The Next Generation

Warum etwas ausloten, wenn man es danach nicht sprengen will? Wenn man MESSER aus Münster fragt, dann sind sie nur vier Kumpels, die den Punk ein bisschen einladender gestalten, indem sie seine Grenzen einreißen. Wenn man die Grenzwächter fragt, tragen Messer doofe Handschuhe und machen konzeptuellen Kunstpop für Besserwisser. Die Wahrheit liegt in der Zukunft.

Messer: Pogo McCartney, Pascal Schaumburg, Philipp Wulf, Hendrik Otremba, Manuel Chittka (v.l.n.r.)

Den charmantesten kleinen Streich des Literaturjahrs hat sich Marisha Pessl schon 2009 geleistet. Damals war die amerikanische Autorin für eine Gastvorlesung an die Lenoir-Rhyne University geladen worden, um den Studenten zu erzählen, woher sie die Inspirationen für ihren drei Jahre vorher veröffentlichten Debütroman Die alltägliche Physik des Unglücks und eventuell irgendwann mal folgende zog. Pessl schloss ihren souveränen Vortrag, indem sie den amerikanischen Filmregisseur Stanislas Cordova zitierte, der 1986 mal auf die Frage nach der allgemeinen Beliebtheit seiner Filme geanwortet hatte: „Ich weiß es nicht, ich lasse das Publikum sich einfach leise selbst ausspionieren.“ Was niemandem im Hörsaal auffiel: Den amerikanischen Filmregisseur Stanislas Cordova gab es überhaupt nicht. Pessl erweckte ihn erst 2013 in ihrem zweiten Roman Die Amerikanische Nacht zum Leben. Als sie viel später in einem Interview zum Buch gefragt wurde, warum sie ihren Protagonisten damals heimlich in die Vorlesung schmuggelte, antwortete sie, sie habe sich schon lange mit ihm beschäftigt, die Welt sei eben immer im Fluss und das doch eine sehr komische Sache.

Die charmantesten kleinen Streiche der Musikzukunft leisten sich Messer. Wer die CD ihres neuen Albums Die Unsichtbaren aus ihrer Hülle nimmt, findet unter dem Plastik vier Zeilen Zitat. Nur stammen die nicht, wie man meinen könnte, aus einem der zehn Songs des Albums, sondern von einem der nächsten, den es noch überhaupt nicht gibt. „Wir haben immer versucht, Korrespondenzen zwischen den Alben herzustellen“, sagt Schlagzeuger Philipp Wulf. „Man denkt immer, eine Band macht ein Album und ist zum nächsten dann schon wieder ganz woanders. Dabei ist das etwas Fließendes. Mir gefällt der Gedanke besser, sie nebeneinander zu stellen und das Gesamte zu sehen, statt ein neues Album als eine Form von Korrektiv zu verstehen. Die alten Sachen sollen ja nicht verschwinden, nur weil es neue gibt.“

Zum Verschwinden haben die alten Messer-Sachen noch kaum Zeit gehabt. 2011 erschien das erste Demotape der Münsteraner, Ende 2012 das erste Album Im Schwindel. Wulf und Gitarrist Pascal Schaumburg kannte man bis dahin aus der sehr guten Hardcore-Band Ritual, Bassist Pogo McCartney unter anderem aus der sehr guten Hardcore-Band Dramamine und Sänger Hendrik Otremba als bildenden Künstler und Covermaler für unter anderem sehr gute Hardcore-Bands. Mit Messer fingen sie gemeinsam woanders an, weit weg von der ideologischen Direktheit und nah dran an einem schrofferen Kunstbegriff, der flexible Namen (Wulf beispielsweise nennt sich je nach Stimmung Weynberg oder Woste, die anderen heißen auch nicht unbedingt von Geburt an so, wie es jetzt irgendwo steht), poppige Effekte und selbstreferenzielle Songtitel erlaubt. Im Schwindel besteht aus kantigem Postpunk zwischen Sonic Youth und Joy Division, in dem Otremba etwa Mutmaßungen über Hendrik anstellt oder in unter zwei Minuten skandiert, er wolle „nur einen Raum mit einem Plattenspieler, eine Matratze und ein Buch, und ihr seht mich nie wieder“, nicht unbedingt die schulterschließendsten Sätze, die man einem Publikum entgegenschleudern kann. Das reicht für Reibung und Verstimmungen, noch irritierter reagieren manche nur noch, wenn es zudem eingängig wird. „Neulich kam Neonlicht raus“, erzählt McCartney, „und wir haben in Darmstadt in der Oetinger Villa gespielt, wo wir mit unseren jeweiligen Punkbands schon oft gespielt haben. Und da hört man dann von Leuten: ‚Nee, Neonlicht ist so eine scheiß Popnummer, da geh ich nicht mehr hin.‘“ Otremba nickt. „Die fanden auch das mit den Handschuhen doof und meinten, das geht gar nicht.“ Er redet von den schwarzen Lederhandschuhen, die er im Video zur ersten Single des neuen Albums zum fiesen Schnäuzerflaum und roten Augen trägt und die nicht unbedingt den Eindruck ausräumen, da halte sich gerade irgendein Kerlchen für Ian Curtis, Freddy Mercury und einen heranwachsenden 80er-Cop in Personalunion, den coolsten Typen im Universum also, und das auch noch zu so einer synthieglatten Nummer mit so hochgestochenem Text über Masken und Beton. Dabei ist das alles gar nicht so gemeint, sagen Messer.

„Natürlich dient diese Band auch dazu, eigene Rahmen und eine Haltung, die einem vielleicht durch Punk aufgesetzt wird, zu sprengen“, sagt McCartney. „Aber wenn man dadurch Leute ausgrenzt, dann entscheiden die Leute das selber.“ Schaumburg schließt an: „Eigentlich ist der Antrieb, sich möglichst weit zu öffnen und möglichst viele Leute einzuladen. Es soll nicht jedem gefallen, aber es soll auch nicht abstoßend sein.“ Und Otremba: „Natürlich grenzt man sich von Sachen ab, aber nicht von Leuten. Wir wollen ja gehört werden, dazu machen wir das ja. Es freut mich voll, wenn das Leuten gefällt, das bedeutet mir viel. Ich gucke auch voll gerne ins Publikum, wenn wir Konzerte spielen, manchmal ist das Licht ja so, dass da nicht nur eine schwarze Wand ist. Und manchmal kann man bei den Leuten in den Augen sehen, dass da was ankommt. Und das ist voll schön. Die Leute kennt man nicht, vielleicht sieht man die nie wieder, vielleicht unterhält man sich nicht mit denen, vielleicht doch, aber man hat das Gefühl, für eine Dreiviertelstunde findet da eine Verbindung statt, und das ist wunderschön.“

Messer sind sehr aufmerksame Gesprächspartner. Am Vorabend haben sie ein Konzert in Leipzig gespielt, standen dann den halben Tag im Stau und sitzen jetzt zum Interview auf dem Equipment, das sie gerade ausgeladen haben. Für die ersten Fotos haben sie sich schon vor ihrer Proberaumwand von der Fotografin hin und her schieben lassen, die Mäntel wollten sie trotzdem nicht gemeinschaftlich ausziehen, weil das so einen guten Bruch ergibt, und während des Gesprächs muss jeder noch mal einzeln raus, Porträtaufnahmen machen, trotzdem kommt keine Unruhe auf. Zwar haben sie mit Hendrik Otremba einen charismatischen Sänger, der kluge Sachen sagt, aber das heißt nicht, dass die anderen das nicht können. Messer lassen sich ausreden, fragen beieinander nach, widersprechen sich auch mal: „So würde ich das nicht sagen, das ist vielleicht nicht das richtige Wort.“ So geht ganz selbstverständliche Banddemokratie, so geht vor allem Postpunk im sich selbst ständig hinterfragenden, sich auf nichts ausruhendem Sinne — auch wenn die Band selbst das Etikett nicht immer ganz so gerne mag. „Ich finde, Postpunk ist einerseits ein cooler Begriff, weil er alles Mögliche sein kann“, sagt Otremba, „und wenn man sich anguckt, welche Bands von früher mit dem Begriff verbunden werden, dann sind das alle möglichen verschiedenen Bands, die in ganz andere Richtungen gegangen sind. Aber Postpunk bedeutet andererseits auch immer so etwas Vergangenheitsgewandtes, das hat immer mit Retro zu tun, und wir interessieren uns ja für die Gegenwart und die Zukunft genauso. Klar klingen manche Sachen wie aus den 80ern, aber wir wollen auch aktuell sein und was erfinden. Wir wollen originell sein, nicht immer, aber manchmal.“

Die Gegenwart von Messer entstand im Fluss, genau hier. „Als wir aus Berlin von den Aufnahmen zu unserem ersten Album wiederkamen“, erzählt Wulf, „sind wir in den Proberaum gegangen und haben gesagt: Was machen wir denn jetzt? Die neuen Stücke spielen, die wir aufgenommen haben? Darauf hatten wir keine Lust. Und dann hatte Pascal ein neues Effektgerät und plötzlich stand da so ein orgeliger, synthiemäßiger Sound im Raum, mit dem wir einfach angefangen haben. So ist dann Neonlicht als erster Song entstanden.“ Otremba ergänzt: „Wir haben alle wow gesagt, und wenn alle wow sagen, dann ist man immer gut beraten, dem Gefühl zu folgen. Wenn alle spüren, das ist was, dann ist es meistens auch so.“ Und McCartney: „Die erste Assoziation war Star Trek: The Next Generation. Und da wussten wir, das kann nur geil sein.“ Wüsste man nicht vom verwobenen, nichtlinearen Flow von Messer, man würde den düsteren Discosong Neonlicht für das jüngste Stück einer Reihe halten. In Wahrheit steht es auf Die Unsichtbaren zwischen neun anderen, die mal so eckig und knapp klingen wie die Sturzgeburt des Postpunk und mal so euphorisch schön wie die glücklichen Minuten von The Cure. „Ich finde, dass das Album extremer geworden ist“, sagt Otremba. „Mit der ersten Platte haben wir uns an einen Messer-Sound angenähert, jetzt kannten wir unsere Art, Stücke zu machen, besser und sind extremer von diesem Pfad in bestimmte Richtungen gegangen, haben sie aber auch wieder zurückgeführt. Ich finde, die zweite Platte ist heterogener. Es gibt aber kein großes Nachdenken darüber. Wir lassen einfach Dinge passieren, es gibt nicht das Konferenzzimmer Messer, wo beratschlagt wird, mit was man rausgeht und mit was nicht. Wir machen einfach.“ McCartney: „Der Zufall spielt eine größere Rolle als man vielleicht denkt. Das ist wie bei vielen anderen auch, man hat Kumpels, mit denen man Musik macht, und es kommt halt raus, was da raus kommt.“ Otremba: „Es ist aber schon so, dass wir ein Gefühl dafür haben, was man aus Zufällen so machen kann.“ McCartney: „Vielleicht ist Zufall auch das falsche Wort. Ein Song passiert ja nicht so, wie einem ein Vogel auf den Kopf scheißt, man schreibt ja Sachen und baut ein Gerüst, das kommt ja nicht aus dem Nichts. Aber es gibt keine stringenten Rahmenbedingungen, kein intellektuelles Konzept, das erfüllt werden muss, so wie viele das vielleicht denken.“ Wie da bloß alle immer drauf kommen? „Keine Ahnung. Wir denken uns auch manchmal, was würden die Leuten wohl sagen, wenn sie wüssten, was wir für Quatsch machen, wie albern wir sind und dass wir auch mal Fußball gucken.“

Tatsächlich passen Fanschals, Pommes und Diskussionen übers passive Abseits nur ganz schwer ins Konzept, das Messer selbst von sich nicht haben. Dass sie doch so oft einen hochgebildeten Eindruck hinterlassen, liegt ja nicht nur an ihrer störrischen Musik, an den Hemden und Trenchcoats und den klugen Antworten, sondern auch an Otrembas Texten, die so weit weg sind von allem, was man sonst so sagt. Platzpatronen, Das Versteck der Muräne, das sind elegante bis bemerkenswerte Songtitel, aber keine Wörter für jeden Tag. „Ich stoße manchmal auf Wörter, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie Messer-Wörter sein können“, sagt Otremba. „Es gibt für mich relativ unbewusste Kriterien für ein Vokabular, das zu Messer passt. Manchmal schreibe ich mir nur ein Wort auf und weiß später gar nicht unbedingt um den Zusammenhang, so wie bei ‚Platzpatronen‘. Manchmal habe ich auch auf einmal das Gefühl, ich muss mich gerade hinsetzen, und dann schreibe ich fünf Strophen und einen Refrain runter und dann dauert das nur fünf Minuten.“ Wulf hängt an: „Es ist ein Versuch, die Texte dem Sprachpragmatismus des Alltags zu entheben.“ Trotzdem gilt auch für Messer-Texte, was die allermeisten kumpeligen Bands über ihre Songs sagen: Was zählt, ist was die Leute auf dem Platz draus machen. Interpretieren darf das jeder für sich. „Das muss man sogar“, sagt McCartney. „Das ist ja ein Grundrecht. Eine Deutungshoheit gibt es nicht.“ Und offen bleibt sowieso jede Menge. Was aus dem Song aus der CD-Hülle wird und wann. Ob man Messer für Kunst oder Punk oder keins davon halten will. Wie wenig sie selbst wirklich dafür können. Und welche Streiche sie noch spielen werden. Hendrik Otremba lässt sich nicht hinreißen: „Es geht uns nicht darum, Wahrheiten zu verkünden. Da stehen immer eher Fragezeichen.“

Erschienen in Visions 249, 2013