Anohni - Hopelessness

Rough Trade/Beggars/Indigo/06.05.2016

Nichts stresst mehr als Hoffnung. Für ihr Debüt unter neuem Namen tauscht Anohni den sorgenvollen Kammerpop gegen Beats und Drohnen. Die zarten Zeiten von Antony And The Johnsons sind vorbei. Nach vier Klavieralben reicht es der Künstlerin, die jetzt Anohni heißt, mit dem sperrigsten aller Instrumente, an das sich die Erschöpften dieser Welt immer so gern gelehnt haben. Auf Hopelessness nimmt sie sich deren Angstthemen vor, von den Drohnen bis zur kaputten Umwelt, und zwingt sie mit düsteren Beats auf Linie. Nichts mehr mit Bangen und Schweben, stattdessen knarzt und rauscht es wie auf der letzten Röhrenbild-Müllhalde, dazwischen klopfen muntere Percussions; die Synthesizer fiepen. Für die Extraladungen hat Anohni sich Oneohtrixpointnever und Hudson Mohawke mitsamt ihrer jeweiligen Hard- und Software ins Studio geholt. In diese seltsame Stimmung zwischen Tanzen und Trümmern singt sie sakral und klar wie eh und verwirrt damit nur noch mehr. Ist es jetzt schlimm, dass wir alle zugrunde gehen, oder auch mal schön, so unverstellt drüber reden zu können? „I wanna burn the sky, I wanna burn the breeze“, jubelt sie etwa im Klimakonferenz-Song 4 Degrees, „I wanna see the animals die in the trees“, was zusammen mit Industrial-Schlägen und feierlichem Keyboard den besten Marsch aller Zeiten ergibt. In Marrow zählt sie globalisierte Länder mit der Leichtigkeit eines Kinderreims auf; und weil sie selbst natürlich Mitschuld hat an der ganzen Misere, bittet sie in Drone Bomb Me: „Blow my head off/ Explode my crystal guts.“ Im Video dazu weint Naomi Campbell vor einer Gruppe sehr schöner Tänzer. Wenn das Ende so klingt, haben wir nichts zu befürchten.

9/12

Erschienen in Visions 279, 2016