Fall nicht!

Wie relevant sind BILLY TALENT im Jahr 2016? Den Festivalsommer entscheiden die Kanadier regelmäßig für sich, aber immer noch müssen sie sich mit Vorwürfen herumschlagen, sie hätten dem Punkrock schon lange nichts hinzugefügt. Nach einem überflüssigen Best-of soll das neue Album Afraid Of Heights der Band mitsamt Ersatzschlagzeuger, Klavierballaden und Hass gegen DJs nun doch noch einmal den Platz ganz oben sichern. Fragt sich nur, was dabei überwiegt: Die Angst vorm Fallen oder die davor, sich selbst zu stürzen.

Billy Talent (v.l.n.r.): Aaron Solowoniuk, Jordan Hastings, Ian D’Sa, Ben Kowalewicz, Jonathan Gallant

Es gibt so viele Arten von Festivalbands, und wer regelmäßig Line-ups überfliegt, kennt sie fast alle. Die Nachmittagsplayer und die alten Brocken, die Ironischen und die Partymacher, die Ska-Loser und die Nachwuchshoffnungen der Labels, die sich extralange oder extrabescheuerte Namen geben, um im Kleingedruckten nicht komplett zu verschwinden. Die meisten von ihnen kann man außerhalb der Saison leicht vergessen. Um direkt eine Ladung Diss zu kippen: Ohne die Betrunkenen des Sommers hätten Deichkind, Scooter und Limp Bizkit sich längst andere Jobs suchen müssen. Veranstaltern, die ihren Vorabend mit Johnossi, Eskimo Callboy und NOFX vollmachen, ist offensichtlich so einiges egal. Und ob es Monsters Of Liedermaching, Wirtz und Liedfett wirklich gibt, kann vielleicht mal jemand berichten, der zur Geländeöffnung schon wach ist. Wir verstehen uns. Schwieriger wird es bei den Bands, die nicht grundsätzlich albern, belanglos oder vorbei sind, ihren Erfolg aber zu so großen Teilen auf Festivalbühnen gebaut haben, dass man sich darüber streiten kann, was ihn sonst noch so trägt. Wie viele Leute kennen von den Subways nichts außer Rock & Roll Queen? Würden Biffy Clyro weniger Alben verkaufen, wenn bei ihren Auftritten nicht immer so perfektes Ausziehwetter wäre? Kann man Frittenbude auch hören, ohne dass dazu jemand mit blonden Dreads die Antifa-Fahne schwenkt? Lässt sich zumindest aufregend drüber diskutieren.

Auch Billy Talent hängt von Beginn an das Vorurteil nach, sie hätte abseits der großen Bühnen nicht viel zu sagen. Nach einer Aufwärmübung namens Watoosh!, die sie 1998 noch als Pezz veröffentlichten, kam 2003 das Debüt mit neuem Namen: Billy Talent. Darauf die erste große Empörungshymne Try Honesty, die bis heute jeder mitkrakeelen kann, der auch nur zufällig mal auf dem Weg vom Schlafzelt zum Partyzelt dran vorbeigelaufen ist: Irgendwas, „father“, irgendwas, irgendwas/ „Try honesty, try honesty!“ Drei Jahre später lieferte Billy Talent II die nächsten Überhits hinterher: Devil In A Midnight Mass, Red Flag, Fallen Leaves, Surrender. Wer Rise Against live zu schüchtern findet und Green Day zu alt, bekommt mit Billy Talent die perfekte Band. Frontmann Ben Kowalewicz kreischt sich verlässlich die Seele aus dem Leib, während er von einer Bühnenseite zur anderen rennt, seinen Mikrofonständer bis knapp über den Boden biegt, die Fäuste reckt und sich immer wieder mit Fuß auf der Monitorbox Richtung Publikum streckt, dass es die Skinny Jeans fast zerreißt. Daneben merken sich die meisten Halbfans vor allem Gitarrist Ian D’Sa und seine extrahohe schwarze Tolle, die bombe sitzt, wenn er zusammen mit Bassist Jonathan Gallant die Backgroundchöre in die Mikrofone singt. Hinten trommelt Aaron Solowoniuk, was das Zeug hält. Billy Talent waren sich noch nie zu schade für eine gute Show, zu der gerade auf Festivals auch gerne dicke Backdrops, koordinierte Outfits und besonders simple Ansagen gehören. Das Publikum dankt es mit gigantischen Circle Pits zu jedem Song und indem es die Alben dazu an die Chartsspitzen kauft. Zuhause in Kanada sowieso, aber eben auch in den deutschsprachigen Ländern, in denen Billy Talent traditionell mit am erfolgreichsten sind.

Keine Experimente, keine Spielereien

Bevor Billy Talent III die selbstbetitelte Trilogie 2009 mit Songs wie Rusted From The Rain vollmachte, gab es natürlich das erste Livealbum. 666 schnitt jeweils sechs Stücke von Auftritten in London, in Düsseldorf und bei Rock am Ring zur DVD; auf der Bonus-CD kam das komplette Düsseldorfer Set dazu. Man schaut so etwas nicht, um dabei Neues zu entdecken, sondern um sich zu vergewissern: Billy Talent haben es jedes Mal drauf. Keine Experimente, keine Spielereien, nichts, was das Mitfeiern stören würde. Billy Talent klingen live nicht groß anders als auf Platte, sie sehen dabei nur aufregender aus. Was die Künstler mit ihren Songs erzählen wollen, bleibt dabei eher nebensächlich. Dass etwa Devil In A Midnight Mass von einem Kinder vergewaltigenden Priester handelt oder Fallen Leaves von Drogensucht, muss man nicht wissen, um sich von einer vagen Dringlichkeit mitreißen zu lassen. Hauptsache, es brennt.

Weil es zum Höhenflug nicht reicht, auf ewig immer nur dieselben Songs zu verfeuern, versuchte die Band es 2012 ein wenig anders. Dead Silence war nach den drei selbstbetitelten Alben das erste mit eigenem Namen und gab sich insgesamt Mühe, auf eigenen Beinen zu stehen. Den Punkrock erweiterte die Band um den gelegentlichen Metal-Einschlag, neue Balladen und Songs wie Viking Death March, die bei aller alten Systemwut eine ganz neue Bitterkeit mitbrachten. An die Hymnen der Vorgänger schlossen Billy Talent damit nicht ganz an, aber sie versöhnten sich mit den Kritikern, die die Band schon fast abschreiben wollten. So konnte man sie ja doch wieder ernst nehmen. Dass die Fans das Album auf Platz eins der kanadischen und deutschen Charts trugen, war eh klar. Selbst das Best-of Hits, das die Band selbst heute als „fürchterliche Idee“ beschreibt, wollten 2014 noch genug Leute in ihre Sammlung schieben. Billy-Talent-Anhänger sind extrem loyal, Probleme machen immer nur die hinteren Reihen mit ihrem Wankelmut.

Nicht so alt

„Ich denke, wer Fan von uns ist, der wird das neue Album mögen“, sagt Ben Kowalewicz, „und wer kein Fan ist, der eben nicht.“ Es klingt ein bisschen wie eine Drohung. Für die Interviews zu Afraid Of Heights haben sich Billy Talent auf die Sitzgarnitur in einem schicken Hotel hinterm Potsdamer Platz in Berlin verteilt und ihre Rollen eingenommen. Kowalewicz ist der nette Typ mit den ordentlichen Augenbrauen, der die Zügel hält und bis auf den kleinen Stich gerade nur obernette Phrasen diktiert. Neben ihm sitzt Ersatzschlagzeuger Jordan Hastings in der Sofaecke und hat nicht so viel beizutragen. Erst als Kowalewicz ihm das Gespräch gegen Ende zuschiebt, sagt er brav auf, dass er als guter Freund der Band natürlich gerne aushelfe, Aaron Solowoniuks Schemel aber nur solange warmhalten werde, wie nötig, schließlich sei der immer noch festerer Teil der Band. Ian D’Sa, der als Letzter auftaucht, weil er seine Tolle fürs die anschließenden Fotos noch in Form bringen musste, ist als Hauptsongwriter und Produzent zuständig für alle musikalischen Fragen. Und Jonathan Gallant gibt den Flezer, der sich vor allem dann kurz Richtung Aufnahmegerät lehnt, wenn es was zu beanstanden gibt. Wenn jemand, nur mal so beispielsweise, suggeriert, dass eine Band mit einem Durchschnittsalter um die 40 und mehreren Kindern zuhause eventuell selbst zur Elterngeneration gehören könnte, gegen die sie sich im Revoluzzersong Louder Than The DJ aufregt.

„Wir finde nicht, dass wir so alt sind“, sagt Gallant dann, als hätte noch nie jemand so einen albernen Gedanken geäußert. „In dem Song geht es darum, die Jugend zu inspirieren. Wenn wir das nicht machen, wer macht es denn dann?“ Kowalewicz versucht zu schlichten: „Wir sehen uns da vielleicht eher als ältere Brüder. Man muss doch zu seinen großen Brüdern aufschauen, nicht wahr?“ Wir reden von einem Song, der weder nach den alten Billy Talent noch wie irgendein anderer auf dem neuen Album klingt und gerade deshalb die Fans vorab verwirrt hat. Den Ramones-Ranschmiss haben viele noch erkannt, bei der Bedeutung dahinter wird es schon schwieriger. Das habe ja mal so gar nichts mit Billy Talent zu tun, finden viele, und viele andere finden genau das gut, Stichwort: Weiterentwicklung. Dabei soll Louder Than The DJ vor allem eine Hommage an die guten alten Zeiten sein, erklärt Kowalewicz, und gleichzeitig eine Aufforderung an die Jugend von heute, endlich an diese Zeiten anzuschließen: „Rock and Roll hat unser Leben verändert. Wir sind zu Konzerten gegangen und hatten dieses krasse Bedürfnis, selbst sowas zu machen. Wir hätten nicht mal sagen können, warum, aber wir wussten, wir brauchen eine Gitarre oder ein Schlagzeug und müssen unser Leben dem Rock and Roll widmen. Im Song geht es darum, dass sowas immer noch passieren muss. Wir haben nichts gegen DJs, aber wir wollen die jüngeren Generationen dazu bringen, sich dem Rock and Roll so zu verschreiben wie wir damals.“ Ob das nicht sowieso passiere? „Nicht genug!“ Und Gallant wirft ein: „Es gibt doch keine neueren Rockbands, die irgendwas bewegen.“ Nun könnte man sagen, dass vielleicht gerade in anderen Genres oder gar übergreifend mehr passiert, aber auch das lässt Kowalewicz nicht gelten: „Andere Arten von Musik haben keine so große politische und gesellschaftliche Revolution hervorgebracht wie der Rock. Deshalb wollen wir die jungen Leute wieder zum Rock kriegen.“ Ein mehr als gewagtes Statement, bei dem man gar nicht weiß, von welcher Seite man es zuerst auseinandernehmen soll. Vom Blues und Jazz und HipHop aus, die ja nun mindestens ihren Teil beigetragen haben? Oder von den Protagonisten vergangener Revolutionen aus, von denen die wenigsten weiße kanadische Männer waren? Steile These: In Sachen politischer Wandel sind Billy Talent vielleicht nicht ganz die Vorreiter, als die sie sich gern sehen würden. Die Spießerzeilen, mit denen sie Louder Than The DJ gespickt haben, helfen da auch nicht weiter: „And I don’t know what’s making you tick/ Generation narcissistic/ Little Miss Selfie, Lonely Boy Slick/ It’s time you get a brand new fix, baby.“ Gut möglich, dass eine Generation, die sich so beleidigen lässt, dann trotzdem noch Alben kauft. Aber vielleicht ein schlechtes Zeichen für den Revolutionsnachwuchs.

Das Heute und das Morgen

Zum Glück werden Billy Talent auf Afraid Of Heights nur das eine Mal so plump, dafür stürzt sich der Albumtrailer, der online zu sehen ist, ins andere Extrem. Zweieinhalb Minuten lang reihen sich verschiedene Live- und Stimmungsbilder aneinenader, während Kowalewicz aus dem Off das schwammigste Statement aller Zeiten zusammenfaselt: „Höhenangst scheint eine universelle Angst von uns allen zu sein. Nicht im Sinne von Bergen oder Hochhäusern, sondern auf philosophischere Art. Als Menschen und als Gesellschaft haben wir Angst davor, neue Dinge anzugehen. Wann haben wir uns so verfahren? Woher kommen unsere Vorurteile? Woher kommt dieser Hass? Sollten wir nicht lernen, uns zu verstehen und zu akzeptieren? Wir müssen uns ändern. Wir sind das Heute und das Morgen. Die Generation unserer Eltern ist nicht unsere.“ Und so weiter. Die Idee, überhaupt so einen Trailer zu veröffentlichen, hat sich Kowalewicz vom Rapper Macklemore abgeschaut. „Ausgerechnet. Aber ich fand es sinnig, genau wie er schon vorab ein wenig Hintergrund zum Album zu liefern. Wir haben ja seit vier Jahren nicht richtig was gemacht außer diesem füchterlichen Greatest-Hits-Albums. Wir dachten, es ist vielleicht ganz nett, die Leute wissen zu lassen, dass wieder was kommt.“ Ob er die Botschaft des Trailer noch ein bisschen konkretisieren könne? „Nun ja“, sagt er, „es geht eben darum, dass es kein so leichtes Album war.“ D’Sa hilft: „Es geht ja nicht direkt um Höhenangst, sondern das ist eine Metapher. Auf diesem Album hängen zum ersten Mal alle Songs mit derselben Idee zusammen. Jeder Song handelt auf irgendeine Weise von Angst oder Veränderung. Diese Themen haben uns schon immer beschäftigt, aber gerade sind sie akut wie nie. Schau dir doch an, was gerade in den USA passiert. Da wird es höchste Zeit für Rockbands, was dazu zu sagen. Das wollten wir mit dem Trailer deutlich machen.“

Billy Talent merken selbst, dass sie ihre Relevanz verteidigen müssen, auch wenn sie sich am liebsten selbstbewusst geben. „Ich finde, wir haben ein tolles Album gemacht“, sagt Kowalewicz also, „und ich glaube, unseren Fans wird es auch gefallen.“ Vermutlich hat er recht, auch wenn das wenig mit politischen Botschaften oder ausgefallenen Hey-ho-Nummern zu tun hat. Es hängt sogar relativ wenig daran, wie fortschrittlich oder wichtig die Kritiker Afraid Of Heights finden. Das Ding an Festivalbands ist ja, dass sie den Livetest bestehen müssen. Da können Trendmacher wie Pitchfork Billy Talent ruhig konsequent ignorieren, DJs sich weigern, Rüpelsongs wie Try Honesty aufzulegen und Diskursmenschen die Band als Beispiel dafür heranziehen, dass im Punkrock überhaupt gar nichts mehr passiert, während Macklemore sich wenigstens noch Mühe gibt. Alles egal, solange die neuen Songs live gut zwischen die alten passen und man gleichzeitig beim Albumkauf nicht das Gefühl bekommt, Geld für etwas auszugeben, das man genau so schon im Regal stehen hat. Der Titelsong von Afraid Of Heights bekommt das extrem gut hin. In eher mittlerem Tempo singt Kowalewicz über eine Beziehung, bei der einer mehr Bindungsangst hat als der andere, wiederholt genau richtig viele Ohrwurmzeilen, während der Rest der Band seinen Backgroundgesang zur Abwechslung elegant in die Lücken setzt: „Wherever I go/ Wherever I go…“ Mit der frühen Hektik hat das nichts zu tun, ohne aber in die Balladen zu kippen, die bei Billy Talenz mal mehr und mal weniger gut funktionieren. Afraid Of Heights ist eine Hymne für Kopf und Arme und Stimmbänder, mit zwei Strophen, drei Refrains, Bridge und Outro und perfekten 3:45 Minuten Länge: „If we fall, we fall together baby, don’t think twice again.“

Der Schritt ins Leere

Fallen war schon immer eine der liebsten Metaphern von Billy Talent, ob es nun um Laub auf dem Boden ging, um eine Leiter, von deren Sprossen zu rutschen man sich nicht fürchten soll, ums vom Stolpern aufgeschürfte Knie oder darum, aufzustehen und weiterzurennen. Dabei, das wissen Amateurpsychologen so gut wie alle, die schon mal irgendwo draufstanden, ist die Höhenangst ja in Wahrheit gar nicht die Angst vorm Fallen, sondern die davor, sich selbst herunterzustürzen. Das Balkongeländer zieht einen magisch an, man stellt sich unwillkürlich vor, wie eine Fensterscheibe nachgibt und zerspringt, das Tal ruft. Aus der Metapher wieder rausübersetzt, macht das tatsächlich so ungefähr die Frage aus dem Albumtrailer: Muss man als Band eher Angst davor haben, irrelevant zu werden, oder davor, sich selbst irrelevant zu machen? Lieber alles so lassen und abwarten, oder den Schritt machen, mit dem man möglicherweise ins Leere tritt? Afraid Of Heights ist sich nicht immer ganz sicher, wofür es sich entscheiden soll. Zum Titelsong gehört noch die Reprise-Version, die das Album mit Fake-Klavier und Geknarze abschließt. „Wir konnten uns lange nicht entscheiden, welche Version wir besser fanden“, sagt D’Sa. „Also haben wir eben beide genommen, so wie früher in den 80ern, da gab es das ja oft. Warum nicht?“ Auch in Horses & Chariots stecken noch Spuren des Klaviers, das er sonst lieber rauslöscht. „Dabei schreibe ich sehr viele unserer Songs am Klavier. Nur übersetze ich sie sonst komplett auf Gitarre, Bass und Schlagzeug. Diesmal habe ich ein bisschen Klavier dringelassen.“ So fürchterlich anders als seine Vorgänger klingt Afraid Of Heights gar nicht, aber genau solche Einzelheiten waren ihm wichtig, sagt D’Sa. „Für mich spiegelt sich das Thema des Albums darin wieder, dass ich mich nicht aus Angst heraus beschränken wollte. Wir sind früh in die Punk-Schublade gesteckt worden, und dann fängt man automatisch an, auch so zu denken und bestimmte Dinge außen vor zu lassen. Ich habe immer für eine klassische Bandbesetzung geschrieben, also Gitarre, Bass und Schlagzeug. Auf dem letzten Album gab es schon ein kleines bisschen Klavier, aber ich hatte mich noch nicht so richtig getraut, elektronische Sounds einzubauen. Diesmal wollte ich uns keine Grenzen auferlegen.“ Falls jetzt wer Angst bekommen hat: Noch stürzen sich Billy Talent lange nicht in Experimentalmusik. Afraid Of Heights lässt zwar ein paar neue Töne zu, behält dabei aber seinen Platz im Punkrock. Noch ist der schließlich so angenehm hoch gelegen, dass man ihn nicht mutwillig aufgeben sollte.

Ian D’Sa schreibt nicht nur einen Großteil der Musik für Billy Talent, er produziert sie auch. Die ersten Ideen fürs fünfte Album hatte er schon kurz nach Veröffentlichung des vierten. Auf Tour nahm er grobe Entwürfe mit seinem Telefon auf, um anschließend mit seinen Bandkollegen daran zu feilen. Dead Silence hat sich vor vier Jahren noch verspätet, weil Ben Kowalewicz Probleme beim Texten hatte, aber in Sachen Musik gibt es bei Billy Talent keine Schreibblockaden, sagt D’Sa. „Für mich gibt es immer etwas zu schreiben. Ich habe jedes Mal mehr Songs, aus denen ich dann welche fürs Album aussuchen kann. Diesmal war das besonders gut, weil sie ja zum Thema passen sollten.“ Und klar achte er immer auch darauf, wie gut so ein Stück wohl live funktionieren würde. „Es muss eine gute Mischung aus Message und Mitreißen sein.“ Produziert wird im bandeigenen Studio, was quasi nur Vorteile hat, sagt Kowalewicz: „Gerade als Sänger hat man manchmal einfach einen schlechten Tag. Da hilft es sehr, wenn man nicht drauf achten muss, ob man jetzt gerade die Studiomiete für nichts bezahlt. Wenn es mal nicht klappt, kann Ian mich einfach nach Hause schicken und ich komme am nächsten Tag wieder, ohne dass wir dadurch Geld verlieren. Das gibt uns sehr viel Freiheit.“ Mit zwölf ausgewählten Songs schloss sich D’Sa so schließlich vier Monate ein, um mit Afraid Of Heights wieder herauszukommen. „Sechs Monate wären besser gewesen“, sagt er, „aber wir wollten fertig werden. Und es ging schon.“

Aus der Asche

Dass die meisten Produzenten vor Deadlines nervös werden, ist klar. Auch der kanadische Winter, der während der Aufnahmen ums Studio frostete, nervte zwar, sagt Kowalewicz, war aber letztlich komplett zu vernachlässigen. Denn die größte Angst der Band ist immer noch die um ihren Schlagzeuger. Aaron Solowoniuk fehlt nicht nur beim Interview, sondern auch auf dem Album. Die Multiple Sklerose, die 2006 bei ihm diagnostiziert wurde, lässt ihn zum ersten Mal in 23 Jahren Band eine Platte verpassen. Von der letzten konnte ihn auch eine Operation am offenen Herzen nicht aufhalten; diesmal geht es nicht. „Wir waren gerade dabei, die ersten Songideen auszuprobieren“, sagt Kowalewicz, „als Aaron uns gesagt hat, dass er nicht dabei sein kann. Er braucht eine Auszeit, um sich komplett auf seine Gesundheit zu konzentrieren, alle möglichen Arzttermine wahrzunehmen, seine Übungen zu machen und seine Medikamente neu einstellen zu lassen. Das Beschissene an Multipler Sklerose ist, dass man alles richtig machen und trotzdem solche Rückschläge haben kann. Uns hat diese Nachricht völlig fertiggemacht. Wir wussten wirklich nicht, ob wir überhaupt weitermachen sollen. Die Frage war, ob wir gemeinsam darauf warten, ob und wann es ihm besser geht, oder ob wir zum ersten Mal in unserer Bandgeschichte ein Album ohne ihn machen. Er hat uns schließlich selbst dazu gedrängt, es zu machen.“ Auf Afraid Of Heights sitzt nun also Jordan Hastings von Alexisonfire am Schlagzeug, der hier so planlos in der Ecke kauert. Auf Promofotos zum Album zeigt sich die Band offensiv zu fünft, und immer wieder betonen alle, dass Hastings zwar ein allerbester Kumpel von allen ist, aber nur ein Platzhalter für Solowoniuk. Ob und wann der zurückkehrt, steht in den Sternen, sagt Kowalewicz. „Aber er gehört nach wie vor fest zur Band. Er ist in jeder Rundmail und in jeder Gruppen-SMS drin, genau wie wir alle. Und wir sind sehr froh, dass wir es geschafft haben, zusammen mit Jordan aus dieser Asche etwas so Schönes aufsteigen zu lassen.“

Die Phrasen lässt sich Kowalewicz nicht so leicht austreiben. Seine Band mag mit Problemen konfrontiert werden, aber selbst macht sie sich keine. Es reicht, einen Schlagzeuger ersetzen, die vollgepackten Acker und die goldenen Schallplatten ständig mit Inhalten rechtfertigen und ein Album erklären zu müssen, das sich eigentlich selbst erklärt. Da braucht man nicht zusätzlich noch Selbstzweifel. „Wir glauben sehr an unser Album“, sagt Kowalewicz. Und Ian D’Sa ergänzt, dass es ja nun auch helfe, so viele Songs zur Auswahl geschrieben zu haben und daraus nur die besten zu veröffentlichen. „Wir haben uns gemeinsam auf die zwölf geeinigt, die am meisten nach uns klingen. Wir hören aufeinander. Wenn einer von uns etwas nicht mag, dann fällt es eben weg.“ Ob die Diskussionen darum immer so zivilisiert ablaufen, wie das hier gerade klingt? „Absolut. Wir reden immer ganz in Ruhe über alles.“ Jonathan Gallant beugt sich vor. „Wir sind immer freundlich zueinander. Mit dem Alter wird man eben netter.“

Erschienen in Visions 281, 2016