@ichbinsophiescholl — Eine Widerstandskämpferin auf Instagram

Wie wir Sophie Scholl einen Social Media Account verpassten und die Nazi-Diktatur jetzt aus der Selfie-Perspektive zeigen. Über die erfolgreiche Zeitreise des SWR/BR-Projekts ins Jahr 1942.

Lydia Leipert
Nov 16 · 9 min read

Die Idee

Unser digitaler Aufbruch in die Vergangenheit begann im Mai 2020, knapp ein Jahr vor dem 100.Geburtstag von Sophie Scholl. Susanne Gebhardt, Redaktionsleiterin “Zeitgeschehen / Geschichte & Entdeckungen” im SWR hatte einen ungewöhnlichen Projektvorschlag: „Ich hatte die Idee, die Widerstandskämpferin nicht mit einer weiteren Doku im TV zu ehren, sondern ihre Geschichte jüngeren Menschen da zugänglich machen, wo sie sich bewegen: auf Social Media, genauer auf Instagram.“

Uli Herrmann, Tatort- Redaktionsleiter im SWR und Redakteur des Films „Sophie Scholl — Die letzten Tage“ und auch der BR schlossen sich schnell der Idee an. Denn natürlich gab es den israelischen Kanal eva.stories, der bereits die Geschichte eines jungen jüdischen Mädchens im Nationalsozialismus bis zur Deportation auf Instagram erzählt hatte. Aber im deutschsprachigen Raum war die Idee, Sophie Scholl radikal subjektiv, nah und authentisch zu erzählen, erstmal ein Wagnis.

Aber schon kurz nach dem Start des Kanals im Mai 2021 war uns klar, dass die Geschichte dieser mutigen Frau auf Instagram einen Nerv getroffen hatte: Schon drei Tage nach dem Launch folgten mehr als 400.000 Abonnent:innen der Coming of age-Geschichte zu Zeiten der NS-Diktatur. Und im ersten Monat nach dem Launch zählte der Account mehr als 900.000 Abonent:innen und 100.000.000 Impressions.

Fokus auf Distribution

Das lag auch an einem lang vorbereiteten Crosspromo- und Distributionsplan. Über Monate hinweg trafen wir uns als Team aus Redaktion, PR- und Social-Media-Fachleuten zu einem fixen wöchentlichen Termin, um einen möglichst großen Aufschlag des Kanals möglich zu machen. Die Reichweite war von Anfang an auch deshalb groß, weil die ARD-Tagesschau eine Woche lang jeden Tag Inhalte in einer Insta-Story veröffentlichte und den Trailer postete. Aber auch viele Influencer wie Stefanie Giesinger, Oliver Pocher, der Podcast Gemischtes Hack, und der bekannte Wissenskanal MrWissen2Go waren von der Idee begeistert und berichteten von sich aus über den Kanal.

Ein durchdachtes Setup

Wie setzt man so ein komplexes Konstrukt für ein fiktional-historisches Projekt mit dem Anspruch an hochwertige Bewegtbilder auf? Zunächst erarbeiteten die Autorinnen von „Unframed Productions“ ein Treatment und Drehbuch, das die Grundlage für den späteren Contentplan war. Dieser enthält neben den einzelnen Dialogen auch die vielen anderen kleinen Inhalte, die bis heute im wöchentlichen Rhythmus ihren Weg in die Stories, Feedposts, Reels und IGTVs finden.

Hier war natürlich auch entscheidend, dass wir uns tief ins historische Material, in die vielen Tagebücher und Briefwechsel Sophie Scholls einarbeiteten. Nicht nur mit sämtlichen Familienmitgliedern, sondern auch mit Freundinnen und natürlich ihrem Verlobten Fritz Hartnagel blieb Sophie Scholl per Post in stetigem Kontakt und diese Schriftstücke sind noch erhalten. Um historisch korrekt zu sein, arbeiteten wir eng mit der Historikerin Dr. Maren Gottschalk zusammen, die selbst mehrere Bücher zu Sophie Scholl veröffentlicht hat. Auch die Weiße Rose Stiftung e.V. unterstützte das Projekt von Anfang an.

Wie ist Sophie Scholl auf Instagram?

Wichtig war es, sich im Vorfeld detailliert den grundlegenden Fragen des Kanals zu stellen: Was für ein Bild zeichnen wir von Sophie? Wie sehr interagiert sie in Stories und Posts?

Klar war, dass eine plattformgerechte Erzählweise automatisch sehr auf ihre Person fokussierte Inhalte benötigt. Sprich: erzählt wird im radikal subjektiven Selfie-Look, der emotional wirkt und eine Nähe zur Protagonistin herstellt. Weiter wollten wir auch bewusst die Chance nutzen, den Alltag in der damaligen Zeit zu erzählen. Also die Musik, die Kleidung und den Umgang der Menschen möglichst historisch korrekt nachzuempfinden; und eben auch sowohl die kleinen Ärgernisse wie zum Beispiel, dass Sophie so selten echten Kaffee bekommt als auch die wirklichen Probleme des Alltags im Nationalsozialismus, wie dass ihre Familie von dem Blockwart-Nachbarn ausspioniert wird.

Das Handbuch, die Bible

Aber wie geht man damit um, dass es 1942 definitiv noch kein Instagram gab? Um diesen Grundkonflikt zu klären, erstellte die VICE Media als ausführende Produktionsfirma ein Handbuch, die sogenannte Bible, die grundlegende Fragen beantworten sollte. Im Fall des Handys haben wir es so gelöst, dass man es nie sieht, und auch nie davon gesprochen wird. Also Sophies Mutter sagt nicht: „Jetzt leg doch bitte das Handy weg.“ Sophie Scholl ist dabei die Einzige in ihrem Umfeld, die die Möglichkeit hat, ihre Gedanken festzuhalten und ihre Umgebung aufzuzeichnen. Eine Art digitales Tagebuch. Sophie ist also für uns keine Influencerin auf der Suche nach Reichweite; sie hat aber eine inhaltlich getriebene Mission.

Wir legten die Sprechhaltung fest (sie spricht wie zu einer Freundin), ob und welche Emojis sie nutzt (sehr reduziert, einfache Emojis wie eine Blume), ob und welche Hashtags unter Feedposts passen (ja, aber vorab festgelegte) und wie sie die User:innen anspricht. Gerade der letzte Punkt wurde immer wieder hin und hergewälzt, weil sich hier eine Grundproblematik zeigte: Wir wollten der historischen Persönlichkeit Sophie Scholl gerecht werden, sie respektvoll zeigen, aber gleichzeitig der Plattform entsprechend produzieren. Hier den richtigen Ton und das richtige Storytelling zu finden war und ist nach wie vor eine der großen Herausforderungen dieses Projekts. Denn wir als gesamtes Team waren und sind uns des schmalen Grades bewusst, auf dem wir uns bewegen.

Archivmaterial? Ja, aber.

Gerade der Einsatz von Originalmaterial aus der damaligen Zeit verschafft dem Kanal eine besondere Authentizität. Und auch hier legten wir bestimmte Regeln fest: Alles, was wir zeigen, muss Sophie in irgendeiner Form selbst gesehen haben können. Denn sie hat ja nicht per Whatsapp Fotos von dem zerbombten Köln am selben Tag, sondern möglicherweise erst Tage oder Wochen später in die Hand gedrückt bekommen, die sie dann abfotografiert haben könnte. Executive Producer Leif Alexis: „So wie auch bei den Spielszenen darauf geachtet wurde, dass Sophie das Bedürfnis hat, etwas mitzuteilen, gilt das auch für das Archivmaterial. Die Motivation, historische Inhalte zu posten muss zeitlich und örtlich passen.“

Szenen im echten Filmlook

Ein Grund für den Erfolg des Kanals ist auch das Videomaterial auf Spielfilmniveau. Die Produktionsfirma Sommerhaus Serien, die für Filme wie „Berlin, Alexanderplatz“ ausgezeichnet wurde, näherte sich dem Projekt mit dem gleichen Anspruch wie einem klassischen Film. Regisseur Tom Lass drehte an 17 Drehtagen über 150 Szenen. Spannend dabei: Zwei Units haben nebeneinander am Set die jeweiligen Inhalte erstellt. Unit eins mit der Schauspielerin Luna Wedler als Sophie Scholl, die die meiste Zeit auch die Kamera hielt, um den gewünschten Selfie-Look zu garantieren. Kameramann Johannes Louis begleitete den Dreh — natürlich komplett im Hochkant Format für die künftige Ausspielung als Insta-Story. Luna Wedler war es aber überlassen, die Kamera selbst zu führen. Für die Schauspielerin, die auch durch die Netflix-Serie „Biohackers“ und den Film „Je Suis Karl“ bekannt ist, eine echte Herausforderung: „Da wir für Instagram im Hochformat gedreht haben, mussten wir jede Szene verschieden auflösen. Es gibt nicht wie sonst Schuss, Gegenschuss von einer außenstehenden Kamera. Aber eben all das zusammen hat es super spannend und aufregend gemacht.“

Unit zwei erstellte unter der Leitung von Social-Media-Redaktionsleiterin Suli Kurban alles weitere Material wie Stills, Reels oder kleine, emotionale Kurzvideos, um den Feed zu bestücken. Allein all die Inhalte wie Sekunden andauernde Clips oder Fotos zu sortieren, zu speichern und in den Contentplan anzupassen war eine Herkules-Aufgabe: „Wir haben täglich über 100 Content pieces gefilmt und fotografiert. Damit wir neben Unit eins parallel arbeiten konnten, hatten wir ein Handdouble für Sophie. Unser Handdouble kochte Flädlesuppe oder hielt Lieblingsbücher von Sophie Scholl in die Kamera. Das Besondere an unsere Arbeit war, dass wir die feinen Details von Kostüm- und Szenenbild Department sichtbar machen konnten. So konnte die Reise in die Vergangenheit so authentisch wie möglich erzählt werden.“

Eine zur Plattform passende (Kern-)Zielgruppe

Natürlich war alle Vorbereitung nur der erste Schritt. Denn das Ziel war ja, möglichst viele User:innen aus unserer Kernzielgruppe, definiert als junge Frauen zwischen 18 und 24 Jahren zu erreichen. Die Gruppe der Expeditiven aus den Sinusmilieustudien ist unser Target, also junge Frauen, die interessiert sind an historischen und politischen Zusammenhängen, die sich einbringen und mitdiskutieren wollen statt nur passiv zu konsumieren. Laut unserer Vorrecherche sind solche Menschen vor allem auf Instagram und auch in Usertests vor Kanalstart mit Einzelnen aus der Zielgruppe bestätigte sich unsere Hoffnung, dass wir die auch wirklich erreichen können.

Ein lebendes Projekt

Das Bewegtbild hatten wir komplett im April und Mai 2021 abgedreht. Aber im Gegensatz zu einem linearen Projekt nahmen und nehmen wir ständig Anpassungen vor. Nicht nur durch die vielen Usertestings wissen wir, was für die Community wichtig ist. Auch in den vielen tausenden Kommentaren, die wir bisher erhalten haben, lässt sich zum Beispiel das große Interesse an mehr Informationen zu der damaligen Zeit herauslesen. Deshalb wurde auch die Landingpage des Projekts stark erweitert und mit erklärenden Links und zusätzlichen Hintergrundinformationen ergänzt.

Schnell wurde auch klar, dass wir genau differenzieren müssen in der Ansprache: Sophie antwortet selbst auf Kommentare, die direkt an sie gehen. Werden Fragen zum Account oder übergeordneten Inhalten gestellt, antwortet das #Teamsoffer (denn Soffer war Sophie Scholls Spitzname). Eine der größten Anpassungen war die Aufstockung des Community Managements. Denn wir wurden schlicht und einfach vom Erfolg überrannt. Channel-Runnerin Suse Bauer: „Der Kanal startete und das Team traf sich per Zoom um zu feiern, als wir die 100.000er Marke an Abonnent:innen geknackt hatten. Als es dann 400.000 und schließlich 900.000 wurden, wussten wir: Wir haben ein Problem.“ Denn 900.000 Follower:innen bedeuten eben auch, dass tausende an Fragen, Messages usw. beantwortet werden müssen.

Aus den vier Kolleg:innen, die den Kanal bestücken und auch das Community Management übernehmen sollten, wurden im Laufe der Zeit 18 Menschen (neun davon alleine im Wechsel fürs Community Management zuständig). Die Kanal-Redaktion um Suli Kurban und Nina Englert reagierte auf das große Interesse an historisch-gesellschaftlichen Zusammenhängen durch zusätzliche Feed- und Storyposts mit inhaltlichem Fokus auf spezifische Themen und einordnende Redaktionskommentare.

Sophie international und im Lehrplan

Dann gab es sogar eine Veränderung auf internationaler Ebene: Weil so viel Anfragen aus dem Ausland kamen, wurde eine zusätzliche Wochenzusammenfassung mit englischen Untertiteln erstellt.

Hier geht es zu den englischen IGTV-Wochenzusammenfassungen

Weiter hat die Wissensplattform Planet Schule unterrichtsbegleitendes Material erstellt, damit auch Lehrer und Schüler dicht an der Handlung des Accounts noch tiefer in die historischen Zusammenhänge tauchen können.

Und auch auf der Lernplattform des bayerischen Kultusministeriums ist das Projekt zu finden.

Der Erfolg

Das gesamte Team war im Freudentaumel, als wir innerhalb der ersten Wochen schon 900.000 Abonnent:innen geholt hatten. Unglaublich fanden wir auch den candy storm, der auf uns einprasselte.

Für uns gehört zu den schönsten Erfahrungen die große Bereitschaft der Community, sich auf das ungewöhnliche Gedankenspiel einzulassen und einer ja offensichtlich verstorbenen Person auf Instagram zu folgen. In vielen, vielen Kommentaren geben User:innen Sophie Tipps, gratulieren ihr zum Geburtstag und leiden mit ihr, wenn sie mal wieder Liebeskummer hat, weil ihr Verlobter so weit weg an der Front ist. Und hierin liegt für uns eine der wichtigsten Leistungen des Projekts: Nicht nur ein neues Bild der ungewöhnlichen und modernen jungen Sophie Scholl zu zeichnen, sondern schlicht und einfach Interesse an ihrer Persönlichkeit, ihrer Geschichte und der damit verbunden NS-Zeit zu wecken; und sie somit zur ersten deutschen Histofluencerin zu machen.

Link zum Instagramaccount @ichbinsophiescholl

Wochenrückblicke in der ARD Mediathek

@IchBinSophieScholl ist eine des SWR/BR Produktion umgesetzt von SOMMERHAUS Serien GmbH in Zusammenarbeit mit VICE Media GmbH und UNFRAMED Productions GmbH.

Das Team:

SWR: Susanne Gebhardt, Ulrich Herrmann, Katja Espey, Julian Schmitt, Marie-Luise Dietsch, Hannes Opferkuch, Werner Pastula, Karen Hartmann, Laura Maur

BR: Lydia Leipert, Katrin Klaus, Marie Müller, Manuela Muschner

Sommerhaus Serien: Leif Alexis, Fabian Maubach, Jochen Laube, Ira Wedel, Rebecca Martin

Vice Media: Katja Siegel, Manuel Freundt, Suli Kurban, Susanne Bauer, Rebecca Rütten, Nina Englert, Holle Zoz, Cylène Stock, Sascha Lucks, Ella Knigge, Marco Zwosta, Bao-My Nguyen, Paula Dieker, Marie Radke, Paul Grot, Jil Thomsen, Ida Hausdorf, Julia Buchholz, Wiebke Leser

Unframed Productions: Melina Voss, Shari Mahrdt, Shannon Getty,

Illustrationen: Édith Carron

Historische Beratung: Dr. Maren Gottschalk und Dr. Hildegard Kronawitter von der Weiße Rose Stiftung e.V.

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Lydia Leipert

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Journalistin, Historikerin M.A. | Koordination Film digital für @BR_Presse | Absolventin Berliner Journalistenschule | Jobsharing

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