Die Wölfe im UI-Pelz

Am vergangenen Mittwoch hielt Sciencefiction-Autor und Internetkritiker Bruce Sterling im Haus der elektronischen Künste einen Talk zum Thema Netzkunst. Anlass war die Eröffnung der Ausstellung «My Boyfriend Came Back From The War», in der Internetkunst gezeigt wird, die von der der russischen Künstlerin Olia Lialina stammt beziehungsweise inspiriert wurde. In seinem Vortrag vergleicht Sterling das Internet mit einer Schweizer Uhr. Diese wird in erster Linie dazu verwendet, die Zeit zu lesen. Doch hinter dem Zifferblatt laufen mehrere komplexe technische Prozesse ab, die dem Nutzer so kaum sichtbar oder bewusst sind. Wieso soll man also den Nutzen dieses Produktes nur dafür verwenden, um die Zeit zu lesen? Die Uhr, so Sterling, kann radikal andere Funktionen haben — wenn sie als Kunstgegenstand fungiert, man muss sie nur hacken. Mit dieser Methode kann man irgendein Gegenstand nehmen und diesen für eine neue Form des Ausdrucks verwenden. Als Beispiel nennt der Autor die 3-D-Tourbillon-Uhr von Christoph Laimer, die mit einem 3-D-Drucker hergestellt wurde.

Bruce Sterling freut sich über Internetkunst, denn sie dringt in den Kern der Internet-Technologie vor und offenbart diesen. Denn hinter unseren Browsern und Applikationen verbirgt sich ein ganzes Universum an Codes und Algorithmen bis hin zu ökonomischen und sogar politischen Prozessen. Und genau hier wittert Sterling die Gefahr. Weil sie Dinge bloss emulieren, sind Userinterfaces, wie etwa das Apple Notepad, nicht nur ein Betrug, sie bieten dem Nutzer auch keine Kontrolle, was mit seinen Aktionen geschieht. Während man sich sicher sein kann, dass Notizen auf einem Waschzettel relativ sicher sind, weiss man nicht, auf welchen Servern Notizen auf dem Notepad landen.

Sterling weisst darauf hin, dass hinter den unscheinbaren Anwendungen mächtige globale Player wie Google oder Amazon stecken. Der Nutzer wird somit nicht nur reduziert auf jemand, der bloss meint, er nutze ein Notepad. Er ist mit seinem Handeln (eine Notiz ins Notepad von Apple einfügen) auch Teil massenpolitischer Entscheide. Weiter sieht es Sterling als problematisch an, dass die ganzen komplexen Prozesse und Mechanismen, die der Verwendung der Applikationen (wie etwa ein Selfie mit der Smartphone-Kamera) zugrunde liegen, unter dem Begriff Technologie summiert und somit verharmlost werden: «Die Maschine nutzt den Nutzer und umgekehrt.» Es geht beim Schiessen eines Selfies nicht nur um die Person, dahinter steckt eine gigantische Industrie, in der Massen von Entwicklern für eine Masse von Nutzern produzieren. Daraus folgert Sterling, dass der nicht-vernetzte Offline-Nutzer in der Vernetzungsindustrie nicht mehr existiert und somit auch der Begriff “Personal Computer” hinfällig ist: «The internet is the death of the pc model — because they are not social». In der subversiven Art der Internetkunst sieht Sterling einen funken Hoffnung.


Originally published at medium.com on January 24, 2016.