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Jobsharing is caring: Arbeit neu denken

New Work goes öffentlich-rechtlicher Rundfunk: Wie wir es mit dem New-Work-Tool “Jobsharing” geschafft haben seit 5 Jahren ein 10-köpfiges Team zu leiten und Vorbild zu sein für eine flexible Arbeitswelt, die Mitarbeiterzufriedenheit über klassische Hierarchiearbeit stellt.

Verrückt: Karriere und Kinder

Für Frauen gibt es häufig ein Berufsleben vor Kindern und eines mit Kindern. Das Berufsleben vor den Kindern ist so wie das, das Männer ihr ganzes Leben haben: mit vielen Herausforderungen, steigender Verantwortung, Zeit für Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, hier und da mal einer Dienstreise, gutem Verdienst. Das Berufsleben mit Kindern ist für Frauen jedoch noch immer häufig so: weniger Herausforderung, gleichbleibende Verantwortung, weniger Zeit für Austausch, natürlich keine Dienstreisen und natürlich weniger Verdienst. Denn es kann noch so viele Appelle und equal-pay-days geben: In der Praxis gehen viele Frauen nach der Elternzeit in Teilzeit, die berufliche Laufbahn stagniert und sie haben noch das Gefühl, froh und dankbar darüber sein zu müssen.

Reise ins Land „Job-Sharing“

Dass das auch anders geht — und übrigens nicht nur für Frauen — erleben wir seit 2017 im Bayerischen Rundfunk. Genauer seit August 2017. Genauer seit einem Telefonat, dass wir hatten. Lydia fuhr gerade auf der Autobahn zwischen Bari und Neapel als Rebecca sie anrief: „Ich habe ein Angebot für einen 100%-Job im BR, das krieg ich nicht hin! Die sagen, wir können uns das auch teilen!” Weil Lydia „ja“ sagte und der Urlaub zuende war, musste Lydia irgendwann Italien verlassen. Aber dann begann ihre und unsere Reise erst richtig, in unbekannte Regionen der Arbeitswelt. Auf dieser Reise sind wir mit großer Unterstützung des Bayerischen Rundfunks nun seit fünf Jahren. Über unsere Erfahrungen haben wir nun ein Buch geschrieben: “Geteilte Arbeit, doppelt durchstarten — So funktionert Jobsharing”. Für uns besonders spannend waren auch die vielen Interviews mit anderen Jobsharing-Tandems und New-Work-Profis, die wir alle im Buch dokumentiert haben und die zeigen: Neue Arbeit geht anders.

In unserem Buch beschreiben wir 5 Jahre Arbeit als Jobsharing-Tandem

Win-win-win-win-win-win-win-win-win usw.

Es gibt viele Versuche von Unternehmen, Mitarbeiter:innen für sich zu gewinnen, Firmen rollen Fachkräften den roten Teppich aus, bauen Fitnessräume in ihre Büros und der Kaffee ist ohnehin umsonst, es wird viel Wert gelegt auf eine offene Unternehmenskultur. Dazu kommt, dass auch die Mitarbeiter:innen selbst viel mehr Möglichkeiten und Macht haben, die Kultur ihres Unternehmens mitzugestalten. Das beste Werkzeug, von dem alle Beteiligten in besonderer Weise profitieren können, liegt aber noch häufig in der Ecke: Jobsharing. (Insofern finden wir es cool, dass der Bayerische Rundfunk schon mehreren Tandems Jobsharing ermöglicht, auf kostenlosen Kaffee und Fitnessräume warten wir aber noch vergeblich :-)) Unser Buch zeigt, dass das Werkzeug „Jobsharing“ ein Multi-Tool ist wie ein Schweizer Taschenmesser: Gut für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, gut für die Unternehmen, gut für die Gesellschaft, gut für die Kinder, die Pferde, die Strandliegenvermieter oder was auch immer Menschen im Jobsharing mit ihrer gewonnenen Zeit machen.

„Wer einmal in die Augen eines Jobsharing-Pärchens geschaut hat, weiß, wie glücklich Menschen arbeiten können.«“.

Neues Mindset statt alter „Teilzeit“

Um das Neue zu gewinnen, haben wir einen Teil von uns auch aufgegeben — aus “Lydia” und “Rebecca” wurde “Lydecca”. Von Anfang an haben wir viel Unterstützung erfahren, denn klar ist: ein funktionierendes Tandem zu werden, ist ein Prozess. Und was dabei hilft ist vor allem auch, von anderen zu lernen.

Teile unseres Teams beim “Dahoam is Dahoam”-Familienfest 2019

5 Tipps für erfolgreiches Jobsharing

Gemeinsame Ziele definieren und festhalten

Aufgabenbereiche klar abstecken

Coaching oder Zeit für Reviews nehmen

Vorsicht vor überzogenen Erwartungen (auch andere Menschen mit 100-Prozent Stellen sind manchmal krank)

Ähnliche Stufen der Karriereplanung im Auge haben

Wie man konkret im Jobsharing arbeitet

Und: Job-Sharing ist kein Modell, das nur in jungen Berliner Start-ups funktioniert, sondern kann in den unterschiedlichsten Branchen zu stärkeren Unternehmen und Mitarbeiter:innen führen. Und auch bei Bestseller-Autoren-Tandems wie dem aus Volker Klüpfel und Michael Kobr: “Zwei Köpfe produzieren mehr als einer. Und man muss eine Idee auch immer vor dem anderen rechtfertigen, da findet automatisch eine Überprüfung statt.”

Um möglichst effizient zu arbeiten, wechseln wir uns im Büro ab, weshalb wir uns eigentlich nur einmal pro Woche sehen. Am Nachmittag hat jeweils eine von uns Dienst und beantwortet dringende Anrufe oder Mails. Generell teilen wir uns Sitzungen und Projekte auf, setzen uns aber in den meisten Fällen in cc, damit die andere zumindest im groben Bescheid weiß und im Notfall einspringen kann. Das bedeutet natürlich Absprachen, Absprachen und nochmals Absprachen. Sicher entsteht dadurch in der Gesamtbilanz ein bisschen mehr Arbeit. Aber dafür denken auch zwei Personen statt einer, bringen Ideen und Power mit. Wir haben immer jemanden, um nochmal Rücksprache zu halten, Feedback zu geben und zu brainstormen. Und es ist wirklich erstaunlich, wie oft der Anderen dann doch noch was einfällt, auf das man nie gekommen wäre. Außerdem gibt es für Lydecca noch einen — fast nach Superwoman klingenden — Vorteil: Sie kann gleichzeitig an verschiedenen Terminen teilnehmen.

Lydecca forever!

Auch unser Buch ist im Jobsharing entstanden, mal in Einzelarbeit, mal in Klausurtagen, aber immer gut abgestimmt, vorbereitet und konstruktiv. Und wir haben auch wieder für „Lydecca“ gelernt: Wie geben wir uns Feedback? Wie kritisieren wir uns? Wie gehen wir mit Herzblut-Sätzen um, die die andere eigentlich killen will? Wie bringen wir Stile zusammen? Job-Sharing ist eine großartige Sache, aber auch kein Ponyhof.

Jobsharing bedeutet vor allem viel Kommunikation, manchmal telefonieren wir auch am Abend noch, um uns gut abzustimmen. Wir wissen einfach sehr zu schätzen, was wir dafür bekommen. Wir profitieren enorm davon, dass wir einen verantwortungsvollen und spannenden Beruf haben und gleichzeitig auch Zeit für unsere Familie. „Lydecca“ ist für uns nicht nur eine lustige Namenskombi. Der gemeinsame Name steht für unsere gemeinsame Vision vom modernen Arbeiten.

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Wir arbeiten in den verschiedensten Bereichen im BR an seiner Zukunft. Wir sind Entwickler:innen, Journalisten:innen, Designer:innen, Produktmanager:innen, Gründer:innen, Innovationstreiber:innen. Hier teilen wir mit euch, was wir dabei lernen. Impressum: https://br.de/s/7Me6SL

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Rebecca Zoeller

Rebecca Zoeller

Teamlead Film digital @BayerischerRundfunk//Journalistin, Germanistin M.A.//Jobsharing