Kleine Projekte sind wie Chucky: Klein - aber gemein

Klein, aber gemein — Wie ich durch kleine Projekte meine Tickets lieben lernte

Ich bin Frontend-Entwicklerin — meist in großen, langfristigen Projekten engagiert. Das macht mir Spaß, denn ich arbeite gern in eingespielten, agilen Teams, in denen die Aufgaben klar verteilt sind.

Es ist für mich immer noch ein magischer Moment, wenn ich zum ersten Mal das große Ganze sehe. Dann bin ich stolz, was wir als Team geschafft und ich dazu beigetragen habe.

Gleichzeitig finde ich es reizvoll, wenn ab und an ein kleineres Projekt dazwischen rutscht. Hier kann ich neue Frameworks und Tools ausprobieren. Denn falls etwas nicht klappt, kostet es nicht so viel Zeit, auf bewährte Tools zurückzugreifen. Zur Abwechslung finde ich es auch mal schön, ein überschaubar komplexes Problem zu lösen und das Projektende von Anfang an zu sehen.

Wir waren glücklich — aber nur kurz

Ein paar Anforderungen, ein schneller Click-Dummy — mehr braucht´s ja nicht, um richtig loszulegen. Motiviert gingen wir als Duo ans Werk, um uns in React und dem Amazon Web Service (AWS) nach Herzenslust auszutoben. Mein Kollege konnte das Thema AWS, mit dem er sich schon privat beschäftigte, produktiv einsetzen und ich durfte einen Prototyp bauen und mich selbst darum kümmern, dass alles läuft. Wir waren glücklich — und naiv, wie sich bald zeigte.

Der Kunde ging davon aus, dass alles schnell und unkompliziert umgesetzt wird. Kein Wunder, das hatten wir beim ersten Blick über die Anforderungen auch gedacht — und wir sind immerhin vom Fach. Durch die ambitionierten Erwartungen entstand ein für die Projektgröße unverhältnismäßig hoher Druck. Dazu gesellte sich unsere leichtsinnige Annahme, dass sich der Aufwand, die Anforderungen in Tickets zu organisieren, gar nicht lohnt.

Ich will meine Tickets zurück!

Tickets vermisst

Und dann erwachten wir in der Realität. Beim Programmieren des Prototyps fiel schnell auf, dass einige Anforderungen fehlten. So war die Schriftart nicht definiert, ebenso fehlten Icons und Bilder. Und das war nur die Spitze des Eisbergs.

Auf Nachfrage schickte uns der Kunde einen Satz Icons, den wir zu unserer unstrukturierten Anforderungsliste in Confluence hinzufügten. Die Schrift verbauten wir einfach direkt im Projekt.

Ähnlich unstrukturiert wie das Anforderungsmanagement lief auch die Kommunikation, die wir völlig vergessen hatten einzuplanen. Ständig wurden uns neue Wünsche und Details zugeworfen, verbunden mit wenig hilfreichen Aussagen wie „Das könnt ihr doch schnell noch einbauen“ oder „Ach, das wollten wir übrigens so und nicht so“.

Das Projekt lief aus dem Ruder. Unsere Dokumentation mutierte zu einem unüberschaubaren Mix aus Anforderungen, Gesprächsprotokollen und anderen Informationsschnipseln. Letztlich fragte ich mich bei jeder Komponente, ob ich wirklich alle Anforderungen berücksichtigt hatte. Insgeheim wünschte ich mir die guten alten Tickets zurück.

Hätte, hätte — Zigarette — © Sarah Richter @pixabay

Hätte, hätte Zigarette

Selten war mir klarer, wie nützlich die verbindlichen Regeln rund um den agilen Prozess sind. Mit gewohntem Estimation und Planning wäre uns früh aufgefallen, dass essenzielle Anforderungen fehlten oder unscharf formuliert waren. Ebenfalls aufgefallen wäre, dass wir den Aufwand massiv unterschätzt haben. Das Projekt zog sich und die zunächst unbeschwerte motivierte Stimmung mündete schließlich in Frust und stressigen Nachtschichten. Aber trotz der Hürden — zum Livegang funktionierte alles wie gewünscht.

Same procedure as last time?

Der Kunde war happy — also Mund abputzen und ab zum nächsten Projekt, ganz nach der SWBLM („So-wie-beim-letzten-Mal)-Strategie?

Nein! Uns war klar, was alles schiefgelaufen war. Wir konnten unsere Qualitätsansprüche nicht halten und haben uns unnötig Stress gemacht.

Wichtigstes Learning: Projekte — egal welcher Größe — funktionieren am besten mit professionellen Strukturen. Es sind Anforderungen zu managen, Tickets zu formulieren sowie Prozesse und Ansprechpartner festzulegen, nicht zu vergessen die Projekt-Kommunikation.

Kleine Projekte? Gerne wieder! Es gefällt mir, mich technisch auszuprobieren und mehr Verantwortung zu übernehmen als in einem größeren Team. Aber auch wenn der Aufwand für Planung, Struktur und Dokumentation anfangs übertrieben scheint, ich empfehle dringend, nicht darauf zu verzichten.