Control

Alive/30.5.2008

Mit einem gewöhnlich kitschigen Musiker-Biopic hätte man von Anton Corbijn zu wenig erwartet. Seit den 70ern fotografiert der Niederländer Bands, hat Songs von Depeche Mode, Metallica und Arcade Fire in Videos umgesetzt und sich als Künstler einen Namen gemacht, der die Ästhetik seiner Objekte in seine eigene Arbeit überträgt. Optisch hat er seinen ersten Spielfilm sorgfältig bis ins Kleinste inszeniert; jede der schwarzweißen Szenen mit ihren Schatten, Details und Gegensätzen ließe sich zum Plattencover anhalten. Dabei hat Corbijn Control nicht zum stilvollen Selbstzweck gedreht, sondern als respektvolle Beobachtung eines Musikers, der an seiner Rolle zerbricht. Der Regisseur hat Joy Division zu lange als Fan und Fotograf begleitet, um auch nur so zu tun, als könne er Leben und Tod von Ian Curtis irgendwie erklären. Stattdessen zeigt er aus klugem Abstand, wie ein zielloser junger Mann im England der späten 70er zum unglücklichen Postpunk-Frontmann kurz vorm großen Erfolg wird und dabei weder die Kontrolle über seine gerade diagnostizierte Epilepsie hat, noch über sein Liebesleben zwischen zu jung geschlossener Ehe mit Baby und heimlicher Geliebter auf Tour. Nicht mit allem gibt Curtis sich gleich viel Mühe. Genau das ist eine der großen Stärken von Control, Corbijn und Hauptdarsteller Sam Riley, die den legendären Musiker nicht zum komplizierten Genie verklären, sondern ihn als überforderten Menschen zeigen, der am Leben scheitert und dabei andere mitzieht, auch wenn er zwischendurch sehr schöne Zeilen darüber schreibt. Die Perspektive kommt von Curtis’ Witwe Deborah, auf deren Buch Touching From A Distance der Film lose basiert; die Musik kommt neben Joy Division von Iggy Pop, David Bowie und New Order. In den kleinen großen Momenten lässt Corbijn seinen Schauspielern allen Raum. So wunderbar ungelenk wie Ian und Debbie bahnen sonst nur echte Teenager ihre Beziehungen an. So tragisch wie Ian zieht sonst niemand an einer Zigarette. Und wenn wir am Schluss nur von der Straße aus hören, wie Debbie im Haus ihren toten Mann entdeckt und einen einzigen großen Gänsehaut-Schrei schreit, dann schafft Control eine Erkenntnis, die sonst nie passiert: Musik ist nicht das Wichtigste, und manchmal reicht Musik nicht.

Erschienen in Visions 268, 2015