Lord Liberty in Geberlaune

Erik Hauth
Aug 25, 2017 · 3 min read
CC-by visualhunt

Immer öfter fahre ich einfach weg — ans Wasser, wenn es geht. Smartphone aus, Sinne an — das nehme ich mir zumindest vor. Doch dann sehe ich ein Motiv, das es wert wäre, es mit Dir zu teilen — und dann zücke ich es doch.

So wie heute.

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Ich schaue mir enttäuscht die Fotos auf meinem iPad an, die trotz Filter nicht in der Lage sind, die nette Abendstimmung auch nur annähernd einzufangen. Alles düster und mittendrin prangt dann ein kleiner heller Punkt. So kann ich das niemals in meine Timeline(s) posten. Die Leute denken ja, ich hätte mein Auge für Motive verloren.

“Das liked niemand”, denke ich schmollend, “dabei ist der Abend so schön”. Es ist warm und ich fühle mich geborgen in diesem reifen Sommertag. Das möchte ich teilen.

Abrupt klingelt das Telefon. Der Anruf kommt von einem Festnetzanschluss. Wer das wohl ist?

“Hej, was geht?, Lord Liberty hier”– Lord Liberty heißt eigentlich Leonard und ist 45. Sein Vater hat ihn nach Doktor Leonard McCoy vom Raumschiff Enterprise benannt. Ihm hat der Name nie gefallen, er hasst Trekkies. Vielleicht eine späte Form der Rebellion. Seitdem er für sich und seine Familie einen Wohnwagen gekauft hat, auf dem seitlich ein wenig verwittert „Lord Liberty“ steht, heißt er so, sagt er.

“Hey Liberty”, flöte ich zurück, erfreut, dass ich jemanden habe, dem ich mein Glück anvertrauen kann, “hab gestern meinen ersten Seehund in der Elbe gesehen”.
“Oha. Echt, ich dachte die gibt’s nur bei Cuxhaven?”“was machst Du denn gerade?”, fragt der Lord zurück.

“Ich schreibe meinen Wahlkreis-Kandidaten, was ich von ihnen halte. Als offenen Brief”, sage ich.

Das stimmt sogar, beinahe. In Wirklichkeit fülle ich die Briefwahlunterlagen zum Bürgerbegehren für den Radweg am Övelgönner Elbstrand aus.

“Was hälst Du denn von der Abstimmung über den Radweg?”, frage ich Lord Liberty und gieße mir noch einen Schluck Rotwein ein. Das war schlau, denn nun bekomme ich eine volle Ladung Meinung an die Ostsee geliefert.

“Ich bin dafür!”, ruft mir Liberty zu, die Lautstärke seiner Stimme hat sich merklich erhöht (sie entspricht mindestens drei Ausrufezeichen). “Allein schon, weil die anderen, die den Elbstrand ‘retten’ wollen, so tun, als sei der versiffte, mit Scherben und Kohle verschmierte Dreck da unten ein Südseestrand, den böse Radfahrer und ihre Vorort-Lobby zerstören wollen.”

“Das ist doch Quatsch”, ergänzt er, “und jedes Mal dasselbe. Da will Altona gerade darüber nachdenken, wie man das Fahrradfahren von Blankenese in die Stadt einfacher macht, da fangen sie an zu krakeelen. Noch nicht mal planen soll man dürfen”.

“Außerdem”, seine Stimme wird jetzt leiser, “will ich auch mal FÜR etwas sein. Nach Olympia, der Seilbahn und G20 bin ich irgendwie in Geberlaune”.

Das finde ich gut, denke ich. Geberlaune, das ist gut. Ich verabschiede mich von Leonard und als er aufgelegt hat, schenke ich mir großzügig noch ein Glas ein. Die Sonne geht gerade unter — nur für mich. Auf das Foto davon müsst ihr leider verzichten.


Ich wünsche euch ein schönes Wochenende und freue mich auf eure Gedanken zum Radweg in Œvelgönne.

Euer Erik.

ps dieser Text erschien zuerst in meinem Blog “Blogfrei” unter dem Titel “Lord Liberty”. Du erhälst diese und andere Kurzgeschichten von mir zuerst per E-Mail Newsletter. Hier abonnieren und Gratis-E-Book sichern!

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from Hamburg, St. Pauli. Blogger, sailor, consultant and author. Blogs at www.blogfrei.de

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