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Die Legende vom Full-Stack Developer

Aus der Arbeitsteilung entspringt die Spezialisierung, dass wussten schon unsere Vorfahren in der Steinzeit. So entwickelten sich Jäger und Sammler, Krieger und Bauern und diverse Handwerke. Spezialisierung in der Arbeitswelt ist ein stetiger Prozess, der nie endet. So dachte ich zumindest.

Um so erstaunter war ich, gerade in einem so komplexen Feld wie der Softwareentwicklung einen vermeintlich gegenläufigen Trend zu beobachten.

Liest man aktuelle Jobanzeigen im IT-Bereich, stößt man immer wieder auf den Begriff “Full-Stack Developer”, meist verknüpft mit einem imposanten Mix von Fähigkeiten und Know-how.

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Der Gesuchte verfügt über langjährige Erfahrungen in Programmiersprachen wie C++, C# und in Java Frameworks. Neben HTML5 und CSS3 beherrscht er JavaScript- und PHP-Frameworks sowie die App-Entwicklung in iOS und Android aus dem Effeff. Nachgewiesenes Know-how in Testverfahren und SQL sowie Erfahrungen in agiler Softwareentwicklung und Projektmanagement runden sein Profil ab.

Das Skill-Set einer Legende und der feuchte Traum jedes Projektverantwortlichen — quasi der Yeti der Softwareentwicklung.

Wer hat den Yeti je gesehen?

Arbeitnehmer in der IT-Branche spezialisieren sich schon in ihrer Ausbildung. Und das Fokussieren auf ein Fachgebiet ist zwingend notwendig, weil digitale Projekte immer komplexer werden. Das liegt an den sich rasant entwickelnden technischen Möglichkeiten. Themen wie SEO, Responsive Design, Barrierefreiheit, Analytics, Big Data oder eine komfortable User-Experience wachsen in ihrer Bedeutung, ebenso die Qualitätsansprüche der Kunden.

Es ist geradezu absurd zu glauben, diese Themen könnten alle samt von einer Person beherrscht werden. Das eingangs beschriebene Skill-Set entspricht dem eines interdisziplinären Teams von 3–6 Personen.

Nur Spezialisten liefern echte Qualität

Um ein erfolgreiches digitales Produkt zu entwickeln, arbeiten heute verschiedenste Spezialisten zusammen.

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Der Backend-Entwickler sorgt für die Anbindung an Datenbanken und die Integration von externen Systemen. Auch die Sicherheit der Datentransfers, etwa beim Online-Zahlungsverkehr, wird durch das Backend garantiert. Eine Zusammenarbeit zwischen Backend- und Frontend-Entwicklern ist zwingend nötig und daher auch ein grundlegendes Verständnis für die Aufgaben der jeweils anderen Seite.

Das Frontend ist der Teil einer Webseite, der von den Nutzern bedient wird, das sogenannte User-Interface. Frontend-Architekten und -Entwickler sind also dafür verantwortlich, dass das Produkt von jedermann gesehen und genutzt werden kann. Wichtige Schlagworte sind Usability, Accessibility, Wartbarkeit, Skalierbarkeit und Robustheit. So muss eine Webseite auf verschiedenen Browsern und Endgeräten gleich gut nutzbar sein — auch für Menschen mit Handicap. Erledigt der Frontend-Entwickler seinen Job ordentlich, übernimmt er durch eine gute semantische Struktur auch grundlegende Aufgaben der Suchmaschinenoptimierung. Daher muss er auch in diesem Bereich Basiswissen mitbringen.

Der SEO-Manager sorgt dafür, dass die Website und damit die Produkte und Services gut von der gewünschten Zielgruppe gefunden werden. SEO-Experten analysieren die Website, den Wettbewerb und die Marktpotenziale. Daraus entsteht die SEO- und Online-Strategie.

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Der UX-Stratege hat das Ziel, digitale Produkte verlässlich und intuitiv nutzbar zu machen. Er schafft damit positive Kundenerlebnisse. Um diese Aufgabe umzusetzen, braucht es Erfahrungen und Wissen in den Bereichen User-Forschung, Interaktionsdesign, Design von Bedienoberflächen (User Interface) und Grafikdesign.

Nur kurz erwähnen will ich noch die Leute, die sich mit dem Themen Testing und Qualitäts­sicherung beschäftigen, und die DevOps (Development Operations), die sich um Server, Deployments oder Caching kümmern und dafür sorgen, dass die Infrastruktur für Produkt, Software oder Webseite erreichbar ist.

Physik-Abi vom Latein-Lehrer?

Kein noch so smarter und erfahrener Entwickler kann die vielen Aufgaben in der notwendigen Qualität erledigen. Der legendäre Full-Stack Developer ist also nichts weiter als eben eine Legende, vermutlich erfunden von einem Projektmanager mit ganz wenig Budget, der einen kreativen Titel für eine Stellenbeschreibung suchte.

Ein gutes Beispiel dafür, wie logisch Spezialisierungen sind, ist der Beruf des Lehrers. Alle Pädagogen vereint die Aufgabe, anderen neues Wissen zu vermitteln. Doch keiner käme auf die Idee, einen Religions-Lehrer dauerhaft im Leistungskurs Physik einzusetzen.

Liebe Projekt- und HR-Manager, ihr müsst jetzt ganz stark sein:

Den Full-Stack Developer — also die eierlegende Wollmilchsau — gibt es nicht und hat es auch noch NIE gegeben.