Faktencheck-Videos:
Das Richtige soll hängenbleiben

Wie wir ein neues Erzählgefäß für den
BR24-#Faktenfuchs geformt haben

Johanna Rupprecht
Nov 25 · 9 min read

Populäre Irrtümer, Gerüchte und Falschinformationen im Netz: Das Team BR24-#Faktenfuchs spürt ihnen seit Jahren erfolgreich nach. Ausgesuchte Richtigstellungen gibt es nun auch in Form von Grafikvideos. Sie sind in ihrer Gestalt und Stringenz ein Novum in der Faktencheck-Landschaft.

Frühjahr 2021. Die Welt ächzt unter der Last der Pandemie, und Deutschland steuert langsam in Richtung Bundestagswahl: So viel Aufregung, so viele Themen, so viele Halbwahrheiten und Falschbehauptungen!

Was stimmt und was stimmt nicht? Der #Faktenfuchs will für Klarheit sorgen — nicht mehr nur in ausführlichen BR24-Webartikeln, sondern auch in Radio, Fernsehen und Social Media.

Die Challenge

Wir haben uns den Facebook-Kanal von BR24, der Nachrichtenmarke des Bayerischen Rundfunks, vorgenommen. „Wir“ meint das Storytelling-Team der BR-Digitaleinheit Visual Production gemeinsam mit dem Team BR24-#Faktenfuchs.

Aber wie entzaubert man erfolgreich Falschmeldungen auf einer Plattform, auf der so viele Halbwahrheiten und Fake News auf die Nutzer:innen einprasseln? Und auf der nicht wenige Menschen vor allem Zerstreuung suchen?

Gerüchte, verdrehte Tatsachen und Verschwörungserzählungen haben ihre ganz eigene Magie. Sie sind oft von größerem Unterhaltungswert als nüchterne Fakten.

Die Herausforderung bestand also darin, Menschen mit einer eher geringen Aufmerksamkeitsspanne in einer Flut verschiedenster Konkurrenzprodukte dazu zu bringen, sich auf sachliche Richtigstellungen einzulassen.

Erfolg bedeutete für uns bei diesem Projekt dreierlei:

  • Wir wollten eine Erzählweise finden, bei der die richtigen Fakten hängenbleiben und nicht die falschen.

Im wesentlichen zielten wir dabei auf das bestehende Publikum des Facebook-Kanals von BR24: User:innen vor allem aus den Sinus-Milieus der Hedonisten, der Konservativ-Etablierten und der Performer.

Die Herangehensweise

Als Form haben wir ein Grafikvideo von bis zu drei Minuten Länge gewählt. Die Kürze passt zu Facebook, die Animation gibt uns bei der Visualisierung hohe Flexibilität, und der Verzicht auf aufwändige Dreharbeiten und Studioaufnahmen verspricht Zeitgewinn. Das Video soll eine schnelle Reaktion auf Falschinformationen möglich machen.

Die Idee: Unser Video soll die Essenz einer Richtigstellung formulieren und veranschaulichen.

Damit das Richtige hängenbleibt, folgen wir im Aufbau den Empfehlungen von Wissenschaftler:innen, die sich intensiv mit Falschbehauptungen und Verschwörungserzählungen auseinandergesetzt haben.

„Beginnen Sie mit etwas, das richtig ist. Es muss zur Thematik passen.

Warnen Sie, dass ein Gerücht oder eine Falschmeldung folgt, und erwähnen Sie diese nur einmal, unmittelbar bevor Sie sie korrigieren.

Erklären Sie, warum man weiß, dass etwas falsch ist. Hier können Sie auch Logikfehler aufzeigen, die dies verständlich machen.

Schließen Sie noch einmal mit richtiger Information, um diese in den Vordergrund zu stellen.“

Ingrid Brodnig, Einspruch!, S. 110 f.

Die Framing-Falle

Eine wichtige wissenschaftliche Erkenntnis ist auch, dass unser Gehirn keine Negativ-Aussagen erfassen kann. „Denken Sie nicht an einen rosa Elefanten!“ funktioniert nicht. Das Gehirn ruft den genannten Begriff auf — Verneinung hin oder her.

Was wir in verneinter Form sagen, wird also vorgestellt und droht im Gedächtnis zu bleiben. Wir vermeiden deshalb in unserem Faktencheck-Videoformat die verneinte Wiedergabe von Falschbehauptungen.

Stattdessen formulieren wir die Dinge positiv. Das gilt besonders für den ersten Satz. Die meisten Facebook-Nutzer:innen entscheiden nämlich in den ersten Sekunden eines Videos, ob sie es sich anschauen werden oder nicht. Wenn sie sich dagegen entscheiden, nehmen sie nur den ersten Satz mit.

Die Erzählschritte

Unsere #Faktenfuchs-Videos beginnen also mit einem affirmativen Satz, der zum Thema ein (richtiges) Faktum formuliert. Den ersten Satz leiten wir ein mit den Worten „FAKT IST: …“.

FAKT IST: Lothar Wieler ist ein hoch qualifizierter Fachmann für Infektionskrankheiten

Erst danach, im zweiten Erzählschritt, wird die Falschbehauptung widergegeben — pro Video nur einmal, im Konjunktiv formuliert und farblich hervorgehoben. Der Satz beginnt mit „BEHAUPTET WIRD: …“

BEHAUPTET WIRD: Er sei „bloß“ ein Tierarzt.

Um die Menschen gegen ähnliche Irreführungen zu wappnen, entlarven wir im dritten Erzählschritt den Mechanismus, der sich dahinter verbirgt. Das kann ein Logikfehler sein (z. B. eine unzulässige Verallgemeinerung). Es kann sich aber auch um eine bewusste Irreführung handeln. Dieser Abschnitt wird eingeleitet mit der Frage: „WAS STECKT DAHINTER?

WAS STECKT DAHINTER?
Wieler soll abqualifiziert werden.
Mit einem Pick-Trick.
Man pickt sich einen Teil aus einer Geschichte raus.
Nicht den wichtigsten.
Sondern den, der sich am besten madig machen lässt.
Zum Beispiel aus Wielers Laufbahn als Arzt und Wissenschaftler.

Im vierten und letzten Erzählschritt folgt die Richtigstellung. Mit wenigen ausgewählten Argumenten wird stringent der Beweis geführt, dass es anders ist als behauptet: „KORREKT IST: …“

KORREKT IST:
Lothar Wieler ist auch Tierarzt.
Genauer gesagt: Fachtierarzt für Mikrobiologie.
Vor allem aber ist er Wissenschaftler.
Professor für Mikrobiologie und Tierseuchenlehre.
Sein Forschungsschwerpunkt: Zoonosen.
Das sind Infektionen von Tier zu Mensch und umgekehrt.
Wie bei SARS-CoV-2.
Wieler ist also Corona-Experte.

Die Hürden

Ein Facebook-Video zieht schnell an den User:innen vorbei — nicht immer ist die Aufmerksamkeit beim Betrachten 100 Prozent. Damit unsere Richtigstellungen auf Anhieb verstanden werden, bemühen wir uns um einfache Worte und eine sehr stringente Argumentation.

Was verstanden wird, hat bessere Chancen, im Gedächtnis zu bleiben.

Was verstanden wird, hat bessere Chancen, geteilt zu werden.

Dabei gilt: Die Falschbehauptung bzw. ihre Richtigstellung muss für das Publikum Relevanz oder einen hohen Gesprächswert haben.

Nicht jeder Unsinn, der im Netz verbreitet wird, ist den Aufwand eines Faktencheck-Videos wert. Wenn eine Aussage zu hanebüchen ist, steigen die User:innen schnell aus dem Video aus und hinterlassen genervte Kommentare.

Bei Themen, die es ihnen schwer oder unmöglich machen, einen Bezug zu ihrer Lebenswelt herzustellen, steigen sie erst gar nicht ein.

Der Schlüssel

Es ist schon fast eine Binse, dass bei Facebook der Einstieg ins Video von größter Wichtigkeit ist. Er ist der sogenannte thumb stopper. An ihm müssen die Nutzer:innen hängenbleiben; sonst hat das Video keine Chance.

Einen guten Einstieg, das haben wir oft in mühsamem Ringen festgestellt, findet man, indem man das Thema radikal eingrenzt und dann den Punkt sucht, bei dem das Thema möglichst vielen Menschen nahekommt.

Bei den Faktencheck-Videos gibt es da einen Trick: Suche den wahren Kern der Falschnachricht und formuliere ihn so einfach und eingängig wie nur möglich! Das ist der beste erste Satz für Dein Video.

Die meisten Falschbehauptungen haben einen solchen wahren Kern. Wenn wir ihn ausfindig machen und sehr verständlich formulieren, lockt das auch diejenigen an, die der Falschnachricht Glauben schenken, oder die davon gehört haben und unsicher sind.

Zum Beispiel lautete ein erster #Faktenfuchs-Satz:

FAKT IST: Einige Corona-Impfstoffe wurden in Rekordgeschwindigkeit entwickelt und auf den Markt gebracht.

In der Folge wird erklärt, warum „schnell“ nicht „schlampig“ bedeuten muss, wie viele Menschen wohl intuitiv glauben. Es gibt nachvollziehbare Gründe, warum z. B. die mRNA-Impfstoffe so verhältnismäßig schnell zugelassen werden konnten.

Unser Ziel ist, diese Gründe auch oder vor allem den Zweiflern vorzutragen. Also denen, die die schnelle Entwicklung der Impfstoffe verdächtig finden. Der wahre Kern der Falschnachricht hilft uns, sie zu erreichen.

#Faktenfuchs-Clip zum Thema “Schnelle Entwicklung der Corona-Impfstoffe”

Die Bildsprache

Soweit die Text-Theorie. Zu einem Video gehören aber auch Bilder. Weil der #Faktenfuchs auf mehreren Ausspielwegen (auch in der BR24 Rundschau und im BR24 YouTube-Kanal) wiedererkannt werden sollte, brauchte er ein formatübergreifendes Design.

Das Konzept dafür hat Henrik Ullmann, Designer bei Multimedia Design, entwickelt — für Social Media, Fernsehen und Online. Die Farben stammen aus der Palette von BR24: viel Orange, viel Grau und viel Weiß.

Das „Moodboard“ für den #Faktenfuchs in Social Media, Fernsehen und Online

Der Fuchs

Eine besondere Herausforderung war die Gestaltung des Logos: der Fuchs als Markenzeichen mit hohem Wiedererkennungswert.

Er musste nicht nur zur Marke BR24 passen, sondern auch zu dem besonderen Charakter, den Gudrun Riedl, die Leiterin von BR24 Digital, und ihr #Faktenfuchs-Team unter Janina Lückoff dem Fuchs verliehen haben.

Es gab mehrere grafische Entwürfe. „Die Frage, was will man mit diesem Logo ausdrücken, hat mich schon umgetrieben“, sagt Ullmann. „Die Gefahr, dass es zum Maskottchen wird, zu comichaft, zu lieblich — die war da.“ Aber auch zu abstrakt durfte der Fuchs nicht werden.

Ein Vorschlag des Animationsgrafikers Martin Pflanzer führte schließlich auf die richtige Spur. Ullmann überarbeitete den Entwurf, bis im Kreis der Entscheider:innen ein Konsens hergestellt war.

Kein Maskottchen, sondern Markenzeichen mit hohem Wiedererkennungswert: Der Faktenfuchs

Der Hintergrund

Zentrale Idee für die Hintergrund-Bildgestaltung war eine große, graue Fläche: „Wie eine Pinnwand”, sagt Ullmann. „Ein Ort, an dem man Zeitungsschnipsel, Fotos, Diagramme und Notizen sammelt. Bei Bedarf wird etwas dazu gekritzelt.“

Freiraum für Gekritzel, aber auch für Kunst: Die Grafikerin Sibylle Hammer nutzt die Flächen gern für handgezeichnete Illustrationen.

Freiraum auch für Handgezeichnetes

Dazu kommen einheitlich gestaltete Sprechblasen. Dort werden die Fakten und Informationen transportiert.

Ein Video, viele Sprechblasen: Direkte Ansprache der User:innen

„Die Sprechblasen stehen für den Austausch zwischen den User:innen und uns als öffentlich-rechtlichem Rundfunk, der versucht, durch sauber recherchierte Tatsachen Ordnung und Orientierung zu bieten.“

Henrik Ullmann, Multimedia-Designer

Der Wissenstransfer

Die BR24-Facebook-User:innen haben das zusätzliche #Faktenfuchs-Angebot gut angenommen. Die Videos haben hohe Aufrufzahlen verzeichnet, wurden viel geteilt und — natürlich — kontrovers kommentiert.

Wir vom Storytelling-Team sind Entwickler. Wir formen Erzählgefäße, in die dann Recherchen hineingegossen werden können, die beim BR gemacht werden. In dieser Funktion haben wir die #Faktenfuchs-Video-Reihe konzipiert und bei User:innen von BR24 getestet.

Nachdem wir entwickelt und eine Weile Praxis-Erfahrung gesammelt hatten, haben wir die Übergabe vorbereitet. Ziel war, dass die #Faktenfuchs-Artikelautor:innen selbst Texte für solche Videos verfassen können. Sie sind die Rechercheure, sie kennen sich in der Thematik am besten aus.

In einer umfangreichen Präsentation haben wir deshalb unser Format-Know-how niedergeschrieben und veranschaulicht, haben in einem Workshop gemeinsam an Texten gefeilt.

Die Lektion

Nicht alle unsere Videos haben sich in Facebook gut verbreitet. Obwohl die BR24-#Faktenfuchs-Artikel eine großartige Grundlage für Faktencheck-Videos liefern.

Warum nicht? Wir haben uns an die Fehler-Analyse gemacht. Das Ergebnis: Nicht selten ist es der verflixte erste Satz! Zu lang, zu schwierig, zu wenig Berührungspunkte mit den User:innen.

Die Sprache muss — wo immer das möglich ist — noch einfacher werden. Social Videos so zu texten, dass sie bei einem breiten Publikum ankommen, erfordert Übung.

Man muss sich trennen von vielen Details, die man wichtig findet und gern in seinem Film „unterbringen“ würde. Und: Nicht jedes Artikel-Thema ist geeignet für eine Social-Video-Umsetzung.

Die Themen rund um den Wahltermin waren beispielsweise nicht so “catchy” wie reine Verschwörungsnarrative. Trotzdem waren dem Team #Faktenfuchs die Umsetzungen rund um die Wahl wichtig: Denn hier stehen wir als öffentlich-rechtliche Anbieter besonders in der Pflicht.

Das Fazit

Ein neues Produkt in die Linie zu überführen ist eine große Herausforderung, die Zeit braucht. Die erarbeiteten Vorgaben für Skript und Grafik sind streng und brauchen Einarbeitung.

Deshalb braucht es kontinuierlich Feedback und Analysen. Der Markt für Videos ist im Digitalen sehr dynamisch, jedes Format braucht daher ständige Weiterentwicklung.

“Mit dem Faktenfuchs behandeln wir teils sehr komplexe Themen, sitzen wochenlang an Recherchen. Das Herunterbrechen auf wenige Sätze im Video ist natürlich herausfordernd. Es birgt aber die große Chance, diese aufwändigen Faktenchecks an neue Zielgruppen heranzuführen.”

Jana Heigl, Team BR24 #Faktenfuchs

Faktenfüchse und Video-Spezialistinnen haben es so geschafft, wirklich intensive Recherchen an neue Nutzergruppen heranzutragen. In den Timelines von BR24 hat das zu guten Debatten geführt.

Viele Nutzer:innen haben die Videos geteilt und damit gezeigt, dass sie ihre Aha-Erlebnisse gleich mit Freunden und Bekannten diskutieren wollten. Wenn dieser Impuls, das Teilen, von den Nutzer:innen selbst kommt, entwickelt sich auch die größtmögliche Überzeugungskraft. Genau das ist die Aufgabe der Faktenchecker:innen im BR — der großen Flut an Desinformation einen Strom an Information entgegenzustellen.

Autorinnen des Artikels sind Johanna Rupprecht und Eva-Maria Class vom Team Storytelling der BR-Digitaleinheit Visual Production.

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Johanna Rupprecht

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Teamlead Storytelling in der BR-Digitaleinheit Visual Production

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