Storytelling via Messenger

7 Punkte, die wir bei “Ich, Eisner!” gelernt haben

Team BR NEXT
Nov 30, 2020 · 6 min read

“Ich, Eisner!” ist bereits ein bisschen älter, dennoch erreichen uns regelmäßig Nachfragen zu unseren Erfahrungen — das Projekt gilt als Referenz für Storytelling in Messenger-Diensten. Hier unsere 7 wichtigsten Learnings.

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Vier Monate, mehr als 15.000 Nutzer:innen, mehr als 250 verschickte Nachrichten in Bild, Text, Video und Audio, über 100 Archivbilder, tausende Nachrichten von Nutzer:innen aus der ganzen Welt — das war das Ergebnis in reinen Zahlen. Am Anfang des Messenger-Projektes “Ich, Eisner!” stand vor allem die Frage: Ist es möglich via Messenger über einen Zeitraum von vier Monaten eine komplexe Geschichte zu erzählen?

Welche Erzählperspektive verlangen Messenger-Dienste? Mit welcher Geschichte können wir Nutzer:innen via Messenger begeistern? Wir wollten ein innovatives Projekt erstellen, dass auf drei klaren Säulen fußt: auf der Plattform/Technik, den Nutzer:innen und der Geschichte. Herausgekommen ist “Ich, Eisner!”, das zuletzt ausgezeichnet wurde mit dem Medienpreis Parlament des Deutschen Bundestages 2020. Das haben wir im Projektverlauf gelernt:

1. Testen, testen, testen!

Gearbeitet haben wir im Writers Room (dort kommen mehrere Autor*innen zusammen und entwickeln gemeinsam Dramaturgie und Drehbuch), und hier haben wir zu Beginn verschiedene Erzählperspektiven ausprobiert: Was wäre, wenn Oskar Maria Graf die Geschichte erzählt? Was, wenn wir als Journalisten berichten, um so verschiedene politische Standpunkte zu erzählen? Haben wir einen allwissenden oder einen unzuverlässigen Erzähler?

Nachdem wir erste Nachrichten formuliert haben, waren uns zwei Punkte klar: Erstens muss Kurt Eisner selbst erzählen, wenn wir über Messengerdienste eine Nähe herstellen wollen, die Geschichte wirklich erlebbar machen soll. Und zweitens müssen wir diesen Ansatz testen.

Anfang Juli 2018 haben wir 30 Testnutzer:innen — bestehend aus Kolleg:innen, Lehrer:innen, Vertreter:innen unserer Zielgruppe — die ersten Nachrichten von Kurt Eisner geschickt. Das Feedback hat gezeigt, dass die Idee funktioniert. Außerdem konnten wir wichtige Anhaltspunkte zum Medienmix, unserer Ansprache, der Menge und Länge der Nachrichten gewinnen — etwa wie der Dialog im Mix aus Chatbot und Community Management aufgesetzt sein muss.

2. Mit externen Partnern erreicht man mehr

Nach diesem Test konnten wir auch auf Museen, Archive und Bibliotheken zugehen, um Partnerinstitutionen für das Projekt zu gewinnen. Für uns war dabei der Zugang zu geklärtem Archivmaterial und historische Tiefenkenntnis in der Projektbegleitung wichtig.

Erfreulich war, dass wir mit unserem Anliegen offene Türen eingerannt haben, denn die Häuser haben allesamt ein gemeinsames Problem: Sie haben viel Expertise, tolles Material, tausende Ideen, aber keine Ressourcen für eigene digitale Storytelling-Projekte.

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Foto: BR

Das waren unsere Partnerinstitutionen

Mit einem ähnlichen Partnermodell sind wir seither auch in unseren Projekten „Die Befreiung“ und „Die Rettung“ vorgegangen.

3. Lerne mit technischen Beschränkungen klarzukommen! Oder “Kurt, bist du Bot?”

Wir haben “Ich, Eisner!” mit einem Tool des externen Dienstleisters Messenger People umgesetzt. Technische Beschränkungen waren zum Zeitpunkt der Realisierung des Projektes:

  • Eingeschränkter Versand: max. fünf Nachrichten am Tag werden empfohlen, keine zwei Nachrichten innerhalb einer Stunde. Der Grund: WhatsApp könnte den Kanal als Spam einstufen und sperren.
  • Der Chatbot muss selbst justiert werden und ist eingeschränkt in seiner Funktionsweise. Manche Nutzer:innen dachten, wir haben einen ganzen Kurt-Eisner-Bot erschaffen. Davon sind wir technisch noch weit entfernt. Nur kleine Abfragen hat der Bot abgefangen (Bsp.: Wann bist du geboren? Bist du verheiratet?). Das Problem ist, immer punktgenau die Keywords zu treffen.
  • Kurt Eisner wird aus technischen Gründen immer als “online” angezeigt — das schürt Erwartungen und bringt Nutzer:innen dazu, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu schreiben und eine Antwort zu erwarten.

Seit “Ich, Eisner!” hat sich die Messenger-Welt natürlich wieder vollkommen verändert — und auch das ist ein wichtiger Punkt: Verfolgt aktuelle Entwicklungen sehr genau, denn schon kleine Änderungen an den Diensten können dein Projekt grundlegend verändern oder gefährden.

4. Community pflegen ist Arbeit, doch es lohnt sich!

Im gesamten Zeitraum vom 14. Oktober 2018 bis zum 28. Februar 2019 haben uns mehr als 10.000 Nachrichten erreicht. Nochmal so viele Nachrichten hat unser Chatbot abgearbeitet. An Kurt Eisner selbst — und damit an uns Autor:innen — gingen sehr viele spontane Reaktionen, Ermunterungen und vor allem viele Fragen zum Projekt und zum historischen Kontext.

Neben unserem Chatbot, den wir laufend weiter aufgeschlaut haben, hatten wir ein langes Community-Management-Dokument mit mehr als 30 standardisierten Antworten, das immer mitgepflegt wurde. Die Freude der Nutzer:innen war groß, wenn wir zeitnah geantwortet haben. Gold wert war der direkte Dialog auch für weitere Recherchen und Themen, beispielsweise ist aus dem Kontakt zu einer Urenkelin Kurt Eisners, die uns über WhatsApp angeschrieben hat, ein exklusives Radiostück entstanden.

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Foto: BR

5. Nimm Deine Nutzer und ihre Gefühle ernst!

Mit der Zeit haben wir immer mehr gemerkt, wie unsere Nutzer:innen eine sehr persönliche Bindung zu Kurt Eisner aufgebaut haben. Alleine an Weihnachten haben uns hunderte Nachrichten und Wünsche erreicht. Im Januar haben wir dann in einem Workshop das Projektende neu konzipiert, denn uns war klar: Wir müssen unseren Nutzer:innen die Möglichkeit geben, sich angemessen von Kurt Eisner und dem Projekt zu verabschieden.

Daraus sind zwei neue Teilprojekte entstanden: Zum einen das virtuelle Kondolenzbuch für Kurt Eisner, das innerhalb von drei Tagen mit mehr als 500 persönlichen Abschiedsnachrichten gefüllt wurde. Und ein Live-Chat mit dem Eisner-Experten Dr. Bernhard Grau, bei dem wir am letzten Projekttag insgesamt mehr als 500 Nachfragen zum Projekt und zur Geschichte beantwortet haben.

Ebenso wichtig war eine Nutzerumfrage, die laut unserer Medienforschung die bislang erfolgreichste Onsite-Umfrage war. Mehr als 3.000 Nutzer:innen haben uns dabei konstruktives Feedback gegeben.

6. Auch Häppchen können satt machen!

Ein so umfassender erzählerischer Inhalt wie die Revolution 1918/1918 und die Biografie Kurt Eisners kann sehr gut in kleine Häppchen unterteilt und mobil aufbereitet werden. Den Hunger nach mehr haben wir durch dezent gesetzte Links auf BR-Podcast, unsere Literaturliste und Inhalte aus der BR-Mediathek gestillt. Die Conversion bei weiterführenden Inhalten vom Messengerdienst auf andere Plattformen lag dabei bei rund 15 Prozent, bei einigen dramaturgisch stark aufgeladenen Inhalten sogar bei 30 bis 40 Prozent.

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Foto: BR

7. Bring Zeit, Manpower und Geduld mit, hab Mut und arbeite agil

Wir hatten einen großen Vorlauf für das Projekt: Bereits im Februar 2018 haben wir mit der Konzeption begonnen und ab März im Kernteam von drei Autor:innen hauptsächlich an “Ich, Eisner” gearbeitet. Es mussten Quellen und Archivmaterial gesichtet und ausgewertet, die Partner akquiriert und betreut, das Community Management organisiert werden.

Wichtig war für uns, dass wir auf Basis eines agilen Projektmanagements in Iterationen gearbeitet haben, d.h. das Projekt immer wieder angepasst und verändert haben. So konnten wir flexibel auf neue, zu Beginn noch unbekannte Herausforderungen reagieren. Das begann mit unserem ersten Nutzer-Test und hat sich über den Nutzerdialog bis zum Ende des Projektes durchgezogen. Denn ein Digitalprojekt entwickelt und verändert sich durch seine Nutzung.

TEAM — “Ich, Eisner!”

Buch, Regie & Creative Producer: Matthias Leitner, Eva Deinert, Markus Köbnik

Idee: Matthias Leitner, Benedikt Angermeier, Stefan Primbs

Redaktion Bayern 2: Philipp Grammes

Leitung Digitale Entwicklung & Social Media: Manuela Baldauf

Kommunikation & Partnermanagement: Verena Thies

Recherche & Archiv: Eva Deinert, Matthias Leitner

Website & Social Media: Eva Deinert, Susanne Dietrich

Community Management: Eva Deinert, Susanne Dietrich, Markus Köbnik, Matthias Leitner

Sprachaufnahme, Mischung & Sounddesign: Dagmar Petrus, Markus Köbnik

Sprecher „Kurt Eisner“: Christian Baumann

Video & Animation: Simon Heimbuchner, Miro Weber

Grafik: Ralf Orthofer

Programmierung Kondolenzbuch: Hans Scholz, Tom Bauer

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Wir arbeiten in den verschiedensten Bereichen im Bayerischen Rundfunk an innovativen Projekten und bloggen darüber in der Publikation BR NEXT hier auf Medium.

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Wir arbeiten in den verschiedensten Bereichen im BR an seiner Zukunft. Wir sind Entwickler*innen, Journalisten*innen, Designer*innen, Produktmanager*innen, Gründer*innen, Innovationstreiber*innen. Hier teilen wir mit euch, was wir dabei lernen. Impressum: https://br.de/s/7Me6SL

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