Wie wir in 24h einen Corona-Ticker in 6 Sprachen aufgebaut haben

Und BR24 damit zur “Go-To Site” für Bayern aus aller Welt wurde

Marlene Mengue
Jun 2, 2020 · 8 min read
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Foto: Screenshot BR24

Darf ich gerade meinen Freund in einem anderen Bundesland besuchen? Auf der Parkbank ein Bier trinken? Kolleginnen im Auto mitnehmen? Die Regeln in der Coronakrise zu verstehen, ist echt nicht immer einfach.

Wie schwierig muss es erst für Leute sein, die zwar hier in Bayern leben, aber noch nicht so gut Deutsch sprechen?! Natürlich haben sie ihre eigenen Quellen, um sich über die weltweite Lage zu informieren. Aber konkrete Infos über die Lage in ihrem Heimat-Bundesland Bayern — schwierig.

Als am Wochenende vom 14./15. März die Schulen in ganz Deutschland geschlossen wurden und die Ausgangsbeschränkungen zum Greifen nahe waren, haben wir im BR daher schnell gehandelt — und ein mehrsprachiges News-Angebot auf BR24 gestartet.

Für das BR24-Team kam der Startschuss am buchstäblich stressigsten Tag des Jahres — dem Sonntag der Kommunalwahl. Die Journalist*innen hatten sich monatelang auf den Wahl-Tag vorbereitet — die Corona-Debatte kam dazu.

Trotzdem wurde am Tag der Wahl und in der Woche danach das digitale Konzept entworfen, die Seite entsprechend umgebaut inklusive einer neuen, mehrsprachigen Navigation. Das Wahl-Team wurde umgestellt, zentrale Aufgaben neu verteilt — alles, damit das Angebot schnell starten konnte.

Im Team von Sybille Giel bei Bayern 2 waren wir der Partner-in-Crime und organisierten noch am Sonntagabend Übersetzer*innen und Redakteur*innen, um die Nachrichten-Ticker zu kuratieren, Workflows zu strukturieren, erste Übersetzungen zu entwickeln.

Wer in einem großen (Medien-)Unternehmen arbeitet, kennt den Vergleich mit dem Tanker, der nur langsam die Richtung wechselt. Bei unserem Projekt ging es aber plötzlich ganz schnell: Zwischen Idee und Umsetzung lagen weniger als zwei Tage. Die Krise wurde zu einer Chance für schnelle Innovation — und der Tanker zum wendigen Motorboot.

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Foto: BR24

BR24 stellt im deutschen Ticker aktuelle Infos und konkrete Alltags-Tipps zusammen — vom richtigen Maske-Tragen bis zu Kontaktbeschränkungen. Die ideale Grundlage für unsere Adaption in den Tickern auf Englisch, Italienisch, Rumänisch, Türkisch, Arabisch und Bosnisch/Kroatisch/Serbisch.

Im Team von Bayern 2 wählen wir dann die wichtigsten Infos aus und schicken sie zwei bis drei Mal am Tag an unser Übersetzungs-Team. Dieses Team aus freischaffenden Übersetzer*innen, sowie Producern und Stringern aus den ARD-Studios Wien, Rom und Istanbul übersetzt die Texte dann. Und sobald die übersetzten Meldungen zurückkommen, arbeiten wir sie ein.

Auf das Grund-Problem hat Migrationsforscherin Aylin Karabulut bei Twitter aufmerksam gemacht. Sie verlinkte dabei ein Video von Nalan Sipar, das auf Türkisch über Falsch-Infos zum Corona-Virus aufklärt:

Der Tweet hat uns ins Grübeln gebracht: Ist nicht jetzt ein Moment, in dem wirklich alle in Bayern wissen müssen, was los ist? Was das genau für ein Virus ist? Wie wir damit am besten umgehen? Was die Behörden dazu sagen? Welche Konsequenzen das für unseren Alltag hat?

Es war klar: Wir brauchen die Meldungen zur Coronakrise auch in anderen Sprachen. Am besten in den Sprachen, die von besonders Vielen gesprochen werden, und Menschen erreichen, die sonst nur schwer an verlässliche Infos gelangen. Und unser Angebot für diese Menschen war in dieser Situation einfach noch nicht stark genug, wie unser Informationsdirektor Thomas Hinrichs bei den Corona-Streams der Medientage offen anspricht:

Quelle: Medientage München/YouTube

Ja, wird es — und mit über 600 000 Zugriffen nicht zu knapp. Der englische Ticker wurde besonders intensiv genutzt: über 200 000 Zugriffe bis zum 21. Mai. Über die Hälfte kam über direkten Traffic — das freut uns besonders, da es eine hohe Nutzer-Bindung und Absender-Wahrnehmung anzeigt.

Der Ticker für Bosnisch/Kroatisch/Serbisch verzeichnet die zweitstärkste Nutzung (über 130 000 Zugriffe) mit Italienisch kurz dahinter (über 120 000 Zugriffe). Suchmaschinen und direkter Traffic sind die Hauptquellen dafür.

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Foto: privat

Viele Menschen stoßen also durch Suchmaschinen auf das Angebot, kommen dann aber wieder, um ein Update mit den neuesten Infos zu bekommen. Andere kommen aber auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda in ihrer internationalen Community direkt auf das Angebot.

Der Vollständigkeit halber: Die Abrufe des türkischen Angebots liegen bis zum 21. Mai bei rund 70 000 Zugriffen, danach Arabisch und das später gestartete Rumänisch. Der Peak der Nutzung war in der Kalenderwoche 13 und für die meisten Sprachen halten sich Search-Traffic und Direct-Traffic die Waage.

Bei Türkisch und Rumänisch ist der Suchmaschinen-Traffic aber deutlich erhöht. Warum genau, ist schwer zu sagen — möglich ist, dass unsere Nutzerbindung in diesen Communitys bisher nicht stark genug ist, um viel direkten Traffic zu erzeugen — ein Ansatzpunkt für Format-Entwicklung!

Vor dem Start wurde schnell klar, dass es gar nicht so leicht ist, an harte Daten zu den gesprochenen Sprachen in Bayern zu kommen. Auf den ersten Blick war aber hier ersichtlich, dass von den fast 13 Mio. Menschen in Bayern über 3 Mio. einen Migrations-Hintergrund haben und ein solches mehrsprachiges Angebot für viele Bayern relevant sein könnte.

Um den Prototypen schnell auf die Straße zu bringen, haben wir auf unsere eigene journalistische Erfahrung gesetzt und uns in der ersten Produkt-Iteration für Englisch, Türkisch, Italienisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch und Arabisch entschieden. Als wir das Projekt dann zum Laufen gebracht hatten, haben wir uns nochmal in die Daten gegraben und gefunden, dass unsere intuitive Auswahl von den Zahlen auch weitgehend gedeckt war.

Leider kommt ein neuer Zensus vorbehaltlich möglicher Corona-Verschiebungen erst wieder 2021. Im Zensus von 2011 ist aber die Türkei mit 320k Menschen in Bayern Herkunftsland Nummer 1. Gesetzt war außerdem Englisch als globale Lingua Franca. Italien ist in Bayern mit 108k prominent vertreten, aber nicht so prominent wie etwa Kasachstan.

Allerdings: Die Daten sind für die Landeshauptstadt München, wo besonders viele Menschen im eng besiedelten Ballungsraum leben, umgedreht. Hier leben mehr Bayern mit italienischen als mit kasachischem Hintergrund. Ähnliches gilt für die serbokroatische Sprachfamilie.

Und da die Zahlen lange vor der Ankunft der vielen Geflüchteten aus dem Syrien-Krieg erhoben wurden, haben wir Arabisch ebenfalls behalten. Eine Sprache haben wir allerdings nach Studium der Daten hinzugenommen: Rumänisch. Mit 185k Menschen ist das die zweitgrößte Gruppe in Bayern.

Loslegen, aber nachsteuern! Das ist die Devise.

Es war sinnvoll loszulegen, obwohl wir im ersten Schritt nicht alle Daten in Ruhe wälzen konnten. Es war aber auch sinnvoll nachzusteuern, sobald wir uns in Ruhe mit den Daten beschäftigen und korrigieren lassen konnten.

Nicht alles lief dabei am Schnürchen. Die verschiedenen Sprachen haben uns durchaus vor Herausforderungen gestellt: Anfangs haben wir zum Beispiel den bosnisch/kroatisch/serbischen Ticker als “Kroatisch” beworben. Bei Facebook warfen uns einige Nutzer*innen vor, das sei gar kein Kroatisch.

Das Problem: Innerhalb der Makrosprache Bosnisch/Kroatisch/Serbisch, kurz BKS, gibt es regionale Abweichungen — vergleichbar mit den regionalen Unterschieden zwischen den Dialekten in Deutschland und Österreich, oder zwischen britischen und amerikanischem Englisch. Und unsere erste Übersetzerin hatte eben ins Serbische übersetzt. Alle aus dem Sprachraum konnten die Texte verstehen, für einige war es aber ärgerlich.

Die Lösung: Das ARD Studio Wien hat uns drei Übersetzer vermittelt, die sich wöchentlich abwechseln. Sie sitzen in Sarajevo, Zagreb und Belgrad — vertreten also jeweils die bosnische, kroatische und serbische Bevölkerung.

Dass wir arabische Schriftzeichen brauchen würden, war noch nicht klar, als unsere Entwickler*innen die Grundsteine für BR24-CMS gelegt haben. Und Arabisch hat nicht nur ein eigenes Alphabet, sondern wird auch von rechts nach links gelesen. Die Schrift muss also rechtsbündig angezeigt werden.

Dafür ist das CMS aber bisher nicht ausgelegt. Das zu ändern, ist im Moment einfach nicht machbar — insbesondere nicht, weil in der Corona-Hochzeit viele andere wichtigen Projekte parallel umzusetzen waren (die BR KulturBühne und BR Wissen zum Beispiel).

Unser Workaround: Wir publizieren die Meldungen als Grafiken. So sind die Meldungen sehr viel angenehmer zu lesen, bestätigen unsere arabisch-sprachigen Kolleg*innen. Für die Auffindbarkeit in den Suchmaschinen ist das aber ein Problem, da der Google-Crawler auf Text und nicht auf Bilder reagiert. Unser Kompromiss: Die Schlagzeilen werden als Text ins CMS eingefügt, die Meldungen an sich als Grafik.

Warum gibt es den Ticker nicht auf Russisch? Ungarisch? Französisch? Diese Fragen haben wir am Anfang recht oft bekommen. Das ist verständlich. Und am liebsten würden wir so viele Sprachen wie möglich anbieten. Dafür gibt es auch schon tolle Angebote von anderen öffentlich-rechtlichen Medienhäusern, die wir in diesem Artikel aufgelistet haben.

Unsere Aufgabe ist das Angebot für die Menschen in Bayern. Deswegen orientiert sich unsere Sprachauswahl an der Zusammensetzung der Bevölkerung in Bayern. Das ist schade für Nutzer*innen, deren Sprache nicht verbreitet ist. Es ist aber auch nötig, um verantwortlich mit den Ressourcen umzugehen. Wir hoffen, dass sich alle, deren Sprache wir nicht abbilden können, mit dem englischen Angebot behelfen können.

Viele unserer Nutzer*innen haben dankbar reagiert. Ein Beispiel:

“I had been using the Robert Koch Institute info — but it was not specific to Bayern. Your website is focused on how COVID-19 is playing out here in Bayern. Other websites have general information that reflect country wide impacts, but yours is the “go to” website for information I can use.” — BR24 User Tom

Immer wieder erhalten wir per E-Mail aber auch sehr konkrete Fragen: Von “Darf ich meinen festen Freund besuchen?” über “Wohin soll ich mich bei einem Corona-Verdacht wenden?” bis hin zu “Wie soll ich als LKW-Fahrer bei meinem Einkommen mit dem Kurzarbeitergeld über die Runden kommen?”

Wenn unsere Nutzer*innen uns sogar Arbeitgeber-Schreiben zur Kurzarbeit oder andere amtliche Bescheide schicken und um Übersetzung bitten, merken wir: Unser Angebot wird tatsächlich gebraucht. Und wir freuen uns über jede Info-Lücke, die wir damit schließen können.

Dass wir so schnell die mehrsprachigen Ticker an den Start bringen konnten, war deshalb möglich, weil Sybille Giel sich gleich mit engagierte. Und weil unsere digitale Info-Marke BR24 immer schon als agile Einheit konzipiert und als Ausspiel-Plattform daher ideal für unser Projekt geeignet ist.

Ob 360°-Videos, Faktenchecker-Einheit, Entwickler-Zelle oder News-Lab: Allzu feste Strukturen, Büros und starre Dienstpläne gehören bis heute nicht zu BR24. Die Mitarbeitenden finden sich dort immer wieder neu zu Projekt-Teams zusammen — je nachdem, was die Menschen in Bayern brauchen.

Unser Projekt, das ohne viel Bürokratie entstanden ist, muss auf Dauer aber auch zu den Strukturen und der langfristigen Strategie passen. Und diese Strategie ist definiert durch die Bedürfnisse unserer Nutzer*innen.

Mittlerweile ist es ruhiger geworden, die Infizierten-Zahlen reduzieren sich— und auch die Nutzungs-Zahlen des Tickers gehen langsam zurück. Der Peak in der Nutzung lag in den Tagen nach dem Kontaktverbot vom 22. März.

Daraus schließen wir: Unsere Ticker werden zwar weiterhin gebraucht und informieren über alle wichtigen Entwicklungen, die die Menschen in Bayern weiter beschäftigen. Aber wir werden die Taktung reduzieren und unsere Kapazitäten Schritt für Schritt auch wieder für andere Inhalte einsetzen.

Wir überlegen wie bei jedem Ticker: Bis zu welchem Zeitpunkt ist der Ticker das richtige Format? Wann hat sich die Nachrichten-Lage so weit beruhigt, dass wir andere Formen der Berichterstattung wählen können?

In Corona-Zeiten ist das schwer absehbar. Was wir wissen: Unsere neu gewonnenen Nutzer*innen wollen wir auch in Zukunft mit Information versorgen, egal was für ein Format es am Ende wird— denn die Nachrichten des Bayerischen Rundfunks sind für uns alle da.

Marlene Mengue hat das Kurationskonzept mit entwickelt und das Team der Übersetzer*innen koordiniert. Mit Gudrun Riedl und Jonas Bedford-Strohm und Input von Sybille Giel und Kira-Sophie Lorenz, sowie den Übersetzer*innen und Entwickler*innen hat sie den Text für’s Team geschrieben. Danke an alle!

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Innovative Projekte im Bayerischen Rundfunk

Marlene Mengue

Written by

Journalist @Bayern2 and @BR24.

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