Ein gemeinsames Büro ist auch keine Lösung

Ich habe in vielen verteilten Teams gearbeitet und in den meisten ging das schief. Remote Work ist nicht einfach. Trotzdem attestiere ich dem Thema ein Imageproblem, für das es eigentlich gar nichts kann. Es sind einfach die Startbedingungen, die von vornherein nicht fair waren.

Würden heute bereits 97 % von uns perfekt miteinander vernetzt von ihrem Wunschort aus gearbeitet haben und wir nun wieder ins Großraumbüro wechseln, wir stünden vor viel größeren Herausforderungen. Die Nachteile der Remotearbeit überwiegen nicht, wir haben uns einfach an die enormen Nachteile unserer Bürojobs gewöhnt: Lautstärke, ständige Ablenkung und die verlorene Pendelzeit sind normal.

Remote als stabilisierendes Element

Häufig wird das Thema rein aus Mitarbeitersicht gesehen und die gewonnene Freiheit in der Alltagsgestaltung in den Vordergrund gestellt. Fragt man Unternehmer, nennen diese mit Abstand am häufigsten das überregionale oder internationale Recruiting als größten Pluspunkt. Wenn das auch alles sehr valide Punkte sind, steht für mich weniger der Aufbau als viel mehr die Stabilisierung unseres Unternehmens im Vordergrund.

Wo eine nicht besetzte Stelle in einem Unternehmen ein Problem darstellt, kommt der Verlust eines Mitarbeiters, gerade wenn er ein zentraler Wissensträger ist, häufig einer Katastrophe gleich. Den Wohnortwechsel als Kündigungsgrund zu eliminieren, bringt einem Unternehmen ein enormes Plus an Stabilität. Noch weniger als Mitarbeiter an einen Unternehmensstandort zu binden, möchte ich mich jedoch selbst von diesem abhängig machen. Ein stationäres Unternehmen ließe sich nicht mal so eben mitnehmen, wenn es mich auf eine Alpenhütte ziehen sollte. Auf eine gut vernetzte, versteht sich.

Die Hürde im Kopf

Das Problem mit Remote ist kein technologisches. Mit Trello, Slack & Co. verfügen wir über hervorragende Werkzeuge, um Alternativen zu Post-its an den Wänden und der Kommunikation per Fax zu haben. Und auch wenn ich dabei noch Luft nach oben sehe, ist mit LTE heute das Arbeiten an Orten möglich, an denen es vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre. Unser Problem ist nicht ein technologisches, unser Problem ist im Kopf. Und häufig ist es ein Problem der halben Sachen.

Ich glaube Remote funktioniert bei uns bei Brave & Hungry vor allem deshalb so gut, weil wir gar keine andere Wahl hatten. Als Andreas und ich unsere Agenturen zusammenlegten, war weder für ihn ein Umzug nach Hannover noch für Nicolas und mich nach Bremen eine Option. Wir waren von vornherein eine Firma mit zwei Standorten und trafen auch von vornherein alle Entscheidungen so, dass sie mit unserer verteilten Arbeitsweise gut harmonieren. Diese Selbstverständlichkeit fehlt häufig in Teams, die einigen Wenigen nachträglich zähneknirschend das Arbeiten von Zuhause aus erlauben. Sie geben ihren Mitarbeitern damit das Gefühl, ein Problemfall zu sein, den man nun irgendwie in bestehende Strukturen integrieren muss.

Remote ist nicht für jeden geeignet. Und Remote sollte nicht als finanzielle Entscheidung gesehen werden. Die eventuell gesparte Büromiete investiert man sowieso schnell wieder in höhere Reisekosten — hin und wieder hilft es dann nämlich doch, sich persönlich zu sehen. Wir nehmen uns zum Beispiel einmal im Quartal einen Tag, um in Person weiter an unserer Zusammenarbeit zu pfeilen.

Vor allem aber ist Remotearbeit eine Entscheidung, hinter der man entweder zu 100 % stehen oder sie besser gar nicht erst treffen sollte.


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