Das Leben geht weiter, ein weiter Vorgeschmack auf unsere Buchvorstellung vom 31.05. — 19.00 Uhr Kultur.Lana — Bibliothek

Englische Kriegsgefangene arbeiteten als Erntehelfer

Regina erzählt:

„Mein Heimathaus war der Zottihof in Lana. Ich war das drittälteste der sieben Kinder, die meine Eltern hatten. In der Schule hatten wir nur in italienischer Sprache Unterricht. Ich ging in Lanegg in die Schule und hatte eine freundliche Lehrerin. Die Lehrerinnen waren alle Italienerinnen und die meisten haben in dem Steinhaus (Villa Granit) gewohnt, wo heute vis-à-vis das Kulturhaus steht. Im 2. Stock vom Lanahof waren die Lehrpersonen der höheren Klassen untergebracht.

Mit der italienischen Sprache fanden sich damals nur wenige zurecht. Als meine Mutter einmal auf der Gemeinde etwas zu erledigen hatte, wurde sie zurechtgewiesen und gefragt, warum sie, eine so junge Frau, noch nicht italienisch könne.

Im Knabenschulhaus fand der „Sabato fascista“ statt, da trugen die erwachsenen Faschisten Uniformen und Abzeichen und es wurden Reden gehalten und Lieder gesungen. Manche Kinder waren barfuß und ich kann mich erinnern, dass einer der faschistischen Burschen einem Buben absichtlich mit seinen genagelten Schuhen ein paarmal auf die bloßen Füße getreten ist. Den Anfang des Liedes, das wir singen mussten, weiß ich noch: Noi siamo le giovane italiane del nuovo Alto Adige, bim, bam, bum…

Die Südtiroler haben beim Radfahren weiße Stutzen angezogen, das war ein Erkennungsmerkmal und ein stummer Protest. Die Faschisten hat das sehr geärgert. Meine Schwester Rosl hat die Katakombenkurse gemacht, hat als Katakombenlehrerin Kinder unterrichtet und nach dem Krieg ein paar Jahre regulär in der Schule gearbeitet. Mein Bruder Luis und ich sind nach der Grundschule nach Bozen in die Berlitz-Schule gegangen.

Als erstmals deutsche Truppen in Lana einmarschierten, standen viele Leute auf der Straße und winkten ihnen zu. Eine Frau verteilte sogar Zigaretten. Diese Truppen der Waffen-SS kamen von der Gampenstraße herunter und marschierten weiter nach Meran. Ich kann mich noch erinnern, dass die Soldaten weiße Handschuhe trugen. Als das deutsche Militär in Südtirol war, haben wir am Zottihof Kriegsgefangene aus England als Erntehelfer gehabt. Im Call-Hof in der Kapuzinerstraße waren sie untergebracht. Es war verboten sie zu verköstigen, aber unsere Mutter hat immer dafür gesorgt, dass sie auf der Obstwiese, versteckt in einem Milchkübel, gute Suppe vorfanden. Als sie erfuhren, dass in den nächsten Stunden ihr Abtransport bevorstand, haben sie vor lauter Angst nichts mehr gegessen. Niemand unserer Familie konnte Englisch, aber als ein Gefangener seinen Ehering und ein kleines Foto seiner Familie zeigte, haben wir verstanden, was er uns sagen wollte.

Immer wenn die Nachricht in Lana eintraf, ein Soldat aus der Gemeinde sei gefallen, wurde eine Heldengedenkmesse in Niederlana gefeiert. Das war so oft, dass wir ziemlich abgestumpft wurden und nur mehr traurig waren, wenn der Gefallene aus unserem Verwandten- oder Bekanntenkreis war. Die Heldenfeiern waren zur alltäglichen Gewohnheit geworden. Einmal wurde ein Soldat getötet, als er gerade den Heimaturlaub antreten wollte, um zu heiraten. Seine Braut war schwanger und das Leid war unermesslich groß.

Als nach dem Krieg auch in Südtirol Lebensmittelknappheit war, haben wir von unseren Verwandten in Mölten das Mehl geholt. Damit uns die Carabinieri nicht erwischten, sind meine Schwester Rosl und ich mitten in der Nacht nach Vilpian geradelt, haben dort in den Wiesen unsere Räder versteckt und sind dann zu Fuß nach Mölten und wieder zurück marschiert. Schon vor sechs Uhr in der Früh waren wir mit unseren vollen Rucksäcken wieder daheim.“