Modern Pain - Peace Delusions

Bridge 9/Soulfood/4.9.2015

Als hätte jemand eine Zeitkapsel im Dischord-Vorgarten entdeckt — und sie dann ins All geschossen. Was ist da denn los? Das können nur Modern Pain selbst beantworten, allerdings eher theoretisch, weil die Band aus Dallas praktisch hochbeschäftigt damit ist, ihren 80er-Jahre-Hardcore-Punk durch schwarze Löcher zu manövrieren. Immer wieder geht es auf Peace Delusions so klar und direkt und wütend voraus, als hätte noch niemand irgendwelche Präfixe fürs Genre erfunden, nur um dann aufs halbe Tempo zu drosseln und sich plötzlich im psychedelischen Walleraum wiederzufinden, wo Krach und Dreck alle Regeln der Schwerkraft hintergehen. Was bloß niemand auf schwebende Gedanken bringen sollte, schließlich gibt es da noch die merkwürdigen Sludge-Parts, die alles am Boden halten. Durcheinander genug? Niemals! Modern Pain bringen keine Ordnung in ihre hämischen Sturzflüge durch alle Dimensionen, aber sie navigieren so klug, dass man sich nicht entziehen kann. Bleibt nur die Frage, zu welchem Anlass man sich mit so einem siebenäugigen, neunarmigen, haarigen, geteerten und gefederten und mit allen Schmutzwassern getränkten Biest auseinandersetzen will. Aus dem rhythmischen Kopfnicken werfen sie einen ja immer gerade dann wieder raus, wenn man halbwegs sicher drin ist; und zum metallischen Fäusteballen geht es dann doch wieder zu kopflos die Wände hoch. Vielleicht demonstriert es die Figur auf dem Cover schon am besten: Peace Delusions ist das Album, das man hört, wenn man seinen Unterkörper gerade verlegt hat und sich zur Erholung zwischen lauter schreiend komischen Formen auf einen wabernden Kreis stützt, um ihm die Geheimnisse des Lebens abzuhypnotisieren.

8/12

Erschienen in Visions 270, 2015