#ADE15 — Am Nabel der Welt der Clubmusik

Während dem «Amsterdam Dance Event» wird das Kifferparadies jeweils im Oktober zum Tummelplatz für Liebhaber elektronischer Musik. Ob Künstler, Promoter, Manager oder Fan: für jeden ist etwas dabei — und dennoch wirkt das Festival überhaupt nicht beliebig.

Meine Eindrücke vom ersten #ADE-Tag gibt’s hier zu lesen. In Folge habe ich meine Erfahrungen vom Rest des Events zusammengefasst.

Auch YouTube war in Amsterdam präsent und richtete zwischen den Grachten in der Stadtmitte einen YouTube Vault ein. Vor einer Handvoll Leute stellte ein Mitarbeiter am #ADE-Donnerstag die Strategie vor, mit der YouTube Piraterie bekämpfen will. Neben dem Prüfen von verdächtigen Seiten, bietet das Videoportal auch Alternativen zur Piraterie an. Urheberrechtsbesitzer können entscheiden, was passiert, wenn Dritte ihren Inhalt hochladen. So können sie den Inhalt nicht nur blocken, sondern auch monetarisieren lassen oder Zugang zu den Demografien der Nutzer, welche das entsprechende Video angesehen haben, beantragen. Seiten, die unter den Verdacht fallen, urheberrechtlich geschütztes Material anzubieten, sacken im Google Ranking ab. Der Algorithmus bestraft insbesondere diejenigen Seiten, die regelmässig gemeldet werden. Eine interessante Randnotiz war, dass die Betreiber von Piratenseiten ihr Einkommen zu 1/3 über Abonnements und zu 2/3 über Werbeanzeigen und generieren. «Den Piraten geht es ganz und gar nicht um altruistische Anliegen», erklärte der Mitarbeiter, und fügte hinzu, dass Googles Ad-Network natürlich keine Piratenseiten bediene.

Am späteren Nachmittag erklärte Techno-Urgestein Jeff Mills, was es mit seinem Rembrandt-Projekt auf sich hatte. Er verbrachte nämlich den ganzen Morgen in dem Haus des virtuosen Malers (in dem dieser gleichzeitig lebte, malte und seine Bilder verkaufte) und versuchte, seine Gemälde in Musik zu “übersetzen”. Etwas, das bei der Vertonung der Gemälde wichtig war, so Mills, war der Raum. Demnach waren Rembrandts Bilder teils auf einigen Seiten wenig bemalt, entsprechend füllte der Produzent diesen Bereich des Klang-Panoramas nur wenig. Entstanden ist also kein Techno-Banger, sondern ein Soundtrack (Mills legte Wert darauf, dass man hier nicht vom Gerne Ambient sprach) mit überwiegend Flächen und ohne Beats.

Mills machte während dem Talk seinem Ruf als Visionär alle Ehre. Er wies das Publikum und den wenig engagierten Moderator, der überwiegend langweilige Fragen stellte, darauf hin, dass sich die Vorlieben der älteren Techno-Hörer verändern. Diese würden nicht mehr jedes Wochenende in die Clubs gehen wollen. Daher ist es nur sinnvoll, wenn er als Künstler auch in andere Bereiche, wie etwa das Theater oder die Museum vorrücke. Natürlich hat diese Überlegung auch strategische Züge: Mills erklärte, dass er — wie so viele andere Pioniere — am meisten in Europa spielt. Natürlich ist er noch als Dj gefragt, wie lange aber weiss wohl keiner.

Mills schien trotz seines Alters — man stelle sich vor, wie viele durchzechte Nächte in den lautesten, schweissgetriebendsten und verrauchten Klubhöhlen dieser Welt dieser Mann schon hinter sich hat — alles andere als müde. Im Gegenteil, er sagte, es gäbe in der elektronischen Musik noch soviel zu entdecken und er lerne jeden Tag dazu. Die Selbstreflexion dieses Djs ist definitiv bemerkenswert.

Rob Stone erzählte am Freitag von seinem Magazin The Fader. Dieses ist gleichzeitig auch verbandelt mit «Cornerstone», eine Agentur, die auf die Vermarktung von Jugendprodukten abzielt. Entscheidend für die Kollaboration mit Marken und Stars ist laut Stone, dass man Qualitätsinhalte liefere, jede neue Herausforderung als etwas Spezielles anschaue und Storytelling, Ehrlichkeit und Transparenz pflege. Fader beabsichtigt zudem, in so vielen Ländern wie möglich als redaktionelle Stimme präsent zu sein. Problematisch bei der Zusammenarbeit zwischen Marken und Künstler sei durchaus der «Ausverkauf» des Letzteren, da müsse man aufpassen, sagte Stone. Dennoch geht es auch in die andere Richtung. In Anlehnung an eine Pressekonferenz mit Rapper KRS-1 wies Stone darauf hin, dass es nicht nur eine Vergeschäftlichung von Hip Hop, sondern auch eine «Hiphopisierung» der Geschäftswelt im Gang sei.

Technostar Chris Liebing, Technopioniere Octave One und Techno-RocknRoller Dave Clarke diskutierten am gleichen Tag über die gegenwärtige Lage der Techno-Nation. Dabei wurde festgestellt, dass die Fans heute offener sind gegen über verschiedenen Musikstilen. Octave One beklagten sich darüber, dass sie als Afroamerikaner immer für Hip-Hop-Künstler gehalten werden, weil die Leute Afroamerikaner nicht mit Techno in Verbindung setzen. Dave Clarke meinte, dass es ungeheuer wichtig sei, dass etablierte Künstler Promos von Jungen Künstlern spielten, um diese zu fördern und ihnen eine Plattform zu bieten. Chris Liebing erklärte, dass er Techno aufgrund seiner simplen Struktur so liebe: «Techno is all about the Details — it’s such a simple structure. I’m amazed that i’m still getting so happy hearing a bass drum and baseline.»

Erfrischend für den bereits etwas partygeschwängerten Geist war das Interview mit (einer weiteren) House-Legende und Acid-House-Erfinder DJ Pierre, der entspannt und beschwingt Anekdoten aneinanderreihte, von seinen Idolen Ron Hardy und Tony Humphreys erzählte und den Unterschied zwischen dem House-Sound von Chicago und dem von New York erklärte. Demnach sei der New York Sound viel polierter, während Chicago hinsichtlich Musik eher roh und spontan klang. Auch interessant war der Hinweis, dass man in Chicago nie von einer Acid-House-Szene sprach. Diese entwickelte sich nämlich in England ende der Achtzigern. Auf die Frage hin, wieso der Acid-Sound, der durch den Synthesizer Roland TB-303 entsteht, nach wie vor aktuell ist, antworte Pierre, dass dieser Klang einerseits halt etwas progressives habe und er zudem nie kommerziell ausgebeutet wurde.

Auch schön war das Eingeständnis, dass Pierre früher lieber Pop als Disco hörte. Dazu sagte er: «Disco records where too deep for me — i wanted to listen to pop stuff. You need that easy foundation to get to that hard stuff.»

Wenn wir gerade von House-Legenden reden. Auch Marshall Jefferson beglückte und amüsierte das Publikum mit einer Menge Anekdoten. Unter anderem die, dass er als Klaviervirtuose eingestuft wurde, obwohl er eigentlich gar nicht Klavier spielen kann und die Chords zu seinem unsterblichen Hit «Move Your Body» viel langsamer einspielte als sie im Track zu hören sind.

Auch Hernrik Schwarz teilte sein Wissen mit den aufstrebenden Produzenten. Ein Zitat von ihm zum Schluss hinsichtlich der Arbeit mit klassischer Musik:

For some strange reason i find it interesting to do things that are hard, difficult and no nesecairly fun. I have learned so much in the last couple of years.

Das ist eine Interessante Erkenntnis und ein guter Tipp für Prozenten: So etwas in dieser Richtung hätte ich vom Panel vom Mittwoch erwartet.

Hier ist noch eine Playlist mit einigen der in den Talks erwähnten Songs. Vieles ist eher Old School — es waren ja einige Pioniere zu Besuch, was ich persönlich flott fand — aber deshalb nicht weniger hörenswert.


Originally published at medium.com on October 27, 2015.