The Visible Band

Ihre Lieder handeln von ramponierten Herzen und heimlichem Schwärmereien, als gäbe es nichts wichtigeres auf der Welt. Dabei wissen Tegan And Sara sehr wohl, dass es anders aussieht, und halten dafür gerne die Gesichter hin.

(v.l.n.r.) Tegan und Sara Quin

Wenn sie abends auf der Bühne stehen, die Reeperbahn weit hinter sich, davor 700 Köpfe mit Zwillingsfrisuren, die inbrünstig mitsingen, was offiziell noch gar nicht draußen ist, wenn sie lustige Tourgeschichten erzählen und jede gerufene Liebeserklärung grinsend kontern, wenn Tegan mit „Hell“ den jüngsten Hit rausholt und Sara die zweite Strophe ihres „Sentimental Tune“ erst verhaut und dann ganz locker rettet, als hätte sie die Gänsehaut nur besser vorbereiten wollen, wenn überall die Flyer einer lokalen Mädchenband herumliegen, die darauf grimmig von unten in die Kamera guckt, jetzt gerade aber noch lauter lacht als alle anderen, dann versteht man die Männer vielleicht schon ein bisschen.

„Ich habe mich gerade erst mit den Jungs aus der Band darüber unterhalten,“ sagt Sara ein paar Stunden vor dem Konzert beim Kekseessen. „Ich wollte wissen, ob sie sich als Feministen bezeichnen würden und sie haben wahnsinnig herumgedruckst. Die meisten Männer verstehen nicht, warum mir das so wichtig ist. Ich werde immer gefragt, wovor ich — eine selbstbewusste Frau, die in vielen Situationen das Sagen hat — denn bitte Angst habe. Und ich erkläre ihnen dann, dass ich Angst davor habe, dass Männer mir rein körperlich überlegen sind. Da kann ich so erfolgreich und selbstsicher sein, wie ich möchte — wenn ein einziger Typ mir was will, dann war’s das. Ich bin knappe einssechzig, wiege 45 Kilo, was soll ich da machen? Mir wird gesagt, dass es albern ist, nachts Angst zu haben. Aber wovor ich Angst habe, sind Statistiken. 50 Prozent aller Frauen, die nachts alleine herumlaufen, werden belästigt, angegriffen oder vergewaltigt. Das ist wie eine Epidemie. Das ist so viel angsteinflößender als die Schweinegrippe oder HIV oder Waffen oder Autounfälle. Von uns zwei Frauen, die wir jetzt hier sitzen, wird wahrscheinlich einer etwas Schlimmes passieren. Darüber denken Männer lieber nicht nach. Aber das sollten sie. Gerade weiße, heterosexuelle Männer müssen sich mit uns verbünden. Darüber habe ich mit der Band gesprochen. Ich will nämlich ein neues Tegan-And-Sara-T-Shirt machen, auf dem ‚I’m a feminist‛ steht.“

„Be a role model“ gibt es schon und daneben unzählige Modelle mit den Köpfen, Körpern und natürlich Namen der Schwestern. Es fällt schwer, Tegan And Sara, die Band, von Tegan und Sara, den Menschen, zu trennen, und beide von den Fans, die ihnen seit zehn Jahren nicht von den Seiten weichen. 1999 erschien das Debüt „Under Feet Like Ours“, eine Singer-Songwriter-Platte auf eigenem Label; das sechste Album „Sainthood“, von Um-die-Ecke-Synthiepop und lautem Rock inspiriert, produziert von Chris Walla von Death Cab For Cutie und mit einer dicken Plattenfirma im Rücken vermarktet, verkauft noch vor dem Erscheinen Touren aus. Die perfekt eingängigen Liebeslieder sind dabei eine Sache; die andere sind Filme, Kapuzensweatshirts, Bilder. Zeitgleich mit dem neuen Album erscheinen die drei Fotobücher „On“, „In“ und „At“; im Internet gibt Saras neuestes Videoprojekt „Reflections“ (im Spiegel gefilmt) Einblicke hinter die Kulissen der laufenden Europatour. „Wir wollen eine visuelle Band sein“, sagt Sara. „Wir wollen mehr sein als nur Musik. Ich will, dass die Leute vor unserem Merch-Tisch stehen und sich nicht entscheiden können, weil alles toll ist. So wie ich früher. Ich habe mein ganzes Geld gespart und auf Konzerten dann alles gekauft, was es gab. Ich habe die Sachen nicht mal angezogen, sondern mir nur in den Schrank gehängt und mich darüber gefreut, dass ich einen Teil meiner Lieblingsband für mich hatte.“ Dass sie selbst so viel von sich zeigen ist dabei auch ein Mittel, um die Grenze zu ziehen. „Solange wir bestimmen, was wir an die Öffentlichkeit geben, ist das okay. Im ersten Teil von ‚Reflections‛ komme ich gerade aus dem Bus, habe Klamotten an, in denen ich vorher joggen war und fettige Haare. Aber es ist meine Entscheidung, das zu zeigen. Ganz anders, als wenn jemand mir auflauert und ein Foto will und ich keine Ahnung habe, was dann damit passiert. Es geht nicht darum, dass ich eitel bin, sondern darum, dass ich keine Kontrolle habe. Als Popband, egal wie indie oder underground, ist man immer auch eine Marke und die braucht nun mal ein Gesicht. Dazu gehören dann auch diese ‚Behind The Scenes‛-Sachen, die ja spätestens seit Madonna und Depeche Mode völlig normal sind und einem meist gar nicht mehr so hintergründig vorkommen. Dahinter ziehe ich dann die Grenze. Mein Privatleben bleibt privat. Ich würde selbst nie jemandem in einem Restaurant um ein Autogramm bitten. Nie. Das interessiert mich überhaupt nicht.“

Wenn sie nicht zusammen touren, leben Tegan und Sara nicht einmal in derselben Stadt. Sara schreibt ihre Songs in Montreal, Tegan in Vancouver. Trotzdem bleiben ihre Themen immer gleich und ergänzen sich gegenseitig. Beim letzten Album „The Con“ war Sara noch mit Emy Storey zusammen, die für das komplette Artwork, sämtliche T-Shirts und sogar die Signature-Skateschuhe der beiden verantwortlich ist, während Tegan Single-Songs schrieb. Auf „Sainthood“ nun ist Tegan vergeben und Sara weint einer unerwiderten Liebe nach. „Damit bin ich überhaupt nicht klargekommen,“ lacht sie jetzt. „Ich dachte immer, wenn ich etwas oder jemanden wirklich will, dann kriege ich es auch. In der Schule bin ich mal einem Mädchen drei Jahre lang hinterhergelaufen — drei Jahre! — und war dann auch wirklich mit ihr zusammen. Das war jetzt eins der ersten Male, dass es einfach nicht klappen wollte. Ich hatte richtig schlimmen Liebeskummer.“ So traurig das auch klingt und so hübsch verquer sie über ihre „Alligator Tears“ singt und übers Warten neben dem Telefon, so wenig geht doch die Frage weg, wo bei all diesem Herzschmerz die andere Sara bleibt. Die, die mit tausend anderen Frauen für „Take Back The Night“-Demos auf die Straße geht und sich ehrenamtlich bei frauenpolitischen Organisationen engagiert. Die mit dem FeministInnen-T-Shirt im Kopf und der Wut im Bauch, die doch immerhin auch ein Gefühl ist. „Darüber habe ich letztens mit meiner Mutter gesprochen,“ sagt sie. „Und ich glaube, die Musik ist für mich die eine Sache, bei der ich nicht wütend sein will. Ich war ein wahnsinnig wütendes Kind. Meine Mutter hat in einem Frauenhaus gearbeitet, als ich in der Grundschule war. Ich war wütend auf alles, auf die Ungerechtigkeit von allem. Ich war ein lesbisches Mädchen in einer homophoben kanadischen Kleinstadt. Ich war sauer und frustriert. Musik war das einzige, bei dem es nicht um Wut ging, sondern um ganz simple romantische Gefühle. Ich mag dich, du magst mich nicht, also schreibe ich dir einen Song, damit du mich magst. Musik ist mein Rückzugsort. Ich bin ein sehr politischer Mensch und ich könnte leicht Songs darüber schreiben, wie scheiße alles ist. Aber ich will das nicht in meine Kunst lassen.“ Ein bisschen muss sie aber, allein schon, um ihrem Publikum die T-Shirts zu erklären. Und dann, um selbst nicht zu vergessen, dass nicht jede (Indie-)Popstar ist und sich ignorante Menschen einfach vom Hals halten kann. „Es ist manchmal schwer, nicht zu sehr in unserer eigenen kleinen Welt zu stecken. Wenn jemand, der für uns arbeitet, etwas homophobes oder rassistisches oder sonstwie idiotisches sagt, können wir ihn einfach rauswerfen. Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern, dass die meisten Leute in unserem Publikum das nicht können. Für viele Leute ist das Leben verdammt hart, sie müssen jeden Tag um Respekt kämpfen. Sie brauchen Verbündete. Deshalb haben wir queeres Merchandising. Und darum haben wir die FeministInnen-T-Shirts. Viele Leute vergessen, dass nicht nur wir Role Models für unser Publikum sind, sondern unser Publikum auch für andere. Gerade auch die, die nicht lesbisch, schwul oder indie sind. Wir können ja nicht die einzigen Role Models sein.“

Erschienen im Missy Magazine, 2009