie hier bereits kritisch aneinander gesetzt.

Das soziale Lernen in den Unternehmen erfordert dabei eine eigenständige und aktive Gestaltung der jeweils situativen Lernbedingungen in der Organisation. Dazu gehört auch der Dialog der Begleiter:innen mit den Lerner:innen auf Augenhöhe und eine Ermächtigung im Sinne der eigenständigen Gestaltbarkeit der entsprechenden Lernstrukturen — wie natürlich auch der Lerninhalte. Die Inhalte wiederum ergeben im Rahmen des situierten Lernens fast schon automatisch: Schließlich wollen die Mitarbeiter:innen in der Regel ihre Arbeit möglichst gut (gemeinsam) erledigen. Für diesen Zweck lernen sie auch gerne und bereitwillig. Geht man in Organisationen diesen Weg, dann bilden sich aus der Praxis des kollaborativen betrieblichen Handeln sehr schnell (digitale) Communities of Practice heraus.

Was heißt das nun konkret? Wie können Lernveranstaltungen aussehen, die das Prinzip umsetzen ohne bereits direkt eine Community of Practice zu sein? Funktioniert soziales Lernen überhaupt ohne Communities of Practice? Welche Konzepte können hierbei zu Grunde gelegt werden? Wie kommt man über kollaboratives Lernen zu den besagten Communities? Das sind die Fragen des zweiten Teils dieser kleinen Blogreihe, der anhand eines konkreten Konzepts, bzw. der Umsetzung eines partizipativen Ansatzes im Rahmen einer Multiplikator:innen Ausbildung, den Versuch macht, die Prinzipien des situierten Lernens zu zeigen und Bedingungen dafür anzugeben, dass es in Unternehmen umgesetzt werden kann.

To be continued …


Verwendete Literatur

Seth Chaiklin & Jean Lave (1993): Understanding Practice — Perspectives on Activity and Context

Stephen Sloman und Philip Fernbach (2017): The Knowledge Illusion. Why we never think alone. Riverhead Books

Jochen Gerstenmaier & Heinz Mandl (2001): Methodologie und Empirie zum situierten Lernen. In: Schweizerische Zeitschrift für Bildungswissenschaften 23/3, S. 453–470. Verfügbar unter https://www.pedocs.de/volltexte/2011/3775/pdf/SZBW_2001_H3_S453_Mandl_D_A.pdf

Jean Lave (1992): Learning as Participation in Communities of Practice. Text verfügbar unter http://www1.udel.edu/educ/whitson/897s05/files/Lave92.htm

Jean Lave & Etienne Wenger (2011): Situated learning. Legitimate peripheral participation. Cambridge University Press

Etienne Wenger & William M. Snyder (2000): Communities of Practice: The Organizational Frontier. In: Harvard Business Review 1/2000, S. 139–145

Etienne Wenger, Richard McDermott & William M. Snyder (2002): Cultivating Communities of Practice. Kapitel 1 verfügbar unter http://cpcoaching.it/wp-content/uploads/2012/05/WengerCPC.pdf

Beck et al.

*Arbeiten ist Zusammenarbeiten*. Von Menschen, Daten, Infrastrukturen. Dafür stehen wir.

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