Freelancer — Helden der Digitalisierung oder auf dem Weg in die Armut?

Falsche Vorstellung von Selbständigkeit: Überall arbeiten und so viel Urlaub, wie man will?

IT-Freelancer müsste man sein: Nur spannende Projekte, vier-Tage-Woche oder zwei Monate Urlaub am Stück — kein Problem. Dazu auch noch richtig viel Geld verdienen, durchschnittlich 83 Euro pro Stunde laut der Untersuchung Solo-Selbständige IT-Spezialisten vom Institut für Demoskopie Allensbach. Also alles tiptop, oder?

Bevor nun dem eigenen Nachwuchs dringend ein Freelancer-Dasein angeraten wird — Vorsicht. Der Realitäts-Check zeigt, dass nicht alles Gold ist, was glänzt. Diese Erkenntnis beruht auf persönlichen, langjährigen Erfahrungen im Umgang und der Arbeit mit Freelancern im IT-Bereich.

Dieser Beitrag thematisiert zehn wirtschaftliche und soziale Aspekte, die zumindest einmal durchdacht werden sollten, wenn man sich mit der Solo-Selbständigkeit beschäftigt. In einem Folgeartikel rücken die ökonomischen Auswirkungen für die Digitalwirtschaft sowie soziale Verantwortung und Nachhaltigkeit in den Fokus.

1. Steuern und Versicherung

Die 83 Euro Stundenlohn sind natürlich brutto. Steuern und Versicherungen müssen davon abgezogen werden. Zum Beispiel:

  • Einkommenssteuer
  • Umsatzsteuer
  • Kirchensteuer
  • Krankenversicherung (oft privat, mit stark steigenden Beiträgen im Alter)
  • Arbeitslosenversicherung
  • Haftpflicht-, Unfall- und Berufsunfähigkeitsversicherung

Was unter dem Strich tatsächlich übrig bleibt, hängt natürlich von den individuellen Rahmenbedingungen ab. Fest steht — es ist deutlich weniger als 83 Euro. Und es fallen weitere Ausgaben an, zum Beispiel die …

2. Altersvorsorge

Viele junge Menschen sind Vorsorge-Muffel.

Finanziell für die Zeit nach dem Arbeitsleben vorzusorgen, ist jedem Freiberufler selbst überlassen. In der eingangs zitierten Allensbach-Studie gibt zwar eine große Mehrheit der Freelancer an, (irgendwie) für die Rentenzeit vorzusorgen. Aber reicht das, um den gewohnten und gewünschten Lebensstandard aufrechtzuerhalten? Meinen Erfahrungen nach eher nein.

Welcher junge Mensch denkt schon gern über das Alter und die Rente nach — und handelt auch noch entsprechend? Hier stelle ich immer wieder eine Mischung aus Sorglosigkeit und Naivität fest. So erwarten nur sechs Prozent der unter 40jährigen Freelancer, dass das Geld im Alter nicht reicht. Doch dieser Anteil steigt mit zunehmendem Alter. Bei den über 60-Jährigen hat fast jeder Fünfte Sorge vor seiner finanziellen Zukunft.

3. Urlaub

Bezahlter Urlaub ist ein Privileg von Festangestellten. Für Freelancer gilt: Wer nicht arbeitet, verdient auch kein Geld. Der potenzielle Verdienstausfall verleitet zu kürzeren oder insgesamt weniger Erholungspausen. Dazu kommt, dass Freiberufler in Projekten mit knappem Zeitplan über längere Phasen ganz auf Urlaub verzichten (müssen). Dabei ist es wichtig, die eigenen Akkus regelmäßig wieder aufzuladen.

4. Krankheit

Ansteckend: Trotz Krankheit im Büro

Fehlende Regeneration führt mittelfristig zu Krankheiten. Bei Selbständigen ist auch das gleichbedeutend mit Verdienstausfall. Nur die Wenigsten leisten sich eine private Versicherung mit Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Leichtere Infekte werden einfach ignoriert. Außerdem nehmen Freelancer ihre Arbeit oft schon wieder auf, bevor sie wirklich vollkommen genesen sind. Das gefährdet nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die der anderen Teammitglieder. Längere Ausfälle können sogar die wirtschaftliche Existenz gefährden. Wie wichtig ein nachhaltiger Umgang mit der eigenen Gesundheit ist, zeigt auch der Beitrag Gesundheitstipps für IT-Freelancer.

5. Fortbildung

Das Thema Fortbildung ist gerade in der hyperaktiven IT-Branche sehr wichtig. Trotzdem wird es oft vernachlässigt, denn es kostet viel Zeit und Geld, bei Programmiersprachen, Tools, Methoden oder Entwicklungstrends auf dem neuesten Stand zu bleiben.

Für Freiberufler ist das doppelt teuer. Sie müssen Seminare, Zertifizierungen und Konferenztickets allein bezahlen und verdienen in dieser Zeit kein Geld. Zudem können Firmen deutlich bessere Konditionen raushandeln als Einzelpersonen. Im Zweifelsfall verzichten Freelancer eher auf berufliche Weiterbildung, was mittelfristig zur Abwertung der eigenen Arbeitskraft führt.

6. Technisches Equipment

Wenn der Rechner ‘explodiert’, wird´s spontan teuer.

Ähnlich wie das eigene Know-how müssen auch die Arbeitsmittel, also Hardware und Software, auf einem aktuellen Stand gehalten werden. Auch Reparaturen oder im schlimmsten Fall komplette Ausfälle sind mit einzukalkulieren. Bei der notwendigen Rechenpower kosten neue Laptops schnell mehrere Tausend Euro, die nach Murphys Law natürlich immer im ungünstigsten Moment anfallen.

Manche Freelancer gehen wie selbstverständlich davon aus, dass technisches Equipment vom Auftraggeber gestellt wird. Ich sehe das mit Sorge, denn ganz ehrlich: Ein Handwerker bringt auch sein eigenes Werkzeug mit und borgt es sich nicht beim Kunden.

7. Auftragsmanagement

Freelancer brauchen zuweilen Multitasking-Skills.

Auch wenn wegen der großen Nachfrage Akquisearbeiten derzeit entfallen. Trotzdem muss man sich um (neue) Aufträge kümmern. Projektanfragen sind zu sichten, zu prüfen und viele Fragen zu klären:

  • Verfüge ich über das notwendige Skill-Set für dieses Projekt?
  • Sind die Zeitpläne realistisch und kompatibel mit meinen eigenen Verfügbarkeiten?
  • Passen methodisches Vorgehen, die Art und Weise der Zusammenarbeit und auch das Zwischenmenschliche gut zusammen?

Um das herauszufinden, werden viele Gespräche mit potenziellen Auftraggebern geführt. Außerdem müssen Verträge ausgehandelt, Rechnungen gestellt und die Finanzlage im Blick behalten werden — teilweise alles parallel. Das alles kostet Nerven und Zeit, die in aller Regel nicht bezahlt wird.

8. Selbständigkeit — Schein oder Sein?

Dieses Thema betrifft Auftraggeber und Freelancer gleichermaßen. Hier gibt es viel gefährliches Halbwissen und eine generelle juristische Verunsicherung, die vom Gesetzgeber durch unscharfe Regeln noch verstärkt wird. Beispielsweise reicht es als Nachweis der Selbständigkeit nicht (mehr) aus, mehrere Auftraggeber zu haben, da die Deutsche Rentenversicherung (DRV) jedes Auftragsverhältnis einzeln prüft.

Anzeichen von Scheinselbständigkeit sind auch das dauerhafte Arbeiten vor Ort beim Kunden oder das Nutzen der technischen Infrastruktur des Auftraggebers. Der Beitrag Was Sie über Scheinselbstständigkeit wissen sollten“ nennt weitere Kriterien, an denen die DRV Scheinselbständigkeit festmacht.

Trotz drohender Nachzahlungen und strafrechtlicher Konsequenzen folgen viele Betroffene der Vogel-Strauß-Strategie. Das kann teuer werden und im schlimmsten Fall sogar zu einer Vorstrafe führen. Während die meisten Firmen eine Rechtsabteilung oder zumindest professionellen Rechtsschutz haben, sind Freelancer auf sich allein gestellt.

9. Soziales Umfeld

Freelancer sein ist manchmal recht einsam.

Das freiberufliche Arbeitsleben ist gekennzeichnet durch viele aufeinanderfolgende Projekte. Durch den stetigen Wechsel können sich kollegiale oder gar freundschaftliche Beziehungen zu anderen Teammitgliedern nur schwer entwickeln. Freelancer müssen sich immer wieder auf die Eigenheiten und Macken der temporären Kollegen einstellen. Das kann durchaus anstrengen.

Dazu kommt, dass sich passende Projekte nicht immer in der näheren Umgebung finden lassen. Längeres Reisen oder häufiges Auswärtsarbeiten belasten das soziale Miteinander mit dem Freundeskreis und der Familie. Freiberufler sammeln zwar viele Kontakte bei Xing oder Linkedin, aber mit digitalen Bekannten trifft man sich eher selten zum Feierabendbier.

10. Persönliche Weiterentwicklung

Festangestellte können in ihren Unternehmen kontinuierlich aufsteigen. Denn auch der Arbeitgeber hat Interesse an der Weiterentwicklung der Mitarbeiter. Sie durchlaufen spezielle Programme, schaffen sich ein Netzwerk, übernehmen Personalverantwortung oder Leitungspositionen. Sprich: Sie können Karriere machen.

In diesem Prozess entwickeln sich Konfliktfähigkeit, Empathie, Organisationstalent, Durchsetzungsvermögen oder die Fähigkeit, Wichtiges und Unwichtiges zu trennen. Das sind Fähigkeiten, die auch im privaten Leben hilfreich sind und Menschen reifen lassen. Für Selbständige ist „Karriere“ eher ein Fremdwort. Natürlich können sich auch Freelancer persönlich weiterentwickeln, aber sie erhalten dabei keine strukturelle Unterstützung und sind auf sich allein gestellt.

Fazit

Checkliste: An alles gedacht?

Um unschöne Überraschungen zu vermeiden, sollte sich niemand unüberlegt in das Abenteuer „Freelancer“ stürzen. Die beschriebenen Aspekte sollten zumindest einmal gründlich durchdacht werden, bevor man sich zwischen Festanstellung und Selbständigkeit entscheidet. Sicher gibt es auch jede Menge guter Argumente für Freiberuflichkeit im IT-Bereich. Entscheidend sind dabei viele Faktoren wie individuelle Vorlieben, das persönliche Umfeld und das eigene Lebensmodell.

Über Ernte-Helfer und die dunkle Seite der Macht

Die derzeitige Situation auf dem Markt für IT-Fachkräfte hat über die finanziellen und sozialen Belange der Freelancer hinaus auch Auswirkungen auf das Ökosystem „Digitalwirtschaft“. In einem Folge-Beitrag werde ich diese Auswirkungen näher beleuchten und dabei über die dunkle Macht der Personaldienstleister, über das Spargelhelfer-Syndrom und über kulturelle Aspekte der digitalen Transformation sprechen.