Interview: WDR Innovation Hub

Die Zukunft bleibt spannend

Wie geht Trendforschung beim WDR?

Katharina Kulzer
Apr 14 · 6 min read

Lisa Zauner und Alexander Nieschwietz kümmern sich beim Westdeutschen Rundfunk um Trends. Sie versuchen damit den Sender nach vorne zu bringen. Ein Interview über Tanker, Schnellboote und Innovationen.

Bild: WDR (Bearbeitung BR)

“Ein Tag Zukunft”, der vom WDR Innovation Hub initiiert wurde, hat Innovator:innen und Zukunftsdenker:innen der deutschen öffentlich-rechtlichen Medienhäuser zusammengebracht — auch wir waren mit am Start. Die Impulse der verschiedenen Speaker:innen aus ganz unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern (u. a. , , Raphael Gielgen, etc.) haben uns, das BR Next Team, inspiriert und vor allem neugierig gemacht: Wie arbeiten andere Innovationseinheiten beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk und was können wir voneinander lernen?

Inzwischen gibt es ja in beinahe allen Landesrundfunkanstalten Innovationseinheiten — der WDR Innovation Hub wurde im Frühjahr 2020 gegründet. Wie kam es dazu?

Lisa: Wir hatten die Idee eines Innovation Labs und haben uns gefragt, was könnte das denn überhaupt sein? Im Prozess haben wir gemerkt, dass es dem WDR nicht an guten Ideen mangelt, sondern viel mehr daran, dass er auch mal weiter in die Zukunft blicken sollte, um auch strategisch Ableitungen treffen zu können. Also genau dieser Punkt, der bei Trendforschung und Zukunftsforschung ansetzt. Deshalb betrachten wir im Innovation Hub genau den Horizont zwei bis fünf Jahre. Wir wollen nicht auf Sicht fahren, sondern schauen, was passiert danach. Dadurch können wir strategisch vorgehen, nicht alle Trends mitmachen und uns genau überlegen, worauf wir setzen wollen.

“Übermorgen verstehen, um morgen relevant zu bleiben. Für Bestand und Entwicklung des WDR.”

Wie lautet eure Mission?

Alex: Übermorgen verstehen, um morgen relevant zu bleiben. Für Bestand und Entwicklung des WDR. Das ist unser Purpose, das treibt uns an. Das hat durchaus ein paar Iterationen genommen, wir haben herausgefunden, dass im WDR-Gesetz drinsteht, dass wir als öffentlich-rechtlicher Sender dafür sorgen sollen, am Puls der Zeit zu sein. Das hat uns in die Karten gespielt.

Im Grunde ist der Hub ja Chefsache. Wie ist euer Verhältnis zum ”Mutterschiff“ WDR?

Lisa: Ich finde die Metapher vom WDR als Mutterschiff und den Innovationseinheiten als Schnellboote, tatsächlich ziemlich passend. Ich glaube, dass wir aber nach Möglichkeiten suchen müssen, irgendwie ans Steuerrad des “großen Tankers” zu kommen — oder zumindest versuchen sollten, Einfluss auf den Kapitän zu nehmen. Ich glaube, es ist gut aufzuzeigen wo man sein kann, wenn man im Schnellboot sitzen würde, aber man sollte gleichzeitig irgendwie versuchen, auch kurz mal beim Tanker anzulegen und da Bescheid sagen: ”So und jetzt mal bitte ein bisschen weiter nach links! Das lohnt sich, da sollten wir hin!”

Alex: Immerhin hat der Kapitän dieses Schnellboot da ausgesetzt — wir als Innovations Hub gehören zur Intendanz. Das ist schonmal nicht schlecht. Der Intendant möchte also, dass wir ihm den Weg weisen. Trotzdem kann das Schnellboot den Tanker nicht drehen. Das heißt, dass du als Matrose auf dem Schnellboot auch ein bisschen resilient sein musst, wenn du nach hinten guckst und merkst, der Tanker fährt dir nicht hinterher. Dann muss man sich öfter mal sagen: Okay, jetzt vielleicht noch nicht, aber wir versuchen es weiter und bleiben dran.

Sketchnote: Die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Systems (WDR “Ein Tag Zukunft”)

Jetzt ein bisschen Buzzword-Bingo: Wie bewirkt man nachhaltig Veränderung? Und: Wie gelingt die Digitale Transformation bei euch im Haus?

Lisa: Ich weiß, es ist ein blöder Management-Spruch: Aber wir müssen Problemlöser sein für unsere Redaktionen. Ich mache mal ein Beispiel: Wir wollten ein Projekt mit holografischem Content machen und konnten den Newsroom als Partnerredaktion gewinnen. Wir wollten etwas machen, was weit in der Zukunft ist. Aber dann sagte die Kollegin vom Newsroom: “Eigentlich ist unser Pain: Wie kann Personalisierung gelingen?” Dann mussten wir das Projekt entsprechend anpassen und dachten uns: Vielleicht schaffen wir einen holografischen Content und können gleichzeitig aufzeigen, wie geil Personalisierung ist. Ich glaube, in dem Moment, in dem du auch die Probleme der Redaktionen mit bedenkst und in die Neuentwicklung einbeziehst, hast du’s. Anders ist es nur Innovationstheater.

Alex: Es ist Theater, aber ich frage schon auch gerne noch: Was ist der Treiber für Veränderung? Also was motiviert die Leute? Leider hat die Pandemie gezeigt, dass Angst am Ende der intensivste Treiber ist. Ich fände es sehr komisch, wenn wir von innen Angst schüren, damit sich das Unternehmen verändert. Da stimme ich Lisa total zu. Da sind wir wieder im Schnellboot: Wir können ein Angebot machen, das so geil ist, dass die Leute es von selbst wollen und sagen: Ja, wir brauchen das, wie können wir das umsetzen? Dann haben wir ein Angebot, das Redaktionen hilft, sich für die Zukunft aufzustellen.

Wir im BR versuchen u. a. mit diesem Blog zu zeigen, was wir in einzelnen Projekten gelernt haben und teilen damit nach innen und außen unser Wissen. Wie geht ihr vor?

Alex: Unser erster Grundsatz lautet: Wir teilen alles! Am Anfang haben wir uns Werte überlegt und ein ganz Wesentlicher, den ich nie vergesse, ist: Transparenz. Wenn wir einen Report machen, dann geht das als Newsletter raus an alle (Internen). Wir haben außerdem ein Wissens Hub, wo wir alle unsere Erkenntnisse veröffentlichen. Das sind im Wesentlichen unsere beiden Kommunikationsmittel.

Anfang des Jahres habt ihr “Einen Tag Zukunft” organisiert — ein Meetup aller öffentlich-rechtlichen Innovationseinheiten des Landes. Was waren eure wichtigsten Learnings?

Alex: Der Spruch von war für mich mindblowing:

“In dem Moment, in dem du eine Innovationseinheit aufbaust, die etwas Neues machen soll, empfiehlt er auch eine Einheit daneben zu setzen, die Dinge abbaut.”

Eine Abwrackeinheit oder so. Diese Idee habe ich noch nie gedacht. Ich weiß auch warum: weil Abwracken niemand geil findet! Aber im Grundsatz ist da natürlich was dran. Ich habe auch gelernt, dass man niemals Zeit hat, sich auf einem Konzept auszuruhen, sondern sich immer weiter anpassen und testen muss. Was wiederum dazu führt, dass man einen langen Atem braucht mit Innovationseinheiten.

Lisa: Eigentlich muss man sich immer wieder challengen lassen. Man muss sich immer wieder in den Sturm stellen, damit man nicht irgendwann verharrt — das wäre dann das Gegenteil von Innovation.

Wie haltet ihr euch über Trends und neue Technologien auf dem Laufenden?

Alex: Um die Wahrheit zu sagen: Wir betreiben selbst Trendforschung. Wir arbeiten mit Trendone zusammen, einer Agentur für Trendforschung. Mit deren Tool, dem Trendmanager, werden jeden Tag sogenannte Signale hineingegeben, also neue Entwicklungen, Erfindungen, usw. — z.B. eine neue App für politische Entscheidungen. Darüber lassen sich Muster erkennen. So schauen wir in bestimmte Bereiche hinein, die wir als wichtig erachten. Wir beobachten dort die Signale von heute, verbinden sie zu Trends, um dann auf die Entwicklungen der Zukunft zu schließen und um dann vorbereitet zu sein.

Wie entscheidet ihr, ob ihr einen Trend mitmacht?

Lisa: Das geht nur zusammen mit den Expert:innen im WDR. Nehmen wir mal Beispiel Social Media: Da haben wir mit unserem Social Media Team ganz eng zusammengearbeitet. Weil die mit uns eine Relevanzbewertung machen. Diesen Bezug zum WDR können wir nur gemeinsam mit den Kolleg:innen im Haus machen.

Sketchnote: Nächste Generation der Nutzer (Generation Alpha) (WDR “Ein Tag Zukunft”)

Woran arbeitet ihr gerade?

Lisa: Wir haben angefangen, das Trendmanagement und die Trendforschung ein bisschen zu systematisieren. Und das gehört auch zur Wahrheit: Das müssen wir auch erst lernen. Parallel haben wir mithilfe dieser Trendforschung das ein oder andere Innovationsfeld für uns rausgesucht. Wir beschäftigen uns im Moment mit drei Innovationsfeldern: Immersive Welten (Distribution über alle Sinne), Synthetische Medien (Wie werden unsere Medien sein, wenn sie nicht mehr von lebenden Menschen gemacht werden?) und Generation Alpha (Die Nutzer:innen der Zukunft).

“Do it!”

Wie wollt ihr als Innovation Hub in Zukunft arbeiten?

Alex: Ich bin mit der Art, wie wir arbeiten sehr zufrieden. Wir können sehr alleine für uns nachdenken, analysieren und entscheiden an welcher Stelle wir unsere Ressourcen investieren. Wir haben gleichzeitig die Möglichkeit — und das finde ich unglaublich wichtig — dass wir uns selbst Räume schaffen, um kreativ arbeiten zu können. Und weil ich verliebt bin in Ergebnisse: Oftmals wünsche ich mir, dass Aufträge auch wieder konkreter werden können.

Lisa: Ich finde es super, wie wir gerade arbeiten können. Am Anfang dachte ich mal: Jetzt haben wir uns aufgestellt, jetzt sind wir fertig und dann los. Mittlerweile ist mir aber auch klar, das ist Quatsch. Man muss versuchen, auch im Kopf immer wieder frei dafür zu bleiben, dass es mal wieder anders kommen kann. Und wenn wir mit unserer Arbeit jemandem im WDR helfen können, dann: Do it!

Über BR Next: Wir arbeiten in den verschiedensten Bereichen im BR an seiner Zukunft. Wir sind Entwickler:innen, Journalisten:innen, Designer:innen, Produktmanager:innen, Gründer:innen, Innovationstreiber:innen. Auf unserem Blog teilen wir mit euch, was wir dabei im Bayerischen Rundfunk und von anderen lernen: https://medium.com/br-next

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Katharina Kulzer

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Journalistin | Projektmanagerin | Social Media ♡ | @BRNext Bayerischer Rundfunk

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