Dr. Alexander Klier
Sep 7 · 6 min read
Definitionen können eine verzwickte und verwirrende Sache sein. Wie das Spiel im Bild, das zunächst verwirrend scheint. Begriffliche Definitionen helfen aber dabei, den beschriebenen Tatbestand oder Sachverhalt zu begreifen und zu klären. Das wollen wir mit dem Begriff Social Collaboration im Folgenden tun.
Bild: David McSpadden — Cooperation Game auf Flickr (hier). Verwendung unter den Bedingungen der Creative Commons — Namensnennung (BY).

Da erreichte uns doch seinerzeit ein interessanter Hinweis per Mail, der sich auf die Frage bezog, wie wir denn den englischen Begriff Collaboration genau verwenden. Für mich persönlich sind ja Definitionsfragen eine wichtige Erkenntnisquelle, denn dazu muss man die entsprechenden Begriffe einengen und gegenüber anderen abgrenzen. Damit steckt man zugleich das Feld ab, in denen sie gelten, was sie meinen und was auch nicht zutrifft. Denn: Um eine Grenze zu erkennen bzw. ziehen zu können, muss man sie immer auch (gedanklich) überschritten haben. Meinte zumindest Hegel. Eine Definition des Terminus Social Collaboration ist für uns deshalb wichtig — und nicht wirklich selbstverständlich — weil wir ihn einerseits in Beziehung zu betrieblichen (digitalen) Kollaborationsplattformen setzen, andererseits in der deutschen Kurzform “Kollaboration” generell auf Arbeitsprozesse beziehen. Was, wenn nicht Zusammenarbeit, ist nun wirklich das Soziale daran? Warum also, mit anderen Worten, eine “soziale Kollaboration” im Bereich der Arbeit? Der Terminus Social Collaboration soll gerade bezüglich der Zusammenarbeit etwas ganz Spezifisches ausdrücken. Dehalb ist er es allemal wert, genauer geklärt zu werden. Darum wird es im weiteren in diesem Blog gehen.

Eine direkte Übersetzung

“In einem wertfreien Sinn wird Kollaboration heute […] als Synonym für Zusammenarbeit […] verwendet […] In diesem Sinne stellt eine Kollaboration bzw. Zusammenarbeit eine starke Form einer Kooperation dar.” (Wikipedia)

Es ist nicht verkehrt, zunächst mit einer direkten Übersetzung und der Herstellung einer Beziehung zur Wortherkunft (Etymologie) zu beginnen. Eine direkte Übersetzung bringt uns zunächst die Erkenntnis, dass der Begriff Collaboration mit Kollaboration übersetzt wird :-). Das hört sich anders an als Zusammenarbeit, ist aber von der Wortbedeutung her zumindest ähnlich. Kollaboration wurde im 19. Jahrhundert dem französisch collaboration (= Zusammenarbeit) entlehnt. Es geht als Wort auf das lateinische collabōrāre (aus: con-’mit’ und laborare-’arbeiten’ = mit-arbeiten) zurück. Seit dem zweiten Weltkrieg ist es umgangssprachlich, wiederum durch das Entlehnen aus dem französischen, oft negativ im Sinne einer “verräterischen Zusammenarbeit” konnotiert. Social, als zweiter Teil des Begriffs, ist ebenfalls dem Französischen entlehnt und stammt ursprünglich, wie auch Kollaboration, aus dem Lateinischen. Sociālis ist eine Ableitung aus dem Begriff “socius” und bedeutet so viel wie “teilnehmend, in Verbindung stehend, zugesellt”. Der Duden listet zum Adjektiv “sozial” vier Bedeutungen auf. Eine davon lautet: “Die Gesellschaft und besonders ihre ökonomische und politische Struktur betreffend”. Die Struktur der Zusammenarbeit — darum genau geht es beim Begriff einer Social Collaboration. Allerdings: Uns geht es in der Verwendung um die konkrete Realisierung der Zusammenarbeit im Unternehmenskontext.

Social Collaboration — ein Pleonasmus?

“Ein Pleonasmus liegt vor, wenn innerhalb einer Wortgruppe eine bestimmte Bedeutung mehrfach auf unterschiedliche Weise […] zum Ausdruck gebracht wird.” (Wikipedia)

Ist Social Collaboration als Begriff ein Pleonasmus? Ich denke nicht. Insbesondere dann nicht, wenn man die beiden Bestandteile des Terminus unterschiedlich verwendet. Ganz gewiss jedoch nicht, wenn es — wie von uns praktisch gemacht — der Beschreibung unterschiedlicher Zusammenhänge dient. In diesem Sinne wäre der erste, und zugegeben etwas grobe, direkte Übersetzungsvorschlag der einer “teilnehmenden” oder “gemeinsamen Zusammenarbeit”. Die Differenz, die ausgedrückt werden soll, besteht darin, dass man Zusammenarbeit im betrieblichen Kontext unterschiedlich organisieren kann. Das bisher existierende “Mainstream” Modell ist das einer tayloristischen Fabrikorganisation. Dieses Modell gilt bis weit in den Dienstleistungsbereich hinein. Der Gag dieses Modells ist der einer “vereinzelnden” oder besser einer (hierarchisch) “vermittelten Zusammenarbeit”, wenn man so etwas direkt in einem (anderen) Begriff fassen wollte. Denn im Prinzip werden hier die Beschäftigten als reine a-personale Individualisten betrachtet, die man über allerlei Tricks (beispielsweise durch extrinsische Anreize oder auch harte Bestrafung) zum Arbeiten bringen muss und die über das hierarchische Management gelenkt bzw. gesteuert werden müssen. Sonst droht das Chaos. Diese Menschen haben konsequenterweise außerhalb der Arbeit kein gesondertes Interesse am Arbeitsprozess oder den Produkten.

https://vimeo.com/118219210

Der Film “Augenhöhe — für eine neue Arbeitswelt” zeigt in unseren Augen sehr schön, wie eine Social Collaboration funktioniert bzw. zu organisieren ist. Interessant daran ist vor allem, dass sie auch analog organisiert werden kann.

Einbettung/Sharing mit freundlicher Genehmigung des Kernteams. Weitere Informationen und vor allem Diskussionen auf der eigenen Webseite von Augenhöhe hier.

Eine Kooperation als zweckorientiertes “Zusammenwirken von Handlungen zweier oder mehrerer” Personen “in Arbeitsteilung, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen” (Wikipedia) würde, um im Bild zu bleiben, die klassischen tayloristischen Formen der Zusammenarbeit tradieren, in dem sie, quasi in Ausnahmesituationen, gemeinsames Handeln als sinnvoll erachtet, bei dem aber weiterhin als a-personale Individuen auftretende Beschäftigte agieren. Auch klassische Projektarbeit stellt eine solche Form der Kooperation dar, denn die unterschiedlichen Kompetenzen werden der Gruppe — genauso wie die Aufgabe — zugeteilt. Eine Kollaboration dagegen bedeutet, dass die Beschäftigten als Personen im Rahmen einer Community (in ihren Profilen und Aktivitäten) sichtbar werden und sich als solche kollaborativ in den Entstehungs- und Gestaltungsprozess einbringen. Sie sind damit nicht nur in Form von Gruppen an der Entstehung aller Teile des Ergebnissen beteiligt, sondern auch mit personalen Kompetenzen (Rechten) ausgestatten. So entscheiden sie beispielsweise im Gruppenprozess selbst, wie die Kompetenzen der anderen beteiligten Personen am besten zu verteilen sind, um die Aufgaben zu erledigen. Typischerweise sind dann die genauen Beiträge zum Ergebnis nicht mehr im Detail nachvollziehbar. Doch am Ende stellen sie mehr dar, als nur die Summe der Einzelbeiträge. Social Collaboration bedeutet also in unseren Augen eine ökonomisch effizientere Form der Zusammenarbeit von sich ganz in den Prozess — in Form von Communities — einbringenden Personen. Über Social Software — oder aber Kollaborationsplattformen — ist eine Kollaboration besonders leicht zu organisieren. Sie ist jedoch nicht zwingend daran gebunden.

Radikal oder: Zurück zur Wurzel

“In einem beispiellosen Ausmaß hat sich der Homo sapiens daran angepaßt, in Gruppen kooperativ zu handeln und zu denken; und in der Tat sind die beeindruckendsten kognitiven Leistungen von Menschen […] nicht Produkte allein handelnder, sondern gemeinsam agierender Individuen” (Michael Tomasello).

Wäre es nur ein begrifflicher Unterschied, dann könnte man spätestens an dieser Stelle sagen: So what? Es ist aber nicht nur eine sophistische Haarspalterei, sondern eine wirkmächtige Einstellung, was das Verständnis und vor allem die reale Gestaltung von Arbeitsprozessen betrifft. Unsere Erfahrung bei Beck et al. bestätigt uns darin immer wieder. Das gilt ganz besonders für den Umstand, dass die technischen Möglichkeiten zu einer Kollaboration über betriebliche Plattformen eine zwar notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung dafür sind, dass eine Social Collaboration tatsächlich stattfindet. Diese wird sich erst ergeben, wenn das Soziale im Sinne gemeinsam teilnehmender Personen, mit allem was zum Personsein gehört, wieder zur Prämisse der Zusammenarbeit wird, beispielsweise in autonomen Communities, denen man sich freiwillig anschließt. Sonst funktioniert es nicht. Interessanterweise muss man die Mitarbeiter dazu gar nicht einmal gesondert befähigen — denn Menschen sind als Personen von Natur aus “Teamplayer”. Es wurde ihnen nur meist im Rahmen der Strukturen eines falsch verstandenen Menschenbildes im betrieblichen Kontext aberzogen. Insofern muss man sie eher durch klare Regelungen, dass eine Kollaboration ausdrücklich erwünscht ist, dazu befähigen, sie wieder zu (er-) leben. So gesehen ist eine Social Collaboration zwar eine Rückkehr zur Wurzel menschlicher Kooperation, aber gerade dadurch eine radikal andere Form der Zusammenarbeit. Radikal hier ebenfalls im etymologischen Wortsinne (= lateinisch: rādīx — Wurzel) verstanden. Mit einer echten Social Collaboration kann man im Sinne der Arbeitsorganisation zurückkehren zu dem, was Menschen in ihrer evolutiven Entwicklung ausgezeichnet und Personen hervorgebracht hat. (Besonders schön nachlesen kann man das im kleinen Buch “Warum wir kooperieren” von Michael Tomasello, das wir gerne weiterempfehlen. Das Zitat entstammt der Seite 13 dieses Buches.)

Haben wir nun richtig übersetzt?

“Besonders weit gediehen ist der Kooperationsgedanke in der neuen Organisationsform des Unternehmensnetzwerkes.” (Fraunhofer Institut, S. 5)

Das kommt — wie so vieles — darauf an. Zunächst gibt es keinen direkten Hinweis darauf, dass der verwendete Terminus “Collaboration” nur in einem bestimmten Sinn verstanden werden dürfte. Von der Idee her wäre auch eine (starke) Kooperation über die Unternehmensgrenzen hinaus eine “richtige” Übersetzung. Bleibt also auszulegen was jeweils beschrieben wird und wie diese Beschreibung begrifflich näher zu fassen ist. Ich denke, dass wir mit der Übersetzung im Sinne einer Kollaboration durchaus richtig liegen. Eine starke Kooperation muss Rückwirkungen auf die betriebliche Arbeitsstruktur bzw. die Kernprozesse haben. Das jedoch, so verstehen wir es jedenfalls, kann nur gelingen, wenn es zu einer echten Kollaboration kommt, denn nur hier werden alle (relevanten Personen und Gruppen) an allen Schritten der Prozesse beteiligt. Dabei gehen wir davon aus, dass es durchaus entsprechender technischer Voraussetzungen bedarf, diese(s) umzusetzen. Die Voraussetzungen wiederum sehen wir in bzw. mit Kollaborationsplattformen erfüllt. Dass dabei die Qualität der internen Kollaboration ein Maßstab dafür ist, wie gut die Vernetzung nicht nur technisch, sondern vor allem inhaltlich nach außen funktioniert, spiegelt insofern unsere oft gemachte Erfahrung wider.


Dieser Blogbeitrag wurde von mir ursprünglich am 02.07.2015 im Rahmen unseres Corporate Blog veröffentlicht. Er ist im inhaltlichen Teil unverändert übernommen worden. Lediglich der einführende Bezug auf eine (ältere) Studie wurde, wie auch am Ende, angepasst und damit zu einer Definition unsererseits verallgemeinert.

Beck et al.

*Arbeiten ist Zusammenarbeiten*. Von Menschen, Daten, Infrastrukturen. Dafür stehen wir.

Dr. Alexander Klier

Written by

Ich arbeite bei Beck et al. als Social Learning Consultant. Meine digitalen Kompetenzen, wie auch die Blogbeiträge hier, kommen aus diesem Zusammenhang.

Beck et al.

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