Im Interview mit RECUP — Mehrwegpfandsystem aus München

Viktor Völkner
blueworld.group
Published in
6 min readAug 31, 2023

RECUP bietet Deutschlands größtes Mehrwegsystem für Take-away-Food & -Drinks und sagt Einweg-Verpackungen den Kampf an.

Die Verwendung von Einweg-Verpackungen hat in den letzten Jahrzehnten zu erheblichen Problemen für uns und unsere Umwelt geführt. Während der Trend beim Essen in Richtung des gesunden regionalen Essens geht, blieb die Verpackung bei diesem Trend außen vor. Einweg-Verpackungen und der daraus resultierende Müll sind ein Symbol der Wegwerfgesellschaft.

In unserem Interview mit Simona Dunsche von RECUP erfahren wir, wie sich das Unternehmen seit der Gründung entwickelt hat, wir lernen die Unternehmenskultur kennen und klären, wie die Einweg-Welt mit Kawumms rebowlutioniert wird.

RECUP gibt es, weil …

… wir es in der Hand haben, dass unsere Welt den zukünftigen Generationen erhalten bleibt. 13 Milliarden Einwegverpackungen werden jedes Jahr in Deutschland im To-go-Bereich verbraucht. Mit unserem Mehrweg-Pfandsystem kämpfen wir täglich dafür, diese Zahl zu reduzieren und Einwegplastik komplett überflüssig zu machen.

Unsere größte Herausforderung war …

Unsere größte Herausforderung war es, als Erfinder eines neuen Marktes, über 7 Jahre Marktführer zu bleiben. Wir haben den Markt der Mehrweg-Systeme für die Gastronomie eröffnet und es geschafft, über die Jahre hinweg das marktführende System zu bleiben.

Die einflussreichste Person für unser Unternehmen war …

… Julia Post, eine Münchner Politikerin, aktuell Grünen-Stadträtin. Sie hat unsere beiden Gründer Fabian und Florian zusammengebracht. Beide haben Julia Post unabhängig voneinander ihre Idee gepitcht und sie hat die beiden dann miteinander vernetzt. Wenn das nicht passiert wäre, gäbe es RECUP jetzt nicht so, wie es heute ist.

Drei Tipps, die wir gerne vorher gewusst hätten, sind …

Bei dieser Frage habe ich mir Input von den Gründern geholt, weil ich im Gründungsprozess nicht involviert war. Der erste Tipp ist: “hire professionals– mit dem exakten skill-set, das für bestimmte Positionen nötig ist. Neben gutem Personal kommt es auch auf die IT-Infrastruktur an, deswegen bezieht sich der zweite Tipp auf eine skalierbare IT-Infrastruktur. Unser Mehrweg-System ist ein analoges System und funktioniert mit Pfand. Die passende Infrastruktur dahinter ist dennoch essenziell, um zum Beispiel Bestellprozesse mit Partnern oder andere Prozesse im Hintergrund optimal durchzuführen. Der abschließende Tipp ist: “cash is king”. Denn: Das Verständnis und die Umsetzung von Cashflow und Liquiditätsplanung sind essenziell, um Wachstum effektiv und effizient zu steuern.

Was zeichnet RECUP aus?

Unsere vier Unternehmenswerte, anhand derer wir unseren Alltag bestreiten: Miteinander, Transparenz, Herzblut und Kawumms. Diese Werte wiederholen wir auch mantraartig bei den meisten größeren Meetings. Miteinander steht dafür, dass wir einen persönlichen, humorvollen und professionellen Umgang miteinander pflegen. Transparenz leben wir, indem wir ehrliche Einblicke geben in das, was wir können und was wir nicht können. Damit schaffen wir Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Herzblut bedeutet, dass wir für das, was wir tun, brennen und dass uns die Welt und unsere Mitmenschen am Herzen liegen. „Kawumms“ steht dafür, dass wir lebendig, dynamisch sind und den Mut haben, Dinge zu hinterfragen und zu ändern. Manchmal bedeutet es auch, Entscheidungen schnell und dynamisch zu treffen und manche Dinge mit einem Schlag radikal zu verändern. Dann kann es zu einem „Kawumms” kommen, im positiven Sinne.

Für wen ist das Mehrwegsystem von RECUP geeignet?

Für (fast) alle. Für Konsument:innen, die To-go-Speisen und -Getränke genießen möchten und dabei auf Einwegmüll verzichten wollen. Aber natürlich auch für die andere Seite, nämlich Gastronom:innen wie Restaurant-, Tankstellen- oder Cafebesitzer:innen und alle, die Speisen und Getränke auch to-go anbieten und keine Lust mehr auf Einwegmüll haben.

Was bedeutet die Mehrwegangebotspflicht, die ab dem 01.01.2023 in Kraft getreten ist, für euch?

Die Mehrwegangebotspflicht hat sich natürlich positiv auf unser Schaffen ausgewirkt. Die Regularien vom Gesetzgeber sind ein gutes Zeichen in die richtige Richtung. Dabei hätten wir mit der Welle der Neuanmeldungen früher gerechnet. Dass die Mehrwegangebotspflicht kommt, stand schon Anfang 2022 im Raum. Das heißt, die Gastronom:innen hatten ein ganzes Jahr lang Zeit, um sich und ihre Betriebe darauf vorzubereiten. Dementsprechend rechneten wir schon im Herbst Ende letzten Jahres mit einer hohen Anzahl Neuanmeldungen, die dann aber erst gegen Dezember, Januar, also kurz vor bzw. mit dem Eintreten des Gesetzes, kam.

Welche Auswirkungen hatte die Mehrwegangebotspflicht auf Neuanmeldungen weiterer Partner?

Nachdem das Gesetz Anfang 2023 in Kraft trat, erlebten wir einen großen Zuwachs an Neuanmeldungen für unser Mehrwegsystem. Mittlerweile sind wir bei knapp 22.000 Ausgabestellen in Deutschland, an denen RECUPs und REBOWLs ausgeliehen und zurückgegeben werden können. Durch die Mehrwegangebotspflicht haben wir allein seit Januar 5.600 weitere Partner dazugewinnen können. Knapp ein Viertel aller Ausgabestellen sind also innerhalb eines halben Jahres dazugekommen.

Was muss unbedingt noch entwickelt werden?

Wir sind mit Lieferanten und Partnern im Austausch und haben schon mehrere Testläufe durchgeführt, um unsere Mehrwegsysteme auch bei Lieferdiensten zu implementieren. Bei Lieferando und Wolt kann bei manchen Restaurants schon in Mehrwegverpackungen bestellt werden, vorausgesetzt, die Betriebe sind REBOWL-Partner. Unser Ziel ist es, dass in Zukunft bei allen Lieferdiensten unsere Mehrwegsysteme zur Auswahl stehen.

Was bedeutet für euch nachhaltiges Unternehmertum?

Für uns bedeutet nachhaltiges Unternehmertum der Einklang von ökologisch, ökonomisch und sozialer Nachhaltigkeit. Diese drei Dimensionen wirken bei uns zusammen. Natürlich steht das Thema Müllvermeidung bei uns an erster Stelle. Um einen noch größeren Impact zu schaffen, reinvestieren wir einen Teil der Gewinne wieder ins Unternehmen. In unseren Unternehmenswerten spiegelt sich wider, dass der Mensch die wichtigste Ressource in unserem Unternehmen ist. Uns ist es sehr wichtig, unseren Mitarbeitenden Anerkennung zu geben und ein zukunftsorientierter sowie attraktiver Arbeitgeber zu sein.

Was macht euch zu einem guten Employer?

Aus der Sicht einer Arbeitnehmerin bei RECUP kann ich sagen, dass es ein Job mit Sinn ist, der einen Impact mit sich bringt. Darüber hinaus haben ein flexibles Arbeitszeit- und Urlaubsmodell. Bei RECUP gibt es keinen bestimmten Rahmen für Urlaubstage der Mitarbeiter:innen. Jeder Mitarbeitende hat individuelle Bedürfnisse und wir versuchen, diese zu berücksichtigen. Wir wollten weg von starren Urlaubstagen und Planungen. Mittlerweile arbeiten auch viele Mitarbeiter:innen vollkommen remote — auch innerhalb von Europa.

Neben der flexiblen Gestaltung des Arbeitsalltags haben wir weitere Benefits wie Zuschüsse zum Sport oder Fitnessstudio. Die physische, aber auch die psychische Verfassung unserer Mitarbeiter:innen liegt uns sehr am Herzen. Deswegen nehmen wir auch Angebote von “Open up” wahr. Dort wird psychologische Beratung durch Gespräche mit Psycholog:innen ermöglicht, aber auch aufklärendes Wissen über „mindfulness” und andere Themen vermittelt.

Einmal im Jahr machen wir eine Workation, bei der alle, die möchten, gemeinsam an einen schönen Ort fahren, um eine Woche gemeinsam dort zu arbeiten. Letztes Jahr im Oktober waren wir zum Beispiel in Italien.

Welche Vision habt ihr für RECUP?

Unsere Vision ist es, Einweg in der Gastronomie abzuschaffen. Der Gedanke dahinter ist, ein nachhaltiges und zirkuläres Ökosystem und eine Welt ohne Einwegverpackungen zu kreieren.

Welche Pläne habt ihr für die nächsten Monate?

Neben unseren Plänen, unser Mehrwegsystem bei den Lieferdiensten zu implementieren und unsere App weiterzuentwickeln, sind wir weiter auf der Mission, Mehrweg in Deutschland zum Standard im Take-away- und To-go-Bereich zu etablieren. Das Mehrwegpflichtgesetz war ein guter erster Schritt der Politik, aber der Weg ist noch lang. In den nächsten Monaten wollen wir die Endkonsument:innen sensibilisieren, selbst viel mehr nach Mehrweg zu fragen.

Wo steht RECUP in den nächsten 5 Jahren?

In fünf Jahren ist Deutschland voll mit Restaurants, Cafés und gastronomischen Betrieben, die ihre Take-away-Waren in RECUPs und REBOWLs anbieten. Wir werden in den nächsten fünf Jahren weitere Bedürfnisse der Branche abdecken, aber auch weitere Märkte im Auge haben. Mit der Einführung neuer Produkte sind wir in der Regel vorsichtig, um unser System weiterhin übersichtlich zu gestalten. Wir wollen mit wenigen Produktvariationen den größten Nutzen erzielen. Im Moment gibt es noch keinen Zeitplan für Schritte über die deutschen Grenzen hinaus.

Welches eine Detail muss man unbedingt über RECUP wissen?

RECUP ist über die Jahre gewachsen und immer größer geworden. Die beiden Gründer Fabian und Florian stehen trotz dieser Größe immer noch mit fast allen Mitarbeitern im Kontakt. Mit jedem neuen Mitarbeitenden wird die Firma größer und trotz der räumlichen Trennung untereinander agieren wir nahbar und leben unsere Unternehmenswerte weiter.

Bildquelle: RECUP

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