Arbeiten mit Workin’ Germany

Warum wir in unserer Entwicklung mehr Vielfalt wagen und was wir im Team dabei gelernt haben

Caroline v. Lowtzow
Sep 1, 2020 · 5 min read

Wie können wir auf Instagram eine diverse, junge, eher weibliche und kosmopolitische Zielgruppe erreichen, um ihre Erfahrungen, Haltungen und Perspektiven zu behandeln und sie damit zu empowern?

Diese Frage hat sich die Bayern 2-Redaktion Zündfunk im Sommer 2019 gestellt und ein junges, diverses, eher weibliches und kosmopolitisches Team eine Woche darüber hirndeln lassen.

Entstanden ist das Instagram-Format Workin’ Germany.

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Foto: BR/Workin’ Germany

Sechs Monate nach Beginn der Pilotphase hat unser Account rund 20.000 Follower. Davon sind 86 Prozent weiblich und zwischen 18 und 24 Jahren alt, die meisten leben in Großstädten und viele von ihnen sind BIPoC, kurz für Black, Indigenous, and People of Color.

Was die Workin’ Germany-Community vereint, ist eine bestimmte Erfahrung, die viele immer wieder machen: Dass ihre Religionszugehörigkeit, ihre Hautfarbe, ihre Namen, ihr Geschlecht, ihre Körper oder ihre sexuelle Orientierung als “anders” wahrgenommen werden, als “nicht-weiß” oder gar als “nicht-deutsch”.

Sie werden immer wieder diskriminierend behandelt - von der Polizei, in der Schule, bei Bewerbungsgesprächen. Dabei ist Vielfalt in Deutschland und in Bayern längst Realität. Ein Viertel der Menschen, die hier leben, hat mittlerweile einen Migrationshintergund.

Die Menschen, die Workin’ Germany anspricht, haben selbst oft gar keine eigene Migrationserfahrung. Vielleicht ihre Eltern, Großeltern oder Urururur-Großeltern einmal.

Die Menschen, die wir ansprechen, sind ein völlig selbstverständlicher Teil Deutschlands. Aber sie müssen sich trotzdem ständig fragen lassen: Woher kommst du?

Davon erzählen die Menschen auf Workin’ Germany. Aber auch von ihren Erfolgen, davon, wie sie sich dagegen wehren, wie sie aus diesen Erfahrungen Kraft geschöpft haben, wie sie einfach ihr eigenes Ding machen oder wie sie sich verbünden und gegenseitig stärken.

Dass es bei Workin’ Germany immer wieder um Arbeitsthemen geht, ist kein Zufall. Die Arbeitswelt ist die Folie, vor der Workin‘ Germany Rassismus, Diskriminierung und Zusammenleben thematisiert.

Wir alle arbeiten, wollen arbeiten oder suchen Arbeit. Und Arbeit ist auch immer wieder der Ort, an dem Konflikte entstehen, weil Menschen als vermeintlich “anders” abgestempelt und kategorisiert werden.

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Auch die Anwältin Ayşe Karabacak hat immer wieder Diskriminierungs-Erfahrungen bei Bewerbungen gemacht und in einem Video auf Workin’ Germany darüber erzählt.

Es wurde auf Instagram viel gesehen und hat auf Facebook über 1 Million Menschen erreicht. Viele User*innen haben in ihren Reaktionen ähnliche Geschichten und eigene Erfahrungen geteilt.

Ayşe Karabacak hat nach Veröffentlichung des Videos Anfragen bekommen, Vorträge über ihre Erfahrungen zu halten — und diverse Angebote von Anwaltskanzleien. So einen Unterschied macht Sichtbarkeit.

Um diese Themen und Bedürfnisse aufzugreifen, abzubilden und auch für andere vermittelbar zu machen, müssen Themen und die Perspektiven auf diese Themen andere sein. Praktisch heißt das: auch Mitarbeiter*innen und Protagonist*innen müssen lebensweltlich diverser sein.

Denn dass in den Medien über viele Gruppen und Communitys stereotyp berichtet wird, liegt auch daran, dass sehr wenige Menschen mit muslimischen, Transgender-, BIPoC- oder auch nicht-akademischem Hintergrund in den deutschen Redaktionen arbeiten. Dass dort wenig Menschen mit Behinderung arbeiten. Und dass es immer noch nicht genug Wissen über Themen wie Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und Diskriminierung in vielen Redaktionen gibt.

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Auch für unsere Redaktion ist das immer wieder eine Herausforderung und immer wieder neu stellen sich Fragen? An wen genau richten wir uns? An alle Menschen mit Diskriminierungserfahrung? An BPoC? An Frauen?

Wollen wir die weiße Mehrheitsgesellschaft informieren und aufklären oder sind wir Safe Space für die Community? Wie ist unsere Sprachhaltung, welche Begriffe erklären wir, welche setzen wir voraus, welche Schreibweise verwenden wir?

Können wir jemand interviewen, der sich zwar gegen Rassismus einsetzt, aber mit frauenverachtenden Aussagen oder mit dem Verbreiten von Verschwörungstheorien aufgefallen ist?

Das alles ist nicht leicht herauszufinden und zu entscheiden. Hinzukommt: Ein diverses Team hat unterschiedliche Perspektiven. Wo es in der Gesellschaft clasht, clasht es auch im Team.

Ist Sexismus oder Rassismus die schlimmere Erfahrung? Wer darf für wen sprechen? Wer sollte welche Themen behandeln? Wir fordern Achtsamkeit, Aufmerksamkeit, Wissen — aber sind wir selbst in unserer Kommunikation achtsam genug?

Wir wollen ein Safe Space für unsere User*innen sein, aber sind wir das überhaupt für uns selbst? Wie können wir diskutieren oder auch kritisieren, ohne uns gegenseitig zu verletzen?

Darüber haben wir viel diskutiert und tun es noch immer. Wir haben keine einfachen Lösungen und keine einfachen Antworten, aber wir sind sicher: Was wir erleben, erleben viele andere Menschen auch.

Das zu vermitteln und immer wieder zu thematisieren, Konflikte auch auszuhalten und trotzdem beieinander zu bleiben — darum muss es gehen. In unserer Redaktion, genauso wie auf Workin’ Germany.

In den letzten Jahren gab es immer wieder einzelne ARD-Angebote (vor allem funk-Angebote) wie Jäger und Sammler, softie oder Karakaya Talk. Alle wurden wieder eingestellt.

Gleichzeitig merken die Medienhäuser: Ihre mangelnde Diversität wird zunehmend zum Problem. Denn: Es gibt nicht nur in der Politik eine Krise der Repräsentation, sondern auch in den Medien.

Die weiße Mehrheitsgesellschaft ist nicht mehr so wie früher ganz selbstverständlich die Mehrheitsgesellschaft. Die kontroverse Bezeichnung “alter weißer Mann” ist nur ein, aber wohl der plakativste Ausdruck dieser gesellschaftlichen Veränderung.

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Dank unseres tollen Teams, dank unserer großartigen Hosts und ihrer Sicht auf Themen haben wir es geschafft, in kürzester Zeit eine Community aufzubauen, in der unsere User*innen diese hoch komplexen Themen differenziert und informiert diskutieren können.

Danke, dass Ihr mit uns geht und uns Feedback gebt. Mit Euch arbeiten wir gerne an einem inklusiven Deutschland. Voneinander lernen, sich gegenseitig stärken und verbünden. Für all das sagen wir: Danke!

Shahrzad Osterer (Insta: sherryedeno, Twitter: @sherryosterer)

Kokutekeleza Musebeni (Insta: koku_singer, Twitter: @KMusebeni)

Aylin Dogan (Insta: aylos_, Twitter: @_aylos)

Clara Eder (Insta: letsberealisticguys, Twitter: @meisterin_eder)

Alba Wilzcek (Insta: quacksalba; Twitter: @FrauAlbastic)

Esther Diestelmann (Insta: estherdiestelman, Twitter: @EDiestelmann)

Malcolm Ohanwe (Insta: malcolmohanwe, Twitter: @MalcolmOhanwe)

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Caroline v. Lowtzow

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Redakteurin beim BR für die Radiosendung Zündfunk und den Instagram-Account Workin’ Germany

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