Sind wir NEXT genug?

Ein paar Gedanken zur schwachen Präsenz von Technologie- und Zukunftsthemen in Deutschland im Kontext der NEXT15.

“How we will live” — Das war der Leitgedanke des diesjährigen NEXT Festivals in Hamburg. Insbesondere Mobilität, Entertainment und das Internet der Dinge sind die Schlüssel-Themen gewesen, mit denen sich das zweitägige Konferenz-Programm in Vorträgen, Diskussionen und Interviews auseinandersetzte. Zu jedem neuen Themengebiet gab es einen Video-Einspieler, in dem Vertreter der Digital Natives gebeten wurden, sich zu bestimmten Fragestellungen zu äußern: “Do you know what The Internet Of Things is?” Auch wenn es sich natürlich nicht um eine repräsentative Umfrage handelte, war es doch erstaunlich, dass diese Frage konsequent mit “Nein” beantwortet wurde. Erst musste ich lachen, wie viele andere im Saal auch. Dann wurde ich stutzig: Wie kommt es zu dieser Kluft zwischen der ausgiebigen Thematisierung von Zukunftsthemen in Unternehmen und der scheinbar noch nicht mal annähernd vorhandenen Präsenz bei angehenden Berufseinsteigern?

The thing with The Internet Of Things

Um es vorwegzunehmen: Ich bin mir darüber bewusst, dass wir — Vertreter der Medien- und Kommunikationsbranche — gewisser Weise in einer Blase leben, in denen Dinge besprochen und diskutiert werden, die so noch nicht in der breiten Masse angekommen sind. Wenn wir begeistert neue soziale Netzwerke wie Ello oder Periscope ausprobieren, dann haben andere im Zweifelsfall noch nicht mal etwas von Instagram und Snapchat gehört. Gerade bei neuen Technologien sollte uns das jedoch alarmieren: Denn klar ist, dass die Vernetzung der Dinge kommen wird, ob wir wollen oder nicht. Oder um es mit den Worten von Marcel Schouwenaar zu sagen, der auf der NEXT15 für einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem Internet der Dinge plädierte:

“This Internet Of Things thing is going to happen, no matter if you are sceptical or optimistic.”

Auch für deutsche Unternehmen gibt es hier essentielle Fragestellungen zu klären, um schon heute die Dinge zu entwickeln, die morgen gefragt sein werden. In Großunternehmen arbeiten Mitarbeiter aus Forschung & Entwicklung mit Hochdruck an diesen Themen, um mit dem Wettbewerb mindestens gleichauf zu sein. Für kleine und mittlere Unternehmen werden Programme geschaffen oder Initiativen gegründet, um sich fit für die Digitalisierung zu machen. Das Thema ist in aller Munde. Wie kann es also sein, dass gebildete junge Menschen, die kurz vor dem Jobeinstieg stehen, anscheinend noch nie mit dem Internet der Dinge konfrontiert wurden? Und damit meine ich nicht nur Regenschirme, die das Wetter vorhersagen oder Kühlschranke, die automatisch Lebensmittel nachordern, wenn diese zur Neige gehen.

Die Zukunft ist bereits da

Aktuell lese ich “Die Physik der Zukunft — Wie wir in 100 Jahren leben werden.” von Michio Kaku, welches unser Leben in der Zukunft zwischen jetzt und 2100 beschreibt. Allein der Blick aufs Heute zeigt, dass Technologie so viel weiter fortgeschritten ist, als manch einer das vermuten mag — ich selbst zähle mich dazu. Das Steuern eines Cursors per Gedankenübertragung zum Beispiel ist bereits erprobt. Spooky, oder? Einerseits ja, kennen wir so etwas bisher nur aus den Hollywood-Action-Filmen. Andererseits ist das ein unglaublich bereichernder Durchbruch, eröffnet es doch neue Möglichkeiten und erlaubt beispielsweise gelähmten Menschen, ein Stück Selbstständigkeit zurückzuerlangen. Und es gibt zahlreiche Beispiele mehr. Genau hier liegt eine wichtige Erkenntnis: Digitalisierung sollte nicht gleichgesetzt werden mit der alleinigen Erfindung von neuen, abgefahrenen Dingen, die eher “speziell” sind und daher für die Masse (noch) nicht interessant. Hierfür hagelt es in den Medien ja auch regelmäßig Kritik: Bei vielen Dingen fehlen oftmals die konkreten Anwendungsbeispiele, Neuerungen sind (noch) nicht alltagstauglich.

Daneben gibt es Bereiche, mit denen wir uns nur sehr ungern beschäftigen, die aber hochgradig relevant für jeden von uns sind. Beispielsweise Umweltverschmutzung, Gesundheitswesen, insbesondere Altenpflege und der Tod. Dass ein jeder von uns altern und sterben wird, ist ebenso sicher, wie die fortschreitende Vernetzung von Offline- und Online-Welt. Und genau deshalb muss hier geforscht werden. So auch Alexandra Deschamps-Sonsino in ihrem Vortrag “Knowing Things — How Consumers Relate to the Internet of Things”. Alex hatte sich bewusst dazu entschieden, nicht darüber zu sprechen, wie wir leben werden, sondern wie wir leben sollten. Denn gerade in den genannten Feldern gibt es noch viel Entwicklungs- und Forschungsbedarf, in den wiederum investiert werden muss. Aber wie geht das zusammen mit Nachwuchskräften, die kaum Berührungspunkte mit dem haben, was in Zukunft mehr und mehr gefragt sein wird?

Keine Zukunftsmusik in deutschen Lehrplänen

Ich stellte mir also die Frage, womit sich der Nachwuchs bis dato beschäftigt hat, wenn es nicht zukunftsgerichtete Themen sind. Da Zukunftsfragen auf Entwicklungen der Vergangenheit aufbauen, gelangte ich gedanklich unweigerlich zur eigenen Schulbildung. Da stand das Lernen von mathematischen Formeln auf dem Programm, die Auseinandersetzung mit geschichtlichen Hintergründen und deutscher Literatur der letzten Jahrhunderte, das Behandeln von Entwicklungen in Geografie und Politik, etc. Alles wichtig — gar keine Frage. Allein schon, um zu verstehen, warum wir (als Weltbevölkerung und als Nation) heute da stehen, wo wir sind. Aber aus meiner eigenen Erfahrung wurden Vergangenheit und Gegenwart mit aller Detailverliebtheit beleuchtet und es blieb immer genau an diesem Punkt. Kein Fach widmete sich Zukunftsthemen, behandelte aktuelle Forschungsprojekte, geschweige denn den Status-Quo der Forschung und den damit verbundenen Ausblick auf ein Leben in nicht weit entfernter Zeit. Das Antizipieren des Lebens in den nächsten 50 Jahren — das hat maximal im Kunstunterricht stattgefunden. Mein Abitur habe ich vor fast zehn Jahren gemacht und die Vermutung liegt nahe, dass sich am Lehrplan nicht sonderlich viel geändert hat. Es geht um Auswendiglernen und der Betrachtung von einzelnen Fächern in Silos — nicht um Kontextdenken und der Auseinandersetzung mit der realen Berufswelt.

Was hat das zur Folge?

Mal davon abgesehen, dass junge Menschen nur wenig aufs Berufsleben vorbereitet werden, dürfte es andersherum am Nachwuchs mangeln, der sich mit den zentralen und wettbewerbsrelevanten Digital- und Technologie-Themen auseinandersetzen wird. Zumindest hier in Deutschland, denn “richtig” geforscht und entwickelt wird in anderen Ländern, insbesondere im Silicon Valley oder im asiatischen Raum. Das bekam man auch auf der NEXT zu spüren — Speaker, Ideen und Praxisbeispiele aus anderen Teilen der Welt. Abgesehen von wenigen deutschen Großunternehmen — zum Beispiel aus der Automobil-Branche, die sich mit der Mobilität von Morgen auseinandersetzen — kriegt man wenig deutschen Erfindergeist mit. Und das schlägt sich nieder bei der Jobwahl: In meinem unmittelbaren Umfeld bewerben sich Uni-Absolventen bei den namenhaften Unternehmen, die besagte Zukunftsmusik spielen und global erfolgreich sind, oder sie gehen direkt ins Ausland. Und das sind äußerst schlechte Nachrichten für deutsche, vor allem mittelständische sowie konservativ eingestellte Unternehmen. Es stellt sich folglich ein “sowohl … als auch” ein: An allen Fronten fehlt der Digitalbezug, der bereits jetzt einen so wichtigen Stellenwert hat, dass man Offline- und Online-Welt schon gar nicht mehr trennen kann und sollte.

Die Macher der Neuzeit sind gefragt

Unsere Philosophen und die deutsche Ingenieurskunst in Ehren — aber auf der Vergangenheit dürfen wir uns nicht ausruhen, wenn wir weiterhin mit wehender Innovationsfahne voranschreiten wollen. Auch aktuelle Entwicklungen, Trends und Zukunftsthemen müssen in den Lehrfokus sämtlicher Bildungseinrichtungen gerückt werden. Statt um Fakten und Auswendiglernen, sollte es auch ums Rumspinnen und Antizipieren gehen. Wie mag die Welt in zehn Jahren aussehen? Was werden Themen der Nachrichten sein? Wie werden wir diese konsumieren? Wie werden wir uns ernähren, fortbewegen und welche Rolle spielen mit dem Internet vernetzte Gegenstände? Ein Austausch mit anderen Nationen auf der ganzen Welt ist gefragt — Globalisierung ist Thema an Schulen, warum wird dies nicht in der Praxis umgesetzt und die heutigen Möglichkeiten, die das Internet bietet, genutzt? Weniger Rückblick, mehr Ausblick. Auch Kinder und Jugendliche sollten ermuntert werden, genau über diese Inhalte nachzudenken, um eigene Ideen und Visionen zu formen.

Ein Vorzeige-Beispiel ist die „Schule der Zukunft“ in Berlin: ein bilinguales Gymnasium, das 2012 gegründet wurde und ihre Schüler auf ein gesellschaftliches und berufliches Leben vorbereitet, das wir heute noch nicht kennen, auf Technologien, die erst morgen erfunden werden, und hilft, Herausforderungen zu bewältigen, von denen wir heute noch nicht wissen, dass es sie gibt.

“How will we live?” Aus meiner Sicht eine Frage, die sich ein jeder reflektiert stellen und für sich selbst beantworten sollte. Nicht nur im Schul- und Studenten-Alter, sondern mindestens auch diejenigen, die in Marketing und Kommunikation arbeiten. Denn die Vernetzung der Dinge sollten wir nicht nur passiv auf uns zukommen lassen, sondern aktiv mitgestalten wollen. Technologie ist etwas Gutes und kann unser Leben ungemein bereichern und uns auf wiederum neue Ideen bringen. Und das ist essentiell, um auch in Zukunft Vorreiter als Denker und Macher zu sein.


An dieser Stelle Danke an das NEXT Festival 2015 für viele interessante Vorträge und Workshops mit dem expliziten Blick über den Tellerrand und nach vorne.