Capsize - A Reintroduction: The Essence Of All Things That Surround Me

Rudenetworks/Soulfood/22.07.2016

Steckt in jeder Posthardcore-Band in Wahrheit ein kleiner Scheiteljunge, der raus will und heulen? Daniel Wand singt jetzt jedenfalls clean. Und das nicht nur ein bisschen oder gerade so, sondern das ganze umständlich betitelte zweite Album seiner Band voll. Zwischen die unkoordinierten Ballermomente jault er, über die Oben-ohne-Trommelwirbel und die Fäuste-in-die-Luft-Chöre und die Gitarren, die sich mit den programmierten Beats darum prügeln, wer die blöderen Effekte bringt. Dass melodischer Posthardcore auch ohne Emocore-Allüren geht, schienen die Kalifornier zum Debüt eigentlich begriffen zu haben. Das von Defeater-Gitarrist Jay Maas produzierte The Angst In My Veins steckte vorletztes Jahr voller gutem Heisergebrüll und Verzweiflungsakkorden, fast so, als hätten Capsize damit einen Spin-Off zur Familiensaga von dessen Hauptband erzählen dürfen. Vielleicht haben sie erst danach gemerkt, wie wenig Geld und Unterwäsche man mit sowas zieht, vielleicht ist auch die albumtitelgebende schlechte Gesellschaft Schuld, oder wie man anscheinend noch sagt: die Scene. Capsize hängen jetzt bei Never Say Die und Warped ab; A Reintroduction hat Matt McClellan glattgemacht, der sonst auch The Devil Wears Prada striegelt. Wer solche Bands ernsthaft unterscheiden kann, findet bestimmt auch in den Selbsthasshymnen der neuen Capsize irgendwas Originelles. Allen Anderen sei zur Vorwarnung noch mal deutlich gesagt: Unter Bandwurmtiteln wie I Think It’s Best We Don’t Talk Anymore versteckt sich kein Stück Fall-Out-Boy-Ironie, sondern nur ein beleidigter Junge, der, sagt er, „jetzt endlich die richtigen Worte gefunden“ hat für das, was ihn bewegt. Er meint das wohl sehr ernst.

4/12

Erschienen in Visions 281, 2016