Shakers gonna shake

Wer sich im Poppunk-Revival der letzten paar Jahre am lebendigsten gefühlt hat, weiß natürlich längst, dass es neben fröhlichen Amis auch hier Bands gibt, die flotte Hooks über politische Unzumutbarkeiten schreiben. Falls es doch jemand verpasst hat: NO WEATHER TALKS haben jetzt auch ein Album.

No Weather Talks mit Flicke (Mitte)

„Ja, es ist tatsächlich das erste Album“, sagt Flicke und lacht. „Es kommt uns selbst auch so vor, dass es relativ lange gedauert hat, aber die letzten drei Jahre haben wir einfach immer direkt EPs rausgehauen, sobald wir neue Songs hatten. Wir wollten möglichst viel live spielen, deshalb ist ein Album immer wieder nach hinten gerückt.“ Das Paradoxon der Band, die gefühlt ständig an allen Ecken unterwegs ist und dafür eigentlich schon viel mehr als hier und da je vier Songs veröffentlicht haben müsste. War nicht so, ist es jetzt aber mit Undoing Defeat, das in unter einer halben Stunde elf Mal eingängigsten Poppunk (plus ein Intro mit dem nicht so eingängigen Namen The Poetry Of A Life Rediscovered Will Put An End To The Deadly Stranglehold Of The Commodity) versammelt.

Stillgesessen haben No Weather Talks dafür natürlich auch nicht. „Die Songs entstehen fast alle in unserem Proberaum in Hamburg, auch wenn unser Bassist Mäxchen und ich inzwischen in Kiel wohnen. Für das Album haben wir aber letztes Jahr auch eine kleine Klassenfahrt nach Schleswig gemacht und uns da für ein Wochenende im Proberaum unserer Freunde The One eingerichtet, was uns sehr weitergebracht hat.“ So direkt das Ergebnis klingt, so viele kleine Umwege stecken heimlich dahinter. In A Scene Less Sinister etwa, dem musikalisch düstersten Song des Albums, der lange noch keine Ballade oder sonstwie wirklich deprimierend ist, zu dem man aber langsamer die Arme schütteln muss als zu den anderen. „Ich schreibe die Texte zwar relativ unabhängig von der Musik“, sagt Flicke, „aber ich mische mich dann schon sehr ein, was Songstrukturen und Stimmungen angeht. Vor allem mit unserem Gitarristen Jens rede ich viel darüber, wie ich mir Songs vorstelle, weil ich selbst zum Beispiel gerade bestimmte Sachen höre.“ Ihr gemeinsamer Nenner bleibt dabei meist die grundsätzliche Beweglichkeit. „Aufgewachsen bin ich auf jeden Fall mit Poppunk und Emopunk, ansonsten höre ich aber auch viel garagigen Kram aus den 60ern. Und im Sommer habe ich regelmäßig eine Northern-Soul-Phase.“

Nun, da der emotionale Poppunk in den letzten Jahren ein kleines bis größeres Revival erlebt, müsste es für No Weather Talks also eigentlich ganz fix nach oben gehen. Schließlich füllen aus den USA eingeflogene Bands mit genau solchen unwiderstehlichen Hooks, genau so viel smarter Korrektheit und knuddeliger Unkorrektheit regelmäßig die kleinen Clubs bis knapp über Kapazität. „Da haben wir auch schon öfter drüber nachgedacht“, sagt Flicke. „Wir haben festgestellt, dass in Deutschland viele amerikanische Bands wie Iron Chic total abgefeiert werden, aber Bands aus Deutschland wie uns oder Modern Saints oder all den anderen gegenüber nicht so eine Aufgeschlossenheit da ist. Schon komisch.“ Aber auch kein endgültiges Hindernis. Gerade steht die erste Tour durch England an; im Herbst geht es zum vierten Jahr in Folge zum Fest nach Gainesville. Für die Sängerin ist es sogar schon das sechste Jahr. „Ich bin irgendwann durch Freundschaften in der Stadt und in diesem Fest-Klüngelkreis gelandet. Dadurch ist dann auch für die Band die Verbindung zum Fest und zu No Idea entstanden.“ Das Traditionslabel veröffentlicht Undoing Defeat auch fürs dankbare Ami-Publikum, für das die norddeutsche Band längst zur Familie gehört. Wobei No Weather Talks darauf achten, ihre Texte über Sexismus, Rassismus und sonstwie Unerträgliches nicht ständig nur denen hinzuschleudern, die sowieso schon Bescheid wissen. „Natürlich halten wir uns vor allem da auf, wo wir uns wohlfühlen“, sagt Flicke. „Da ist Punk auf jeden Fall auch ein Schutzraum. Andererseits kann man sich so leicht in der Nische festtreten. Es ist schon cool, mal ein Konzert nicht im besetzten Haus, im Jugendzentrum oder im Punkclub zu spielen. Auch wenn es anstrengend sein kann, vor bierseligem Wochenendpublikum in der Kleinstadtkneipe zu stehen, und nach dem Konzert glauben alle männlichen Menschen, mich anfassen zu dürfen. Das passiert in der Roten Flora natürlich nicht.“

Erschienen in Visions 269, 2015