Learning Journey: inspiring organisations — Teil 9/10

Torben, Lucie und die Gelbe Gefahr — Das Experiment Selbstorganisation

Als wir TLGG in Berlin zwischen Kreuzberg und Friedrichshain besuchen, finden wir keine kalte, aufgeräumte Agenturfassade vor, sondern einen alten Backsteinbau, der ein lebendiges Arbeitsumfeld beherbergt und Vielfalt und Wachstum widerspiegelt.

Torben, Lucie und die Gelbe Gefahr — im Überblick
Torben, Lucie und die Gelbe Gefahr oder auch liebevoll TLGG genannt, wurde 2008 als eine der ersten Social-Media-Agentur Deutschlands gegründet und ist seitdem auf über 160 Mitarbeiter angewachsen. Das Team rund um die Gründer und Geschäftsführer Christoph Bornschein, Fränzi Kühne und Boontham Temaismithi begleitet Marken und Unternehmen ins Zeitalter der digitalen Transformation. Neben der klassischen Arbeit einer Kommunikationsagentur bietet TLGG auch umfassende Strategie und Consulting Dienstleistungen an. 2015 wurde TLGG an das internationalen Kommunikations-Netzwerk Omnicom Group mit Sitz in NY verkauft.

Angeregt durch den Verkauf der Agentur und das rasante Wachstum stellt man sich bei TLGG die Frage, was es braucht um auch in Zukunft innovativ und kreativ zu bleiben. Dazu wurde ein Veränderungsprozess ins Leben gerufen, der sich an der „Theory U“ orientierte und maßgeblich von Hie-suk Yang, in ihrer damaligen Rolle als Wissens-Managerin bei TLGG, gestaltet wurde.

Als wir nun Hie-suk Yang und ihren Kollegen und Mitstreiter Daniel Gona bei TLGG besuchen, ist der Prozess bereits ein Jahr im Gange. Die beiden erzählen uns, dass bei der grundlegenden Frage nach — was die Organisation wirklich braucht — recht schnell klar wurde, dass es um Strukturen und Prozesse geht. Das Thema Selbstorganisation rückte dabei in den Fokus. Schnell war klar es braucht Elemente aus Holacracy, aber viel freier, flexibler und reduzierter. So wurde eine Form von „Soziokratie 3.0“ entwickelt, die holakratische Grundprinzipien integriert aber auch Wholeness Elemente beinhaltet.

Daraus wurde ein Angebot für die Menschen bzw. Teams in der Organisation in Form einer Toolbox entwickelt, die den Mitarbeiter/-innen online Ressourcen für Selbstorganisation zu folgenden Themen zur Verfügung stellt:

  • Purpose / Sinn
  • Roles / Rollen
  • Decisions / Entscheidungen
  • Meetings

„An der Toolbox-Idee finde ich spannend, dass es eine sehr kundenorientierte, in diesem Fall sind die Kunden unsere Kollegen, Lösung ist, um zu kommunizieren welche Methoden es gibt und wie die genutzt werden können. Das ist etwas wo sich Kolleginnen und Kollegen selbstorganisiert bedienen, Feedback einstellen und damit erweitern können. Das ist eben kein Top-Down Prozess, sondern es ist ein Angebot, das einen Start darstellt, der iterativ und gemeinschaftlich erweitert werden kann.“ (Daniel Gona)

Bei der Ausgestaltung der Toolbox wurde nach dem Minimalprinzip vorgegangen. Es wurde gefragt was die Elemente wie Purpose, Meeting etc. mindestens brauchen um zu funktionieren. Die konkrete Ausformulierung und Anpassung an den Projektalltag wurden den Anwendern (in diesem Fall den Kolleg/-innen) selbst überlassen.

„Ein wichtiger Punkt, den wir für uns entschieden haben, wie wir dieses Thema (Selbstorganisation) einführen, war einer der eine Freiwilligkeit voraussetzt. Es gab für uns keine Verordnung: Selbstorganisation ist jetzt der neue Weg bei TLGG zu arbeiten, sondern eine weitere Möglichkeit.“ (Boontham Temaismithi, Co-Founder von TLGG)

TLGG überlässt es damit den Mitarbeiter/-innen sich für Selbstorganisation in den einzelnen Projekten zu entscheiden.

„Es gib die Theorie, dass lebendige Systeme nur darauf antworten was im eigenen System wohnt und das ist das was wir eigentlich gemacht haben. Wir haben geguckt was passt zu TLGG, was brauchen wir hier eigentlich, was bringt uns hier eigentlich was, denn ansonsten hätten wir es sofort wieder abgestoßen.“ (Hie-suk Yang)

Das Projekt Selbstorganisation bei TLGG ist ein Veränderungsprozess mit offenem Ausgang und es gilt abzuwarten, ob das System TLGG die neue Arbeits- und Organisationsform langfristig integriert oder aber wieder abstößt.

Wir waren sehr inspiriert von der Sorgfalt und Umsicht mit der das Thema Selbstorganisation in die Organisation getragen wurde. Hier wurden keine Patentrezepte verschrieben, sondern es wurde darauf geachtet was das System TLGG wirklich braucht.

Autor

Mag. Gregor Tobeitz
Principal bei der Beratergruppe Neuwaldegg