Die wunderbare Welt der Daten

Alle wollen Datenjournalismus, aber kaum einer weiß, wie man ihn macht. Abseits der großen Redaktionen baut eine kleine Berliner Agentur aus Datensätzen Geschichten, die auch Mama versteht. Ein Besuch bei OpenDataCity, wo Journalisten und „Techi-Jungs“ an der Vermessung der Welt basteln.

Marco Maas: Geschäftsführer von OpenDataCity, Nerd at Heart und Datenfreak (Foto: Andreas Eymannsberger)

„Sind Sie sicher, dass sie zu diesen Onlinern wollen? Da will ja keiner hin“, sagte man 1999 zu einem jungen Journalisten, der sich für ein Praktikum im Onlinebereich des NDR bewarb. Für den Nerd war die Antwort klar. Bald wurde Online cool und aus dem Nerd ein Datenjournalist. 2014 hat er nicht nur den CNN-Journalist Award in der Tasche, sondern auch sein eigenes Unternehmen. „Ich bezeichne mich immer noch als Journalist, aber im Grunde bin ich ein Vermittler zwischen meinen ‚Techi-Jungs’ und den Menschen da draußen“, erklärt Marco Maas. Seine „Techi-Jungs“, das sind heute sechs Programmierer, die im OpenDataCity (ODC) Büro in der Singerstraße 109 sitzen. Diese Adresse beheimatet nicht nur ein Hostel, sondern neben ODC auch die das Recherchebüro „Correctiv“ und den Verein „Open Knowledge Foundation“. „ODC“-Geschäftsführer Maas ist einer von „zweieinhalb“ Journalisten, die das Team komplettieren. („Der Dritte macht auch noch so’n bisschen Projekt Management“) Vom ersten Moment an, in dem wir das Büro betreten erzählt er genauso schnell wie begeistert von Datenjournalismus und seinen Projekten. So schnell, dass man es als Zuhörer schwer hat, geistig Schritt zu halten. So begeistert, dass die Begeisterung ansteckend ist. Manche Projekte, die Maas erwähnt, sind noch gar nicht spruchreif, aber „wir sind ja unter uns.“

Zwei unzufriedene Nerds und eine Idee

Der Grundstein für die Datenjournalismus-Agentur OpenDataCity wurde in einer Gracht gelegt. Datenjournalisten aus aller Welt hatten bei einer Konferenz in Amsterdam gerade den Hashtag #ddj (Data Driven Journalism) etabliert. Unter ihnen waren Lorenz Matzat und Marco Maas, die während einer gemütlichen Grachtenrundfahrt den Drang verspürten, sich über den deutschen Journalismus aufzuregen. „Wir beschlossen beide, dass es so nicht weitergehen kann und sagten, wir machen jetzt mal eine Agentur für Datenjournalismus. Wir nennen das einfach so und sagen, dass wir das können.“

„Da hat auch meine Mutter verstanden, dass das auch sie betreffen kann.”

Plötzlich gab es OpenDataCity und zumindest die Gründer glaubten an ihre Idee. Bald waren sie nicht mehr allein, denn „Die Zeit“ betraute sie mit der Umsetzung des Projekts „Vorratsdatenspeicherung“: Eine interaktive Visualisierung zeigt, wie man den Weg des damaligen Grünen Bundestagsabgeordneten Malte Spitz anhand seiner Telekom-Daten nachverfolgen kann. „Da hat auch meine Mutter verstanden, dass das auch sie betreffen kann, weil sie ein Handy hat“, meint Maas. Datenvisualisierungen machen Abstraktes greifbarer. Sie sind informative Eye-Catcher.

Für Maas ist der Zukunftsjournalismus vor allem servicegesteuert. „Wir verstehen das Digitale und wollen es aber so übersetzen, dass ein normaler Mensch versteht, wo die Relevanz für ihn liegt.“ Beim Streik der Deutschen Bahn programmierte ODC zuletzt eine Visualisierung, die anzeigt, wie viel weniger Züge im Vergleich zum Normalbetrieb unterwegs waren. „Die normale journalistische Darstellung wäre ein Foto eines leeren Bahnsteigs.“ Das meist geklickte ODC-Projekt war eine Visualisierung der Fläche der Aktenmengen, die die NSA gespeichert hat im Vergleich zu jenen der Stasi.

Bahnstreik-Visualisierung von OpenDataCity

Keine Angst vor Big Data

Während sich andere vor Big Data fürchten, träumt Maas davon, so viel wie möglich über sich und andere zu tracken. Wenn Daten zentral und standardisiert gesammelt werden, wären klügere Entscheidungen möglich, findet er. „Was ich nicht gut finde, ist, dass ein amerikanisches Unternehmen Wissen über mich hat, das ich selbst nicht habe.“ Es müsse transparent sein, was damit geschieht. „Google macht in dieser Beziehung schon sehr viel richtig “, meint er. Trotzdem sollte der Internetriese noch mehr dafür sorgen, dass die User auch genau verstehen, wofür die Daten verwendet werden.

ODC hat inzwischen viele erfolgreiche Projekte und Kooperationen mit etablierten Medien realisiert. Gemeinsam mit der „Zeit“ erhielt die Agentur einen Grimme Online Award für das Projekt „Vorratsdatenspeicherung“.

„Wir arbeiten nicht mit Atom- oder Rüstungsindustrie zusammen und nicht mit dem Springer-Konzern.“

Datenjournalismus ist zum In-Wort geworden, alle wollen ihn, keiner weiß recht, wie’s geht, und alle glauben, er sei teuer. „Ja, Datenjournalismus ist teuer, aber alles ist teuer“, meint Maas. „Der Wille in den Redaktionen ist einfach nicht ausgeprägt genug.“ Die Schwierigkeit für Redaktionen, die DDJ betreiben wollen, liegt auch im Workflow. Aufwendige Datenprojekte brauchen Zeit, die im täglichen Redaktionsbetrieb fehlt. Und Programmierer, die meistens im Newsroom fehlen. Bei ODC ticken die Uhren ein bisschen anders. Freitags um zwölf herrscht gähnende Leere im Büro. „Da wurde es wohl gestern beim #ddj Treffen etwas länger“, sagt Maas. „Philipp, unser erster Programmierer!“, ruft er dann überschwänglich als der erste Mitarbeiter das Büro betritt. Am Freitag muss hier keiner sein, wenn er keine Lust hat. „In der freien Wirtschaft könnten unsere Programmierer das Dreifache verdienen. Deshalb bieten wir ihnen stattdessen die Möglichkeit, einfach mal nicht zu kommen“, erklärt Maas sein „Zukunftsunternehmen“. Transparentes Einkommen, flexible Arbeitszeiten, mehr Geld für Mitarbeiter mit Kindern und die Chance, sich selbst auszuprobieren entstanden auch aus der Idee, es besser als andere Unternehmen zu machen. Einen klaren Grundsatz gibt es außerdem: „Wir arbeiten nicht mit Atom- oder Rüstungsindustrie zusammen und nicht mit dem Springer-Konzern.“

Finanzierungsbausatz

Geld verdient OpenDataCity nach verschiedenen Modellen. Ungefähr 60 Prozent des Geldes kommen aus der Auftragsarbeit. Maas hat ein Gespür für die Zukunft. Relevante Themen wittert er, bevor sie aktuell werden und setzt er seine Jungs darauf an. Nicht selten trifft er damit voll ins Schwarze. Bei erfolgreichen Projekten findet sich häufig jemand, der eine Anschlussfinanzierung für ein Folgeprojekt anbietet. Bei „Lobbyplag“ wurden 9000€ über Crowdfunding finanziert. „Seit zwei Jahren läuft es, unsere Umsätze steigen massiv“, bilanziert Maas.

Vieles stellt OpenDataCity unter freier Lizenz zum Einbetten im Netz zur Verfügung. Von Paywalls hält Maas wenig, Inhalte müssten sich verbreiten können. Zugleich kann gerade dadurch auch Mehrwert entstehen. Wenn etwa ein etabliertes Medium wie der Guardian die Datenanwendung von OpenDataCity einbettet, ist das auch gut für ODC: die ODC-Domain steigt im Google Ranking und gewinnt an Wert. Für die Agentur ist das auch eine Investition in die Zukunft. Vielleicht sogar ein Exit-Szenario. „Wenn wir alle nicht mehr können, verkaufen wir die Domain an eine Pornoseite“, schmunzelt Maas.

Text von Ines Abraham und Sarah Matiasek, im Rahmen des Projekts #betajournalism