ARD-Audiothek

Drei Ausspielwege ohne dreifachen Aufwand

Daniela Beck
Jun 10 · 8 min read

Wie wir die ARD Audiothek unseren Nutzer:innen in 5 Steps im Alltag zugänglich gemacht haben und was wir dabei gelernt haben.

Step 1: Das Smartphone ist nicht genug!

App und Smartphone — das gehört einfach zusammen. Doch bei der ARD-Audiothek wurde uns schnell klar: App und Smartphone bzw. Tablet, das reicht einfach nicht. Denn während du für die Nutzung von Nachrichten-Artikeln und Videos normalerweise konzentriert das Smartphone betrachtest, ist das Radioprogramm etwas, das viele Nutzer:innen ganz nebenbei im Hintergrund begleitet.

Also haben wir uns gefragt: Wie schaffen wir es, dass unsere User:innen sofort ihre Lieblingsaudios finden? Denn sie sollten für die Audiothek nicht mehr Zeit brauchen, als für den gewohnten Griff zum Radio. Gar nicht so einfach beim Audio-Angebot der ARD und des Deutschlandradios, das mehrere zehntausend Hörspiele, Krimis, Comedies und Reportagen beinhaltet.

Dabei rückten die Ausspielwege schnell in den Mittelpunkt. Unser Konzept sollte von Anfang an so gebaut sein, dass wir unsere Hörer:innen ohne großen Aufwand über völlig unterschiedliche Wege erreichen konnten. Und deshalb haben wir aus einer App ganz einfach drei gemacht.

Step 2: Wie wir unser Programm (er)fahrbar machten

Als Erstes haben wir die Nutzung für unterwegs unter die Lupe genommen. Und wo hören die meisten Leute zwar ständig Radio, können aber nur schlecht mit dem Smartphone hantieren? Ganz klar: Im Auto. Unsere erste Lösung wurden deshalb Android Auto und Apple CarPlay sowie Android Automotive, quasi die App-Varianten des Autoradios:

Wie funktionieren Android Auto und Apple CarPlay?

Autofahrer:innen laden die ARD-Audiothek und, falls noch nicht vorinstalliert, Android Auto als Apps aufs Smartphone. Sie können die ARD-Audiothek so entweder in einer für die Fahrsituation optimierten Smartphone-Version nutzen oder, bei Fahrzeugen mit Android-Auto-fähigen Displays, direkt auf dem eingebauten Infotainmentsystem anzeigen und per Lenkradsteuerung bedienen. Analog verhält es sich für Apple CarPlay.

Was ist Android Automotive?

Android Automotive ist die native Version von Android Auto, also ein eigenständiges Betriebssystem, das nicht auf ein Smartphone angewiesen ist, sondern auf dem Computer im Auto läuft. Über den Google Play Store können wie auf dem Smartphone Apps heruntergeladen und installiert werden.

Ähnlich wie bei Android Auto und Apple CarPlay müssen die App-Versionen darauf angepasst werden. Die Audiothek ist einer der ersten Android-Automotive-Partner von Google — die App lässt sich auf mit Android-Automotive-ausgestatteten Autos bequem per Google Play installieren.

Ein App-Konzept fürs Auto bedeutet vor allem, der Fokus der Nutzer:innen muss weiterhin auf dem Fahren liegen. Für uns hieß das:

  1. Die Bedienung erfolgt über große Buttons mit möglichst direkter Interaktion.
  2. Es gibt nur wenige Basis-Interaktionselemente wie Teaser- und Listen-Ansichten.

Im Auto besonders wichtig ist natürlich das „klassische“ Radio-Hören. In den Audiothek-Auto-Apps haben wir deshalb einen eigenen Einstiegspunkt für die Livestreams der öffentlich-rechtlichen Sender auf die Hauptebene gesetzt, die dann direkt inklusive Metadaten zum laufenden Titel gestartet werden können.

Doch die ARD-Audiothek beheimatet auch Unmengen an Audio-Beiträgen und Podcasts! Wie also mit möglichst wenigen Klicks und Hierarchien zum gewünschten Ergebnis kommen? Dabei hilft der Einstieg über die Kompakt-Anzeige der kuratierten Episoden und Listen auf dem Start-Screen und der bereits aus der App bekannte “Meins” Bereich.

Besonders praktisch ist, dass bei Android Auto und Apple CarPlay die Übertragung direkt über die nativen Apps funktioniert. Die Nutzer:innen müssen sich also nicht mühevoll über das Auto ihre Favoriten neu suchen, sondern können ihre Abos, Playlisten, gemerkten Beiträge, Downloads oder Beiträge aus dem Hörverlauf direkt ansteuern und einfach im Auto weiterhören. Für Android Automotive ist diese Funktion mit einem Login ebenfalls angedacht.

Hier Android Automotive zum Anschauen:

Wenn du mehr über die technischen Hintergründe der App-Entwicklung für Android Auto und Apple CarPlay wissen willst, könnte dich auch der Artikel von meinem Kollegen Alex Türk interessieren.

Was haben Radios, Autos und Sprachassistenten gemeinsam?

Immer klarer, immer einfacher — die Anwendungen im Auto führten uns stetig weiter weg vom Smartphone und der klassischen Screen-Anwendung. Komplett losgelöst haben wir sie bei der klassischen Suche nach bekannten oder thematischen Angeboten, erfahrungsgemäß eines der Lieblings-Features unserer Hörer:innen.

Damit diese auch im Auto gut funktioniert, haben wir die Sprachsteuerung der entsprechenden Systeme genutzt, so dass du damit direkt einen Livestream, eine Sendung oder eine Suche starten kannst. Also das gleiche Prinzip, das du auch schon von Sprachassistenten-Anwendungen für Amazon Alexa und Google Assistant kennst — und das wir bei der ARD-Audiothek deshalb gleich zweimal einsetzen konnten.

Denn was haben Radios, Autos und Sprachassistenten gemeinsam? Klar: Die Hauptaufmerksamkeit der Nutzer:innen liegt anderswo als auf dem Bildschirm. Voice-Anwendungen waren für uns somit der perfekte Ausspielweg, um mit der Audiothek auch daheim möglichst nah an das gewohnte „Radio im Hintergrund“-Feeling unserer Hörer:innen heranzukommen. Umso besser, dass wir dabei prima an das bisherige Konzept von Android Auto und Apple CarPlay anknüpfen konnten: Komplexe Features durch eine klare, lineare Struktur ersetzen.

Step 3: „Alexa, holst du mir meinen Podcast?“ oder warum einfache Fragen die Sache doch noch schwierig machten

Keine Umwege, kein Aufwand, kein Display — bei der Voice-Entwicklung konnten wir den eingeschlagenen Weg weg vom Smartphone konsequent weitergehen. Also alles ganz easy? Nicht ganz. Denn genau das, was die Nutzung am einfachsten macht, machte die Entwicklung erst kompliziert: Die völlige Eingabe-Freiheit der User:innen.

Man kann “Ich will die Blaue Couch von gestern hören” ebenso sagen wie “Wir möchten die gestrige Folge von der Blauen Couch hören” — beides ist logisch gesehen dieselbe Anfrage und muss entsprechend erkannt und zugeordnet werden.

Sprache und auch Aussprache sind vielfältig und wir haben ein weit-umfassendes Sprachmodell erstellt, um alle möglichen logischen Spracheingaben abzudecken. Während der Entwicklung haben wir auch User-Tests gemacht und selbst die Stimme des Sprachassistenten gesprochen und dann mit Kolleginnen und Kollegen aus der Abteilung getestet.

Darüber findet man z.B. super heraus, was Leute so typischerweise sagen und auch welche Intents und Eingaben noch hinzugefügt oder angepasst werden müssen. Da wir Voice auch für die Eingabe von Android Auto und Apple CarPlay nutzen konnten, hat sich der Aufwand aber gleich doppelt gelohnt.

Ein anderes Hindernis war die Geschwindigkeit der Sprachassistenten: Features laut auszusprechen dauert schließlich viel länger, als ein schneller Blick auf die Screen-Anzeige.

Um zu verhindern, dass die Auswahl zu lang wird, haben wir deshalb eine Einstiegsfrage eingefügt, mit der du gleich am Anfang entscheiden kannst, ob du lieber Empfehlungen bekommen oder nach bestimmten Inhalten suchen willst. So ist die Auswahl der Funktionen sofort auf den gewünschten Bereich beschränkt.

Damit die User:innen trotzdem kein Feature verpassen, haben wir außerdem ein eigenes „Onboarding“-System für Neulinge entwickelt: Bei den ersten Nutzungen macht der Sprachassistent zwischendurch Vorschläge, wie z.B. „kennst du schon die Kategorien“? So lassen sich nach und nach alle Funktionen kennenlernen, ohne stundenlang Listen-Ansagen anhören zu müssen.

Hier die User Journey auf Sprachassistenten zum Anschauen:

Step 4: Wie wir den Code für drei Apps ohne dreifachen Aufwand umsetzten

Bei der Konzeption und der technischen Umsetzung sollten verschiedene Formfaktoren und digitale Ökosysteme am besten gleich mitgedacht werden. Die technische Basis läuft dabei auf einem gemeinsamen Kern, der sich aus den nativen Apps für Android und iOS wiederverwenden lässt. Dafür brauchten wir eine klare App-Architektur und v.a. Modul-basierte Vorgehensweisen. Durch die lose Kopplung des App-Layers, des Data-Layers und des Audio-Players haben wir es geschafft, diese Komponenten je nach Kontext sowohl in den Client-Apps, als auch in den Auto-Apps bei einer einheitlichen Code-Basis zu entwickeln und zu verwenden.

Dadurch konnten wir sehr schnell auf eine breite Basis aufbauen und mussten nur noch wenige plattformspezifische Anpassungen für die jeweiligen Frontend-Darstellungen umsetzen. Besonders nützlich dabei ist, dass die Komponenten zentral entwickelt werden können und sich Features, Verbesserungen und Erweiterungen direkt auf alle angeschlossenen Clients, die das Modul verwenden, auswirken.

Sehr hilfreich war auch für die Voice-Entwicklung ein Framework zu verwenden, mit dem wir zeitgleich für Alexa und Google Assistant coden konnten. Wir haben dafür das Jovo Framework genutzt.

Zum modularisierten Entwicklungsprozess findest du auch hier Einblicke.

(K)ein Auto im Büro?

Neben der Entwicklung der Apps, ist auch immer das Testing vor dem Livegang sehr wichtig um Fehler zu beheben und das System unter realen Bedingungen zu testen. Auch wenn wir natürlich schon gerne ein richtiges Auto für die Tests hätten (😊), helfen hier die OS-Hersteller:innen mit entsprechenden Simulatoren, die es möglich machen, die Auto-Displays inkl. nativer Funktionen auch auf dem Computer zu testen und zu steuern.

Step 5: Ein Login für alles

Wir sind eins — das Motto der ARD hatte für uns diesmal auch einen ganz praktischen Nutzen. Denn natürlich steht die ARD-Mediathek, die seit 2017 in Zusammenarbeit von SWR/ARD Online und dem BR entwickelt wird, nicht nur für sich, sondern bildet auch einen Teil des öffentlich-rechtlichen Angebots, das viele unserer User:innen bereits gut kennen und regelmäßig nutzen.

Um die Audiothek für diese Nutzer:innen unkomplizierter zugänglich zu machen und gleichzeitig auch die Plattformen der ARD besser zu vernetzen, haben wir uns darum noch ein weiteres Ziel gesetzt: Seamlessness.

Seit Februar 2021 haben wir dabei unser erstes Etappenziel erreicht: Einen produktübergreifenden ARD-Login, mit dem sich Nutzer:innen in der Audiothek für ein ARD-Konto registrieren oder sich mit einem bestehenden ARD-Konto anmelden können, um ihre persönlichen Listen (Abos, Playlists, Merkliste, Verlauf) zu synchronisieren.

Egal auf welchem Gerät oder Ausspielweg sie sich anmelden, können sie dann auf ihren „Meins-Bereich” zugreifen und nahtlos weiterhören. Perspektivisch wollen wir den Login auch für die Voice Applikationen und für Android Automotive anbieten.

Android Auto und Apple CarPlay nutzen den Code der bestehenden Apps, daher ist der Login in diesen bereits verfügbar.

SEP (die Abteilung Software-Entwicklung & Plattformen) spielt als Motor der digitalen Produktentwicklung eine wichtige Rolle im BR und damit auch für die Wahrnehmung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

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