Messer - Jalousie

Trocadero/Indigo/19.08.2016

Applaus für den Graben zwischen Auftritt und Betretenen. Messer führen dem Postpunk die Theatralik vor. Um das bis zum Erbrechen zu wiederholen: Gekünstelter als Flanellhemden und breitbeinige Gitarrenposen ist der kunstvolle Postpunk nicht, höchstens wahrhaftiger. „Wir suchen eine neue Sprache, die uns erzählt und uns entspricht“, singt Hendrik Otremba das auf dem dritten Album seiner Gruppe Messer, und er klingt, als haben sie schon viel davon gefunden. Die Zackigkeit, für die man solche Kellermusik hört, ist immer noch da, und er schreit dazu so ungeduldig gegen den kahlen Beton, wie man das schon von Im Schwindel und Die Unsichtbaren kennt. Aber diesmal stellen sich Messer damit ein deutliches Stück vom Publikum weg, um dort ein Drama aus Orgeln, Rasseln, Lust und Schmerz aufzubauen. Kein Raum mit Plattenspieler und Buch mehr, den man als Einladung missverstehen könnte, stattdessen hochtrabendes Theater, das Sachen und Fragen erst mal außer Reichweite platziert. Die Band traut sich sowas seit Konzeptauftritten zu Romy Schneider und Boris Vian, und sie kann es, weil sie weiß, wie Liebe, Angst und Lügen klingen können. Es gibt stückeweise Groove auf Jalousie, flickernde Elektronik, Dröhnklaviere, rollendes Getrommel und Punkschlagzeug, alles grandios zweckmäßig, sodass man das Album nicht trotz seiner ganzen Ideen hören kann, sondern deswegen. Arty Gedankenanstoß für alle Feindseligen: Das muss gar nicht jedem gefallen, deshalb ist es ja Punk.

9/12

Erschienen in Visions 281, 2016