Abgrenzung für alle

Warum wir DRANGSAL brauchen.

Drangsal: Max Gruber

Der Mensch spürt sich erst an seiner äußeren Grenze. Schon als Baby lassen wir uns fest in Tücher wickeln, um bei uns bleiben und ruhig schlafen zu können. Wir definieren unsere Körper darüber, wo sie aufhören, und uns selbst danach, was draußenbleibt, weil unsere Identitäten nur mit solchen Binärcodes funktionieren. 1 für Dinge, die wir sind und haben und mögen und wollen, 0 für den Rest. Man sieht das nicht nur an Datingprofilen, in denen Menschen ihre Stichwörter aufzählen, nicht nur auf Partys, bei denen sie Lieblingskinderserien abgleichen und bei Treffern Geräusche machen, sondern überall, wo Menschen sind. Da gibt es nur drinnen oder draußen.

Max Gruber hält sich grundsätzlich drinnen auf. „Ich geh nicht raus“, sagt er und sitzt dabei sehr würdevoll auf einem Sessel im Berliner Büro seiner Plattenfirma. „Ich geh proben, ich bin hier. Und natürlich geh ich auch mal zu einem Konzert, aber ich hab niemals das Bedürfnis, feiern zu gehen, nie. Warum auch, ich kann doch zuhause bleiben und zehn Bücher lesen, während andere Leute 80 Euro ausgeben, um sich zu schänden. Ich hatte schon immer eine militante Abneigung gegen Clubkultur und Partys. Und das hat diese Stadt natürlich auch geschürt. Ich finde es redundant, jedes Wochenende feiern zu gehen und sich als Teil einer Counterculture zu fühlen, die es schon lange nicht mehr gibt. Lieber lasse ich mir die Eier entfernen und alle Gliedmaßen abhacken, als dass ich in meinem ganzen Leben noch mal auf eine Technoparty in dieser Stadt gehe. Die Leute sind eitel. Die Leute sagen, ist ja klar, dass du im Berghain keinen Spaß hast, wenn du keine Drogen nimmst. Dabei muss Musik doch allgemeingültig sein. Es liegt nicht am fehlenden Speed, wenn mich das Berghain abtörnt.“

Gruber ist Experte im Abgrenzen, und er diktiert seine Rants in sorgfältig affektierten Sätzen allen, die sie hören wollen. Gerade sind das sehr viele. Spätestens seit er im Video zur ersten Single Allan Align mit der verlorenen Sünderin Jenny Elvers in einer Kirche geknutscht hat, sucht ganz Berlin seinen Rat. Wie das geht, mit 22 das perfekte Popalbum schon geschrieben zu haben, wollen sie wissen, wer man dafür sein muss und wie anders vor allem. Genie, das weiß man schließlich, lässt sich nur als intrinsisch akzeptieren; wenn alle sowas könnten, dann müssten sie vielleicht auch. Also erzählt Gruber brav davon, was ihn unterscheidet.

Von seiner Kindheit und Jugend im kleinen Ort Herxheim, nach dem er sein Album Harieschaim genannt hat. Dass er vor lauter Fernsehen erst Englisch konnte und dann Deutsch, dass er den Postpunk und Wave von den Mixtapes gelernt hat, die im Wirtshaus seiner Eltern liefen, und dann selbst, als er auch was fürs Auge brauchte, Marilyn Manson verfiel. Dass er Bass gelernt hat, weil er Schlagzeug schon konnte, und dann halt noch Gitarre und Produzieren und das bisschen Rest. Dass er es auch mal mit Garage und Noise versucht hat, aber erst die düsteren Wave-Songs klappen wollten. Dass er nie dazugehört hat und man genau deshalb Herxheim nicht aus dem Jungen bekommt. Dass er von Berlin erst überfordert war und jetzt als Insider umso genauer weiß, was er daran hasst. „Das wühlt mich immer direkt so auf. Ich finde es schlimm, das Social Media so ein Outlet geworden ist für diese nichtstuenden Stadtkinder, und dass es wirklich Leute gibt, die dumme genug sind, sich sowas reinzuziehen. Mich selbst eingeschlossen. Ich brauche immer einen Grund, mich aufzuregen, und das ist einer davon.“ Er erzählt gern, wie er sich mal im hippen Roamers auf einen Kaffee treffen sollte und stattdessen auf die Dachterasse von Karstadt bestanden hat: „Da ist alles sehr convenient für die alten Leute eingerichtet, es ist alles sehr langsam und ruhig, und die sind alle alleine da, und das ist dann auch so ein bisschen traurig. Da kann man sich in Ruhe unterhalten und einen Kaffee trinken.“ Er erzählt davon, dass er „ein persönliches Problem“ mit der Vice hat, mit der Musikszene überhaupt und vor allem mit den Drogenkids, gegen die er den Song Hinterkaifeck geschrieben hat: „The city’s show-stoppers/ Face first into poppers/ On the other side: The rockers/ But we know I cannot roll with them.“

Subkulturen haben schon immer über Abgrenzung funktioniert. Nur dass die Subkulturen irgendwann anfingen, auszufransen, bis sie gar keine Ränder mehr hatten, nur noch eine amorphe Masse aus Sneakerstyle, Punkselbstverständnis, Health-Goth-Hosen und Langeweile. Wie beschreibt man Identität, wenn die Codes nichts mehr bedeuten? Dafür ist jetzt Drangsal da. Gruber liefert nicht einfach nur jedem die passende Markierungslinie zum individuellen Feindbild, auch wenn genau das der Presse gerade so viel Spaß bereitet, dass immer neue Interviewtage angesetzt werden müssen, um von Orkus bis Spex alle unterzubringen. Er kann sehr schöne Sätze gegen Hipster sagen und sehr schöne gegen Altrocker, er rollt dabei sehr niedlich mit den Augen und flucht ganz hübsch, aber darum geht es eigentlich nicht. In Wahrheit weiß Drangsal einfach nur, dass immer noch gilt, was schon alle Freaks vor ihm wussten: Wenn wir unsere Haut ausloten, um uns zu finden, dann auch deshalb, weil wir darin nicht alleine bleiben wollen. Abgrenzung ist nur das Mittel zur Gemeinsamkeit. Wenn nun plötzlich alle alles gemeinsam haben, dann fühlen wir uns umso einsamer. Und es braucht erst recht einen, der genau davor keine Angst mehr hat, um uns noch zu spüren.

Harieschaim ist ein Album für die Ausgegrenzten, die wir alle sind. „Ich versuche immer, allgemeingültige Musik zu machen, die auch ein bisschen anbiedernd ist“, sagt Gruber, „und auch ein bisschen eingängiger, als sie sein könnte. Weil ich es so schade finde, Leute auszuschließen.“ Sein Pop ist für alle da. Die postpunkigen Rhythmen, die kitschigen Synthies, der klagende Gesang, die Trommeln und Trompeten, die sich so nur einer reinpackt, der eh alles alleine macht. Produziert hat er mit Markus Ganter, der Anspruch ist sein eigener. Bei seinen Auftritten tanzen dazu alle, die er irgendwo geortet hat. Aufgeregte Indieteens vor fast schon resignierten Goths; die Vice-Kids neben den Kaffeekulturellen. „My vision is jaded“, singt Gruber dann beispielsweise in Moritzzwinger in seinem klugen Englisch, dessen Worte er sich von Oscar Wilde geliehen hat, „my retina faded/ I will never see/ Someone like me“, und vor ihm dürfen die Gruppen einzelne einsame Menschen sein.

Drangsal ist nicht der erste Freak, der den Massen bei ihrer Identitätsfindung hilft, aber genug gab es noch nie. Und wie Madonna, Marilyn Manson, Peaches, Morissey und all seine andere Vorbilder lässt er sich seine eigenen Grenzen erst recht nicht von außen diktieren. Am deutlichsten wird das auf Harieschaim in Do The Dominance, einem umwerfenden Stück Pop übers lustvolle Gefesseltwerden und Gehaltensein, von denen Gruber zu beeindruckend singt, um darüber nur gelesen zu haben. „Ich frage mich immer, ob auffallen würde, wie tief das in mir verankert ist, wenn der Song raus wäre. Bei Do The Dominance ist das ja schon sehr offensichtlich, aber es meinten auch schon Leute, dass man das in den ganzen Texten sieht. Mir ist das dann immer ein bisschen unangenehm. Aber ja, a lady in the streets, a freak in the sheets.“

Max Gruber findet es egal bis lustig, wenn ihn die Menschen ob seiner Ohrringe, der übergeschlagenen Beine und seiner sorgfältigen Sprechweise für schwul halten; er wirft solange in Gespräche ein, dass er gern mal fürs Boner Magazine posieren würde, bis er tatsächlich eingeladen wird. Er ist gerne nackt, er redet gern über Körperflüssigkeiten und darüber, wie wenig Ekel sie ihm bereiten. Aber es braucht mehrere Nachfragen, bis er zugibt, dass ihn nicht nur das schöne Wortspiel zum Dominance-Song inspiriert hat. „Ich weiß, bei mir klingt das immer sehr theoretisch, auch wenn es das offensichtlich nicht ist.“ Dabei braucht die Popwelt, die ja auch nur aus ängstlichen Menschen besteht, gerade das von ihm. Man muss sich nur die Songs seines Labelkollegen Get Well Soon anhören, in denen die Zeile „On the third date he told you he liked peeing games“ ganz selbstverständlich eine potentielle Beziehung beendet. Oder dieses Lied von Kraftklub, mit denen er auf Tour war und in dem sie jemanden mit ganz blöden Argumenten zum Knutschen überreden wollen. Oder sich seinen Kumpel Casper ansehen, der im Interview mit Visa Vie pikiert über Massageöle spricht: „Ich bin aber, glaub ich, prüde auch.“

Alles geht, vom Kaffee bis zu allen anderen Drogen, nur beim Sex sind sie alle noch verklemmt. Zumindest offiziell. „Es stimmt schon”, sagt Gruber, „es gibt in der Popmusik keine Fetischisten. Da tun immer alle so shy. Und wenn man dann mal so mit ihnen spricht, dann erzählen die, wie sie die eine so richtig geknallt und ihr ins Gesicht gewichst haben. Also jetzt nicht explizit der Casper. Ich bin aber immer fasziniert von Sachen, die hinter verschlossenen Türen passieren. Fassaden sind mir zu rein. Ich finde, wenn man das mal ablegen und mal sagen würde, dass man hart einen an der Klatsche hat, könnte man viel leichter eruieren, mit wem man was zu tun haben will und mit wem nicht. Deshalb versuche ich schon, da ehrlich zu sein, auch wenn ich es ein wenig verstecke. Ich mag Musik, die einen einlädt, und wenn man dann hereinkommt, merkt man, dass unter der Fassade eigentlich was total Düsteres steckt. Dass man das herausfinden kann, aber auch nicht muss. So wie bei Madonna, die ja Like A Prayer auch nicht alleine geschrieben hat, sondern mit diesem Typen, der ein totaler Fetischist ist. So subtil vor Millionen von Menschen anzuecken ist doch viel spannender, als vor 50 Leuten ein Kontaktmikro zu schlucken und es wieder auszukotzen, das haben doch alle schon tausendmal gesehen.“ Mit ihrem Kirchenvideo hat Madonna nicht nur den einzelnen Freaks geholfen, sich zu finden, sondern ihnen den Pop als gemeinsamen Raum geöffnet. Mit seinem könnte Drangsal jetzt noch die Letzten hineinholen.