“Das ist Jammern auf hohem Niveau”


In traditionellen Medienunternehmen haben Datenjournalisten wie Lorenz Matzat noch kaum Einzug gefunden. Selbst in der Redaktion von “Die Welt”, die Onlinejournalismus lebt wie kein anderer Konkurrent, sucht man sie noch vergeblich. Warum ist das so? Was kann sich ändern? Warum Matzat die Ausrede, es sei kein Geld vorhanden, nicht gelten lässt, und wie datenjournalistische Arbeit in der Zukunft aussehen kann, erzählt er uns im Interview.


„Die Welt“ ist bereits zur Gänze auf online ausgerichtet. Artikel werden für den Webauftritt der Tageszeitung geschrieben, in das Printprodukt selbst gelangt nur ein Teil der Texte. Obwohl das Medienhaus die digitale Medienwelt vorbildlich lebt, gibt es dort, wie auch in unzähligen anderen Unternehmen, noch keine Datenjournalisten. Warum?

Die Ausbildungssituation ist sehr schlecht, weil es praktisch keine gibt. Datenjournalismus ist in der Regel eine Teamarbeit, in der einer programmiert, der andere designt, und ein dritter den journalistischen Part übernimmt und sich überlegt, was man erzählen möchte. Das kann man schwer erlernen, das lernt man nur, wenn man es macht. Redaktionen müssen Freiräume schaffen, und den Leuten erlauben, an datenjournalistischen Projekten zu arbeiten. Die Berliner Morgenpost macht das sehr gut — dort hat man einem Menschen sozusagen freie Hand gegeben und ihm Entwickler zur Seite gestellt. Deutschlandweit ist man dort, denke ich, am innovativsten. Ein Mal monatlich wird auch eine größere Datengeschichte veröffentlicht.

Die Medienbranche klagt über immer weniger Geld. Warum soll sich ein Medienunternehmen trotzdem Datenjournalismus leisten?

Ich würde sagen, dass es nicht stimmt, dass es weniger Geld gibt. Manche Verlage haben mehr Geld als je zuvor, Axel Springer ist das beste Beispiel. Das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich würde auch gar nicht sagen, dass es sich alle Verlage leisten können sollten. Ich denke jedoch, dass gute Tageszeitungen, Radio- oder Fernsehsender, die zeitgemäßen Journalismus machen wollen, sich mit Interaktivität auseinandersetzen müssen, weil der klassische 5.000-Zeichen-Artikel ein zunehmend fremdes Format wird. Nicht zuletzt weil es vor allem bei jungen Menschen fast selbstverständlich ist, dass etwas interaktiv und dynamisch auf eigene Interessen reagiert.

Ist es schlauer, wenn sich Medien an Datenjournalismus-Agenturen wenden, anstatt hausintern Journalisten auszubilden?

Es ist auf jeden Fall schlau, ein eigenes Team aufzubauen, wenn Datenjournalismus ein Bestandteil der Redaktion seinund regelmäßig bedient werden soll. Ich glaube, es macht für größere Medienhäuser und Lokalzeitungen Sinn, sich mit diesem Gedanken zu befassen. Datenjournalismus sollte eine Querschnittsabteilung zu anderen Abteilungen sein. Wenn es so etwas gibt, findet innerhalb der Redaktionen ein Know-How-Transfer statt, die Leute kommen dann von selbst auf die Idee, dass sie ein Thema datenjournalistisch angehen können.

Ist es für Sie denkbar, dass ein Datenjournalist ohne journalistische Kenntnisse auskommt?

Das kommt drauf an, welchen Part man übernimmt. Es gibt ganz wenige Leute, die alleine komplexen Datenjournalismus machen können, weil man so viele verschiedene Bereiche bedienen muss. Der Vorteil vom Team ist, dass sie alle etwas verbindet, meistens ein gesellschaftliches Interesse, Aufklärung, Auseinandersetzung oder Erkenntnisgewinn. Das braucht auch der Programmierer. Wenn man nicht emotional involviert ist, dann wird das nicht gut.

Fotos: Stephanie Schiller

Braucht umgekehrt jeder Journalist eine Ausbildung zum Datenjournalisten?

Man muss jedenfalls, wenn man in einer journalistischen Entscheidungsposition ist, bewerten können, welcher Produktionsaufwand hinter einem Projekt steckt, was technisch möglich ist und welche Leute man braucht. Der Journalist muss konzeptionell verstehen, was beispielsweise Programmierer machen, damit er sich mit ihm unterhalten kann. Die Ausbildung zum Datenjournalisten kann es glaube ich gar nicht geben. Es kann nur eine Ausbildung geben, in der ich verschiedenste Aspekte dieses Bereichs kennenlerne.

In der PR ist es üblich, einfache PDF-Dateien als Pressesendungen zu versenden, aus der Daten maschinell sehr schwer extrahiert werden können. Was kann die PR besser machen, dass der Datenjournalist einen einfacheren Job hat?

Sie kann Schnittstellen zur Verfügung stellen. Ich würde jedem Unternehmen, jeder NGO und auch den staatlichen Einrichtungen empfehlen, alle Daten in Datenbanken zu stellen und Journalisten erlauben, darauf zuzugreifen. Die PR hätte dann auch wesentlich weniger Anfragen, zudem hätte es eine schöne Wirkung für das Unternehmen nach außen. Leute fänden das, meiner Meinung nach, hinsichtlich der Transparenz angenehm, dass Daten öffentlich zugänglich zur Verfügung stehen. Es dient dem Ruf, denn Unternehmen wollen ja schlussendlich nichts anderes, als dass ihre Daten auch verwendet werden.

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