Goldene Regeln

Das Leben ist komisch, und dann sterben wir. Es geht nur noch darum, damit bestmöglich klarzukommen, und die grandioseste Hilfe zur Selbsthilfe kommt schon wieder von HEALTH, deren drittes Album Tod und Lust zusammenfeiert und niemandem die Zauberei dahinter verrät.

Health mit John Famiglietti (links) und Jake Duzsik (2.v.l.)

„Wir wollen dir ins Gesicht schlagen“, sagt John Famiglietti und stellt sein Kirschkern-Spuckglas zurück auf den Tisch mit Obst und Snacks, um den sich seine Band versammelt hat und neben dem die französische Bulldogge ihres Labels liegt und schnarcht, als bräuchten Health noch mehr bräsige Geräusche. „Wir wollen die wuchtigste Musik machen, die wir machen können.“ Wer an diesem Tag mit den Kaliforniern spricht, bekommt eine Menge Sätze zu hören, die so anfangen: „Wir wollen gute Songs schreiben.“ „Wir wollen ein Album, das so gewaltig wie nur möglich klingt.“ „Wir wollen keine überflüssige Symbolik in den Texten.“ „Wir wollen niemandem das zweite Album schlechtreden.“

Ganze sechs Jahre ist Get Color schon alt, das mit seinem kalkulierten Gewitter aus Industrialrock, Noise, blitzender Elektronik und dem nölig schönen 80er-Jahre-Gesang von Jake Duzsik verkorkste Liars-Fans genauso fing wie innerlich abgedrehte Techno-Goths und genrelose Effektspezialisten, die sogar schon zum selbstbetitelten ersten Album 2007 wussten, was Health so alles können. Auch wenn die Band selbst nie zufrieden damit war. „Wir wollten schon zu Get Color einen möglichst wuchtigen Sound“, erklärt Duzsik, „aber wir hatten selbst nicht die technischen Skills dafür. Also haben wir uns auf andere Leute verlassen, die letztlich leider die falschen waren. Was nicht heißen soll, dass es ein schlechtes Album war, aber wir glauben, dass es noch viel besser hätte sein können, wenn wir unsere Ambitionen wirklich umgesetzt hätten.“

2015 ist es soweit. Die letzten Jahre hat die Band damit verbracht, das Computerspiel Max Payne 3 zuerst komplett durchzuspielen, um ihm anschließend den perfekten interaktiven Score auf die Level zu schreiben, und sich parallel genug Produzentenwissen draufzuschaffen, um zum dritten Album selbst alles richtig machen zu können. Was kaum besser hätte funktionieren können. Death Magic pumpt die feierlichen Momente seiner Vorgänger in die kitschigsten Höhen, knarzt und bratzt und ballert dazwischen fieser als jemals zuvor und strotzt bei aller gesichtsschlagenden Direktheit vor songschreiberischer Finesse, die Bassist Famiglietti am liebsten gar nicht erklären würde. „Aber gut, nehmen wir beispielsweise den Song Courtship II, der auf einem Dreiertakt basiert, den wir traditioneller Musik entlehnt und für die Basslinie übernommen haben, um dann aber Health-mäßige Blastbeats draufzupacken und dann über einen Industrial-Beat zum finalen Ambient-Part überzuleiten, auf den eigentlich die ganze Zeit schon alles abzielt.“ Das ist die simple Erklärung. „Wir genau wir solche Ideen technisch umsetzen und welches Equipment wir dafür nutzen, ist nun wirklich egal und interessiert sowieso niemanden. Gerade heutzutage, wo jeder 13-Jährige fettere Musik auf seinem Handy programmieren kann als jemand in einem Profistudio mit tausenden Dollar an Technik, geht es wirklich nur noch ums Ergebnis.“

So grandios pragmatisch denken Health auch, was ihre Texte betrifft. Death Magic geht Hedonismus und Tod so klug und vorurteilsfrei an wie die besten Ratgeberkolumnen. „Follow your lust/ There’s no need for forgiveness/ Do what you want/ But don’t hurt the ones you love“, heißt es beispielsweise in der fantastischen Pet-Shop-Boys-im-Untergrund-Technoclub-Hymne Flesh World, und Duzsik meint damit genau das. „Ich will, dass jeder versteht, was ich meine“, sagt er. „Ich will nicht, dass die Leute rätseln müssen, wovon ich rede. Wenn ich sagen will, dass das Leben komisch ist und wir sterben werden, dann kann ich mir dafür irgendwelche wirren Metaphern ausdenken, oder ich sage es einfach ganz direkt.“ Leben, Sterben, Feiern, Schläge ins Gesicht. So wie Health trifft das sonst niemand.

Erschienen in Visions 270, 2015