Das ist was ist

Alle Bands sollen wie MESSER sein.

Es gibt in diesen Kreisen immer noch ein Missverständnis, wenn es um Musiker geht. Wollen die anspruchsvolle Kunst machen, so die Missverstehenden, dann ist das schlecht, weil Anspruch als Selbstzweck schließlich schlecht ist. Was nicht nur logisch schiefgeht, sondern überhaupt. In Wahrheit ist ja die Kunst, Ansprüche zu stellen, Dinge zu wollen und das auch zuzugeben. Sich verwundbar zu machen, weil man sonst nichts zum Verbinden hat. Was will man schon von Leuten mitnehmen, die einem überhaupt nichts geben? Oder um es mit Messer zu schreien: „Blut muss fließen!“

Die Band ist keine, die darauf wartet, von anderen Menschen zu Künstlern erklärt zu werden, um dann so zu tun, als wäre sie nur zufällig vorbeigestolpert; die Band hat sich zwei Abende auf dem Hamburger Kampnagel und in der Berliner Volksbühne eingemietet, um Kunst zu machen. „Ihr werdet auf unsere Gräber spucken — Messer über Boris Vian“ huldigt dem französischen Schriftsteller, Trompeter, Schauspieler und Sänger mit grandioser Anmaßung. Sänger Hendrik Otremba krakeelt seinen eigenen Text zwischen den Vians, während seine Band ihren Postpunk in expirementaljazzige Kreise aus Synthie, Saxofon und Stahlrohrpercussion schickt. Die drehen sich, solange das Geschrei eben braucht, und versuchen dabei gar nicht erst, sich leiser oder weniger eindringlich zu geben. Alles rauscht und kämpft miteinander und mit den grellen Unterwassertieren auf der Leinwand dahinter. Messer glauben wirklich, dass sie dem Werk des alten existenzialistischen Helden etwas hinzuzufügen haben, und sie haben Recht damit. Nicht zufällig oder glücklicherweise, sondern gerade weil sie so unbedingt wollen.

Wer das nicht versteht, weil er an diesen Abenden nicht dabei ist, muss sich nur die viel zu vielen Gegenbeispiele ansehen. Popkultur also, die ihren Zweck nicht im Anspruch sieht, sondern in der Mühelosigkeit, oder höchstens noch dazwischen. Was passiert, wenn jemand eigentlich gerne würde, sich dann aber doch nicht richtig traut, lässt sich überall beobachten. In jedem Kuttner-Buch, das die eigene Entblößung schon auf halbem Weg wieder selbst verlacht, bevor es jemand anderes tun kann. In Love und Master Of None und allen anderen Serien, in denen alle immer so angenehm verkorkst sind und sich nie jemand wirklich hässlich streitet. Und bei jeder Band, die ach so authentisch die Hemdsärmel hochkrempelt und Bescheidenheit vorspielt, weil das so natürlich wirkt. Welche Natur damit gemeint ist, hat noch niemand erklärt.

Wenn Messer Hemden tragen, dann ist das natürlich inszeniert, weil in der Natur niemand Hemden trägt. Otremba zieht sich an wie ein Schauspieler, den einen Handlungsreisenden spielt. Er liest seinen Eröffnungsmonolog vom Blatt, und als er vom Mikrofon wegtritt und sich auf einen Stuhl setzt, liest seine Stimme ohne ihn weiter. Er schreit seinen Bassisten an, der schreit zurück, dann kauern sie voreinander und spielen ein Stück auf Französisch. Messer könnten sich so leicht lächerlich machen mit all dem, und gerade deshalb sind sie es nicht. Sie nehmen sich selbst wichtig genug, um ihre Bühne mit feierlichem Equipment und fünf Menschen vollzustellen, von denen zwei Schlagzeuger sind. Sie lächeln nur zwischendurch mal heimlich, nicht aus Arroganz, sondern weil es nicht ins Programm gehört. Ihre Stücke fordern alles von sich selbst und damit auch von den Anderen, die sich fragen müssen, wann sie zuletzt mal keine Kompromisse gemacht haben. So ausgeklügelt und schön, so aufregend und mitreißend können Musik und Texte nur klingen, weil sie ehrlich sind. Wenn so viel Ambitioniertheit bei anderen Bands auch mal danebengeht, dann liegt das schließlich nicht an den Ambitionen, sondern an der Band. Es gilt die alte Sektenweisheit: bei wem es nicht funktioniert, der hat es nicht richtig versucht. Für wahrhaftige Kunst reicht es nicht, keine Lügen zu erzählen. Man darf auch nichts verschweigen. Messer sagen alles. Und das Publikum muss in einiger Distanz auf Stühlen sitzen und mit sich selbst klarkommen. Am Schluss klatscht Otremba hinter dem Vorhang als erster, weil keiner sich traut, das vor ihm zu entscheiden. Das ist die Kunst. Nur keine Hemmungen.