Was wir mit “Woman of the Week” über Formatentwicklung lernen

Unsere 3 wichtigsten Learnings aus den ersten 30 Podcast-Folgen

Mira-Sophie Potten
Jul 8 · 6 min read

Vor rund einem halben Jahr haben wir mit unserem Inforadio B5 aktuell den Podcast “Woman of the Week” gelauncht.

Mit kleinem Team, klarer Mission und vor allem: nach vielen Gesprächen mit potentiellen Nutzer*innen aus der Zielgruppe.

Dabei haben wir drei Dinge gelernt, die sich auch auf andere digitale Formatentwicklungen übertragen lassen.

Learning 1: Die Zielgruppe weiß genau, was sie will

Den Podcast haben wir quasi Hand in Hand mit der Zielgruppe entwickelt und immer wieder anhand von Feedback aus der Zielgruppe optimiert. Unsere Zielgruppe sind karriereorientierte Frauen zwischen 30 und 45 Jahren (entsprechend dem Sinus Milieu der “Performer”).

Startschuss für die Entwicklung von “Woman of the Week” war das interne Podcast-Camp im Bayerischen Rundfunk, bei dem diverse BR-Redaktionen neue Podcast-Formate für spezifische Zielgruppen entwickelt haben.

Basierend auf Erkenntnissen unserer Medienforschung und eigenen Gesprächen mit Nutzerinnen aus der Zielgruppe, haben wir die dort entstandenen Ideen in einem Workshop weiterentwickelt.

In dieser Runde hatte Formatentwickler Nico Brugger aus unserer digitalen Entwicklungsredaktion die Idee zum Format “Woman of the Week”.

Schon vor dem Workshop haben Denise Lapöck von B5 aktuell und ich über entsprechende Facebook-Gruppen Podcastfans aus der Zielgruppe kontaktiert und uns bei einem abendlichen Get-Together über die Vorlieben und No-Gos beim Podcasthören ausgetauscht.

Einige treffende Zitate aus dieser Runde:

“Ich mag keine Selbstdarsteller und Labersocken”

“Ich weiß was ich kann. Jetzt geht es mir um Selbstverwirklichung, es geht mir um persönliche Weiterentwicklung”

“Die Gäste müssen Geschichten erzählen können und sich gut anhören.”

Außerdem haben wir nach drei Monaten Testphase einen ganzen Tag lang Nutzerinnen persönlich befragt.

So konnten wir einige unserer Annahmen in qualitativen, einstündigen Interviews überprüfen.

Dabei hat sich gezeigt: Die Zielgruppe weiß genau, was sie will. Und so dankbar wir für das Feedback von Kolleg*innen sind — einige Wünsche und Hinweise, die uns aus dem Haus erreichten, deckten sich nicht immer mit den Bedürfnissen der Zielgruppe.

Beispielsweise schätzen die “Performerinnen” laut unseren Nutzertests die Hosts in der Rolle der angenehmen Gastgeberinnen und nicht etwa als “Personality-Moderatorinnen”. Der Fokus sollte in unserem Podcast klar auf den Gästen liegen und sie in den Fokus rücken.

Stärker ausgebaut haben wir nach den Nutzertests den Themenüberblick zu Beginn jeder Folge. Auch wenn es für lineare Radio-Hörer*innen und Macher*innen (zu denen wir selbst gehören) ausufernd wirken kann: Unsere Hörer*innen möchten vor dem Interview genau erfahren, welche Themen-Schwerpunkte sie erwarten.

Bei allen Nutzer*innen kam die Lifecoach-Rubrik mit konkreten Tipps für geläufige Situationen im Job besonders gut an. Darum haben wir auch unsere Kriterien, wer eine “Woman of the Week” sein kann, nochmal überdacht.

Die Frage, ob es sich um eine Frau handelt, bei der wir uns stellvertretend für die Hörer*innen in Karrieredingen etwas abschauen können, ist seit den Nutzertests zum Beispiel zentraler geworden.

Learning 2: In der Startphase brauchst du ein kleines, agiles Team

Im Dezember 2019 sind wir mit dem Team im Foto gestartet:

Ideengeber Nico Brugger, Hosts Vanessa Schneider (vorne rechts) und Mira-Sophie Potten (vorne links), Redakteurin Denise Lapöck (3. v. l.), Seeding-Expertin Clara Eder (2. v. l.) und Podcast-Camp-Managerin Verena Thies (links).

Wir sehen unser Format nie als “fertig entwickelt” an, sondern arbeiten agil in ständigen Iterationsschleifen. Das Kernteam bestand in den ersten Monaten aus den beiden Hosts im Wechsel, einer Redakteurin und einer Seeding-Verantwortlichen.

Da wir als neu gegründetes Team noch keinen gemeinsamen Arbeitsplatz im BR haben, arbeiten wir schon seit der ersten Folge im Dezember 2019 meist remote und treffen uns für finale Absprachen am Produktionstag ab und zu in den Räumen befreundeter Redaktionen.

Die Raumsituation ist noch eine der größten Herausforderungen für die Zusammenarbeit im Team. Nach Corona wollen wir das lösen.

Die Team-Zusammensetzung an sich war aber gerade in den ersten Monaten sehr sinnvoll. Ein kleines Team ermöglicht zu Beginn der Formatentwicklung schnelle Absprachen und agiles, iteratives Arbeiten.

Hilfreich war in unserem Team auch das gemeinsame Mindset, das Feedback der Nutzer*innen wirklich ernst zu nehmen und deshalb auch offen für “Trial and Error” zu bleiben.

Außerdem verband uns von Anfang an die intrinsische Motivation, inspirierenden Frauen, die in den Nachrichten vielleicht nur eine Randnotiz darstellen, in den Fokus zu rücken und vor’s Mikro zu holen.

Immer wieder haben wir basierend auf Feedback von Nutzer*innen oder von erfahrenen Podcaster*innen aus dem Themenfeld (die wir ab und zu als Inputgeber*innen für Video-Calls mit dem Team gewinnen können), Änderungen vorgenommen oder unser Format geschärft.

Beispielsweise haben wir im Team entschieden, den Publikationstag von Freitag auf Donnerstag vorzuverlegen und konnten in den Wochen darauf tatsächlich eine Steigerung der Abrufzahlen erkennen.

Schnelle Abstimmungen und der ständige Zyklus von Ausprobieren, Verwerfen, Weiterentwickeln funktionieren nur mit dem Backing einer innovationsfreudigen, mutigen und vertrauensvollen Führungskraft, wie in unserem Fall mit Steffen Jenter, dem Programmchef von B5 aktuell.

Worum geht’s eigentlich im Podcast?

Jede Woche interviewen wir eine “Woman of the Week”, die mit ihrem Wirken hervorgestochen ist, etwas in ihrer Branche bewegt hat oder einen wichtigen Beitrag zu einer gesellschaftlichen Debatte geleistet hat.

Im Interview geht es um ihren persönlichen und beruflichen Werdegang, Höhen und Tiefen und in unserer Rubrik “Lifecoach” gibt unsere Woman of the Week auch konkrete Tipps für den Berufsalltag.

Learning 3: Es wird immer aufwendiger, als du denkst

Das kennen sicher alle, die digitale Formate selbst schon entwickelt haben: Es wird immer teurer, zeitintensiver und aufwendiger als angenommen.

Beispielsweise hatten wir von Anfang an vor, englischsprachige Interviews zu führen, weil das den Kreis der möglichen Gäste enorm vergrößert und wir unseren Hörer*innen zutrauen sich schnell einzuhören.

Allerdings ist in diesen Fällen natürlich die Weiterverbreitung über andere BR-Kanäle, in Form von BR24-Artikeln oder Social Inhalten aufwendiger, weil zur Transkription des Interviews noch die Übersetzungsarbeit dazu kommt.

Auch die Aufnahme-Situationen der Interviewpartnerinnen können wir kaum beeinflussen. Wir mussten beispielsweise die Folge mit Schimpansen-Forscherin Jane Goodall komplett synchronisieren, weil die Tonqualität des Telefoninterviews nach London zu schlecht war.

Nicht zu unterschätzen sind auch organisatorische Dinge, die beim Budgetieren einer Formatentwicklung meiner Erfahrung nach häufig zu niedrig geschätzt werden.

Wenn sich ein Team findet und ein neues Format in Linie geht, muss es auch Raum und Zeit für ein Zusammenwachsen geben, für Feedbackschleifen, sowie regelmäßige Termine trotz Homeoffice.

Wichtig ist, bei allen Projektprozessen die Bedürfnisse der Nutzer*innen nicht aus dem Blick zu verlieren.

Gebt uns Feedback!

Um die Bedürfnisse der Zielgruppe in den Monaten seit dem Launch immer besser zu treffen, sammeln wir deshalb zu fast jeder Folge mit einem schriftlichen Fragebogen das Feedback von Testhörer*innen ein.

Wer Lust hat, eine Folge für uns zu feedbacken, kann sich jederzeit gerne bei uns melden unter womanoftheweek@br.de.

Alle Folgen von “Woman of the Week”

Das Team von “Woman of the Week”

Danke an Nico Brugger für die Idee zum Podcast, Jasmin Körber für die Prozessbegleitung, Manuela Baldauf für’s Möglichmachen des Podcastcamps und die Unterstützung des Formats (alle aus der digitalen Entwicklungsredaktion) und an Dagmar Petrus vom Produktionsservice für unser Sounddesign!

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Innovative Projekte im Bayerischen Rundfunk

Mira-Sophie Potten

Written by

Digitale Formatentwicklerin, Projektmanagerin, Podcasterin

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Wir arbeiten in den verschiedensten Bereichen im Bayerischen Rundfunk an seiner Zukunft. Wir sind Entwickler*innen, Journalisten*innen, Designer*innen, Produktmanager*innen, Gründer*innen, Innovationstreiber*innen. Hier teilen wir mit Euch, was wir dabei lernen.

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