Mag Sachbücher — am liebsten in ganz kurzen Auszügen: Blinkist-Gründer Holger Seim.

Produktentwicklung

Ein Service für mobiles Lernen

„Wir verdienen Geld mit digitalen Inhalten”, fasst Holger Seim seine Startup-Idee schnörkellos zusammen. Der Gründer von Blinkist verfolgt mit seinem digitalen Geschäftsmodell eine klare Vision: ein Service für mobiles Lernen im Alltag. Im Interview mit bsa erklärt er, wie er das Produkt entwickelt:

Oct 26, 2015 · 6 min read

Alle 60 Sekunden erscheinen neue Zahlen auf dem Monitor, der in der Mitte des Büros hängt. Gewonnene Kunden (eine große Zahl), verlorene Kunden (eine sehr kleine Zahl), eine Weltkarte mit Punkten (aktive User) — bei Blinkist weiß man immer, wer gerade wo mitliest. Aktuell 500.000 registrierte Nutzer in mehr als 150 Ländern. Holger Seim, 31 Jahre alt, hat das Startup, das Sachbücher in kurze, aber fundierte Snippets zusammenfasst, zusammen mit drei Mitgründern 2013 aus der Taufe gehoben.


Holger, zu erst die wichtigste, grundlegende Frage: Wie stampft man ein dickes Sachbuch in 15 Minuten Text?

Wir fangen immer mit der Kernaussage an. Dann liefern wir Argumente, die die Kernaussage stützen. Dabei versuchen wir alles mit Beispielen, Metaphern, eben möglichst visueller Sprache zu erzählen. Das hilft beim Behalten. Wir bedienen uns aber immer im Buch. Die spannendsten Aussagen und Beispiele holen wir nach vorne und bauen daraus eine Struktur, die möglichst verständlich ist. Und wir müssen auswählen, was wir wichtig finden und was nicht. Das ist natürlich subjektiv.

Habt Ihr einen Masterplan für so eine Zusammenfassung?

Unsere um die 80 freien Autoren haben einen Leitfaden, was einen „Blink“ ausmacht — so nennen wir unsere Texte. Also was warum relevant ist, wie man das möglichst objektiv beurteilen kann.

Was warum für den Blinkist-Kunden relevant ist — das wird bei Blinkist mit viel Intelligenz überprüft.

Warum eigentlich Sachbücher? Wissen gibt es ja in den verschiedensten Formaten.

Ein Buch hat einfach einen sehr hohen Wert, eine Aura. Man glaubt: Wenn ich das alles lesen könnte, wäre ich so schlau wie diese Bücher. Wir denken aber natürlich auch über andere Medien nach.

Ihr könntet ja eigentlich einfach ein multimedialer Trichter sein, durch den Wissen kommt.

Unsere Vision für Blinkist ist: Ein Service für mobiles Lernen. Mit Betonung auf mobil. Wenn man sich die Landschaft der Lernangebote anschaut, sieht man, dass sich das zunehmend digitalisiert. Beispiel Sprachen: Früher hat man einen VHS-Kurs gemacht, oder sich Kassetten und Bücher gekauft. Heute gibt es für Anbieter wie Babbel oder Duolingo einen riesigen digitalen Markt. Alles, was deine „vocational skills“ fördert, dein Allgemeinwissen fördert, wird jetzt zu einer eigenen Kategorie. Und dafür gibt es noch kaum Anbieter. Es gibt zwar jede Menge Web-basierter Angebote. Aber wenig funktioniert auf Smartphones oder Tablets und passt in die gängigen Nutzungsszenarien. Wir sind also der Dienst, mit dem du dich unterwegs weiterbilden kannst.


„Wenn man sich die Landschaft der Lernangebote anschaut, sieht man, dass sich diese zunehmend digitalisiert.” — Holger Seim


Keine Lust, auch Fiktion anzubieten?

Romane bieten uns keinen Markt. Denn mit einer Abkürzung nimmt man die Spannung der Geschichte weg. Das würde höchstens bei alten Schinken funktionieren, bei Klassikern, die man nicht ganz lesen mag.

Wollen Lernen leichter machen: Die Gründer von Blinkist.

Gab es denn den einen Moment der genialen Idee, als einem von euch ein dickes Sachbuch auf den Fuß gefallen ist und Ihr dachtet: „Das muss anders gehen?“

Mein Mitgründer Sebastian, der heute auch für die Inhalte verantwortlich ist, hat immer schon viele Sachbücher gelesen und sich Notizen dazu gemacht. Irgendwann hat er die an Freunde geschickt, damit die auch was von seiner Lektüre haben. Die fanden das super. Also dachten wir: Es gibt bestimmt Leute, die dafür bezahlen würden. Wir haben dann erst mal 15 Bücher zusammengefasst, und die im kleinen Kreis herumgezeigt. Das Feedback war gut. Logisch, denn fast niemand würde sagen: Nein, ich will nicht lesen, ich will nichts Neues lernen. Und so fanden die Investoren das auch gut.

Was ist das wichtigste, damit Leute so einen Lern-Service auch wirklich nutzen?

Selbst wenn man Inhalte zusammendampft, ist und bleibt Lernen ein Schweinehund-Thema. Es gibt immer eine Alternative, die einfachere Belohnung verspricht. Kurz mal Facebook checken bringt gefühlt schnellere Befriedigung bei viel weniger Investment. Die Herausforderung für uns war: Der Einstieg muss niedrig sein, die Belohnung muss schnell kommen. Bei uns hat man in einer Minute lesen schon ein Kapitel geschafft. Und etwas gelernt. Das könnte man noch gamifizieren und interaktiver gestalten. Was wir außerdem schon wissen: Audio ist deutlich einfacher für die Nutzer. Die Audio-Nutzer konsumieren 50% mehr Inhalte als Nutzer, die nur lesen.

Warum ist das so?

Es gibt einfach mehr Nutzungsszenarien für Audio. Beim Sport oder beim Autofahren. Und man kann es laufen lassen, kurz aussteigen, dann wieder weiter zu hören. Das geht beim Lesen nicht. Noch wichtiger: Wissen muss relevant sein. Es muss mir etwas bringen, sofort, für mein Leben. Je nutzwertiger Inhalte sind, desto eher bleiben die Leute dran. Und wenn es nur eine richtig gute Story für die nächste Party ist. Dieser Aha-Moment, etwas gelernt zu haben, ist der größte Endorphinausschütter.

Volle Konzentration im Büro von Blinkist .

Wie gut kann man dieses Erlebnis individualisieren?

Wir entwickeln gerade eine „Recommendation Engine“, wie bei Amazon: „Wenn du dieses Buch magst, dann …“ Im zweiten Schritt können wir bei Anmeldungen über Facebook oder LinkedIn die dort angegebenen Daten einbeziehen. Im besten Fall sind die Empfehlungen perfekt, ohne dass man etwas davon merkt. Grundsätzlich legen wir Wert darauf, Kanal und Inhalt zusammen zu denken. Wir pressen keinen Inhalt irgendwo rein. Unsere Kunden bekommen auf jedes Gerät die optimale Form des Inhalts.


„Unsere Kunden bekommen auf jedes Gerät die optimale Form des Inhalts.” — Holger Seim


Ist das eigentlich urheberrechtlich alles koscher?

In Deutschland ist die Rechtslage sicher. Das „Perlentaucher“-Urteil sagt: Wenn man zusammenfasst, ohne ausführlich zu zitieren, geht das in Ordnung. Wir verwenden keine Original-Cover und zitieren keine längeren Passagen. Und wir führen Leser eher hin zu den Büchern. Die kaufen oft keine Sachbücher mehr, weil sie keine Zeit haben. Aber wenn ihnen bei uns ein Buch gefällt, kaufen sie es vielleicht doch. Der Umsatzpool vergrößert sich nur. Und für viele Märkte werden selbst Bestseller nicht übersetzt. Hier füllen wir eine Lücke.

Arbeit an digitalen Inhalten — so sieht sie bei Blinkist in der Praxis aus.

Wie oft hört ihr den Vorwurf: Ihr macht das Buch kaputt!

Viele Verlage sind erst skeptisch. Aber sie hören uns schon zu. Nur ein Verlag hat uns auch nach einem Gespräch vorgeworfen, dass wir seinen Markt zerstören. Ich sage dann immer: Wenn ihr wirklich denkt, dass eine fünfseitige Zusammenfassung ein zweihundertseitiges Buch kaputt macht — warum verlegt ihr dann noch solche Bücher?

Ja, warum machen die Verlage eigentlich nicht Blinkist?

Die Verlage stecken da im berühmten „Innovators Dilemma“. Ihr eigenes Geschäftsmodell zu erneuern, bei laufendem Betrieb, fällt ihnen sehr schwer. Wir hingegen wollen keine eigenen Bücher machen. Wir wollen mobiles Lernen ermöglichen. Die „Longforms“, die es immer brauchen wird, wollen wir nicht ersetzen. Wir verdienen Geld mit digitalen Inhalten.

Und, wie viel liest du selbst noch?

Ganze Sachbücher? Maximal fünf pro Jahr. Am liebsten Biografien. Ich brauche einfach eine menschliche Geschichte.

Text: Friedemann Karig
Foto: Viktor Strasse


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Exzellente Gespräche, exklusive Insights in die Prinzipien des „modern marketing“: Hier berichten Experten aus dem Ökosystem der bsa marketing consultancy.

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