Erfolgreich mit smarten Shirts: Tech-Designerin Billie Whitehouse.

Innovation

Technologie zum Anziehen

Wie Software in die Fashionwelt eindringt und warum gute Designer Anthropologen sind: Ein Interview mit der Gründerin Billie Whitehouse, die mit ihrer Firma Wearable Experiments” den Modemarkt aufmischt


„Wearable Tech“ soll Technologie und Mode vereinen. Billie Whitehouse und ihr Team spinnen die Idee dahinter auf faszinierende Art weiter: Wearable Experiments entwickelt Yoga-Hosen, die Impulse zur Korrektur der Haltung geben oder ein Büro-Hemd, das dem Träger auf die Schulter tippt, wenn man auf der Straße nach der Richtung zum nächsten Termin sucht. Ihr neuestes Produkt: Ein Trikot, das sich beim Fußballschauen zusammenzieht, wenn der Lieblingsspieler einen Elfmeter schießt. 
bsa-Autor Christian Fahrenbach traf die Gründerin in New York und erhielt im Gespräch mit ihr faszinierende Einblicke in die Welt der Innovation:


Spinnen wir zu Beginn ein bisschen herum! Was werden Wearable Tech und Tech-Stoffe in Zukunft können?

Ja, lass uns die Uhren 50 Jahre weiterdrehen: Der Stoff deiner Kleidung wird aus Pilzen hergestellt, die sich wie ein neuronales Netzwerk verhalten. Unser Gehirn wird sehr subtile Impulse an unsere Kleidung senden. Der Stoff wird aus einem 3D-Drucker kommen, ein lernender Algorithmus eingewoben. Er wird nicht nur Körper- und Außentemperatur messen, sondern auch, was um uns herum vorgeht und welche Impulse in unserem Gehirn stattfinden. Noch bevor du bewusst denkst: „Mir ist kalt!“, wird der Stoff eine zusätzliche Luftschicht zwischen dem Hemd und Deiner Haut aufbauen und aufwärmen. Wir werden keine Energie mehr für Klimaanlagen verschwenden oder hier in den USA in einer klimatisierten U-Bahn frieren.

Hört sich erstaunlich an. Welche Firmen haben denn die besseren Karten, den Fashion-Sektor auf diese Art zu verändern? Die etablierten Marken? Oder werden wir neue Unternehmen erleben?

Beides. Es geht aber gar nicht unbedingt darum, wer es zuerst macht, sondern wer es mit der größten Integrität macht, und der richtigen Community dahinter. Communities werden immer wichtiger. Viele dieser etablierten Mode-Unternehmen haben sehr loyale Fans und Kunden. Ihre Kundenservices sind häufig unfassbar gut, und deshalb kaufen die Leute dort. Ich glaube, ihre Angst wird die Firmen davor bewahren, zu viele Risiken auf diesem Gebiet einzugehen. Aber ich glaube, dass auch sie spüren, dass sie sich weiterentwickeln müssen — und ihre Mitarbeiter sind davon durchaus begeistert.

Wir hatten Disruption in der Buchbranche, in der Musik, beim Fernsehen, bei Filmen — überall gab es plötzlich neue Firmen und neue Distributionswege. Ist Mode als Nächstes dran?

Wir hatten so ein bisschen Disruption bereits durch die aufkommende Blogosphäre — was natürlich ein furchtbares Wort ist. Aber zum ersten Mal war da Streetstyle wichtiger als High Fashion. Wir haben eine Demokratisierung von Mode erlebt. Seitdem hat es ein bisschen an Fahrt verloren, mittlerweile haben wir eine solide Mischung. Es gibt diese Demokratisierung immer noch. Wir wollen Dinge erschaffen, die sich so anfühlen, als ob sie aus der breiten Masse stammen.

Wie nehmen denn größere Marken diesen Trend konkret auf?

Der große Wandel in ihrem Design ist Mass Customization. Nike macht das, adidas macht es. Sogar bei einigen Taschen von Luis Vuitton oder Jacken von Armani versprechen sie dir inzwischen, dass du Teile davon selbst gestalten darfst. Das war von Anfang an eine disruptive Kraft in der Branche. Aber die Wahrheit ist, dass wir alle schon jetzt Wearable Technology und Tech-Fabrics tragen. Im Rücken von vielen Kleidungsstücken sind ja jetzt schon RFID-Tags eingewoben.


Wie baue ich Elektronik in einen BH ein? Google das mal, da bekommst du einige Anregungen.” — Billie Whitehouse

Aber normalerweise versuchen Branchen doch, große Veränderungen zu verhindern oder nicht?

Auf jeden Fall, besonders die Modebranche. Das alles ist ja nicht wirklich neu, es passiert schon seit 25 Jahren. Aber erst jetzt sind die Sachen so klein und günstig, dass sich auch die kommerzielle Produktion lohnt. Stark verändert hat sich auch die Verfügbarkeit von Informationen darüber, wie man diese Dinge ganz praktisch baut. Ich habe wirklich einmal „Wie baue ich Elektronik in einen BH ein?“ bei Google eingegeben. So bekommst du einige Anregungen, und entwickelst dann deinen eigenen Weg. Es ist alles schon irgendwo da draußen, und deshalb wissen wir auch, dass wir nicht die Einzigen sind, die daran arbeiten. Wir sind nur die Einzigen, die es weniger aufdringlich aussehen lassen. So lange du es nicht nach Technik aussehen lässt, sind die Leute auch daran interessiert. „Wearable Tech“ ist so ein furchtbares Wort, das man in großen Elektromärkten benutzt. Aber an solchen Orten soll ja keine Magie passieren.

Sprechen wir über Rollen. Wie verändern sich die Anforderungen an die Personen in Deiner Branche? Je mehr Technik in die Fashionwelt dringt, desto mehr müssen Designer, Hersteller und Marken anders arbeiten, oder nicht?

Wir können sogar noch einen Schritt weiter zurückgehen: Wirklich gute Designer sind Anthropologen. Sie beobachten Menschen. Nehmen wir Karl Lagerfeld, der ist um die 90, aber ich bin rot geworden und beinahe vor ihm auf die Knie gefallen, als ich ihn getroffen habe. Er hat es verstanden, wie die Rolle der Muse sich verändert. Er ist so ein Anthropologe. Lagerfeld studiert die Leute und kennt die Menschen, die seine Produkte kaufen. Er stellt sich auf sie ein und weiß worauf sie stehen. Auf Prominenz zum Beispiel. Also bedient er das.

Was würden Lagerfeld und andere darüber beobachten können, wie wir uns heutzutage dem Thema Fashion widmen?

Wer in unseren Zeiten die Menschen beobachtet, der erkennt, wie abhängig sie von Technologie sind. Und deshalb musst du als Modedesigner genau jetzt über Technologie nachdenken. Aus meiner Perspektive als Designer ist nichts für meine Arbeit wichtiger als Beobachtung. Zusätzlich muss ich wirklich smarte Ingenieure, Programmierer und Interface-Designer bei der Hand haben, ansonsten habe ich ein Problem. Die Rollen verändern sich, weil wir alle lernen müssen, die Sprache der anderen zu sprechen. Der einzige Weg dahin sind wirklich kluge Menschen um einen herum. Mein Mitgründer weiß sehr viel über Dinge, die ich überhaupt nicht kann.


„Als Modedesigner musst du heute über Technologie nachdenken und mit Ingenieuren und Programmierern zusammenarbeiten.” — Billie Whitehouse

Sehr gute Überleitung zu meinem nächsten Thema: Wie beschreibst Du, was Deine Firma überhaupt macht?

Wir stellen Hardware, Software und Kleidung her. Aber eigentlich gestalten wir Erlebnisse. Da kann es um Intimität gehen, um Sport, um Navigation oder darum, den eigenen Körper zu verbessern. Wir designen ein bestimmtes Szenario und überlegen uns drumherum, wann man diese experimentelle Design-Philosophie erlebt.

Sprecht Ihr große Bekleidungsmarken mit Eurer Arbeit an oder kennen die Euch sowieso?

Das ist unterschiedlich. Ich hatte ein großartiges Gespräch auf einer Konferenz, auf der ein Mitarbeiter einer großen Bekleidungsfirma zu mir kam und meinte: „Oh ja, ihr kommt sowieso alle zwei Wochen im Gespräch auf.“ Das ist schon einmal sehr beruhigend, weil ich außer mit ihm noch mit niemanden von deren Seite gesprochen hatte.

Dann ist es jetzt Zeit, anzugeben: Warum reden solche Riesen überhaupt über dich und Euer Unternehmen?

Um ehrlich zu sein: Ich glaube, dass die Leute wirklich nur über uns reden, weil ich leicht zu begeistern bin und kein Blatt vor den Mund nehme. Ich sage einfach immer die Wahrheit, benutze zu viele Schimpfwörter und trage mein Herz auf der Zunge. Ich glaube, das ist speziell in den USA ein Phänomen. Jeder ist politisch sehr korrekt und verhält sich wie aus dem Lehrbuch. Ich bin da etwas anders, weil ich einfach nicht gerne in Abkürzungen rede. Ich sage nicht „Shit AF“ für „Shit as fuck“. Ich würde Dir immer sagen, wie mich Dinge emotional berühren und wie ich auf sie reagiere. Aber es sollte nicht nur über mich sein. Das Produkte begeistert Leute, weil sie verschiedene Industrien verbinden um etwas neues zu schaffen. Deswegen war der ganze Hype um Fundwear so groß. Und dieser Hype bestätigt uns.

Mund halten? Nichts für Billie Whitehouse …

Was müsste geschehen, damit wirklich große Firmen mit Euch zusammenarbeiten?

Auf jeden Fall müsste es kosteneffizient sein. Die Produkte müssen das Erlebnis des Kunden verändern, aber auch in der physischen Welt spürbar sein. Es gibt unterschiedliche Geschäftsmodelle um Software, Hardware oder Kleidung herum, also müssen wir flexibel darin sein, wie wir uns den verschiedenen Branchen annähern. Vielleicht so, dass du jeden Monat ein neues Jacket kaufst, aber immer die gleiche Elektronik benutzt und die Möglichkeit hättest, die dafür genutzte Software upzudaten. Man muss genug Lärm machen und dann kommen sie auf einen zu. Sie bleiben dann interessiert, wenn man Neues produziert. Um Neues zu produzieren, brauchst du genug Geld für kleine Projekte und kleine Testgruppen — so wird’s auch in Zukunft funktionieren.

Du sagst von Dir, dass Dich kreatives Problemlösen interessiert. Was heißt das genau? Habt Ihr einen vorgeschriebenen Innovationsprozess oder kommt Neues einfach so auf?

Es ist beides: plötzlich und im Prozess. Inzwischen passiert vieles ganz natürlich in unserer Firma. Aber wenn ich eine Gruppe Ingenieure, Designer oder wen auch immer im Raum hätte, dann würde ich sie durch die üblichen Schritte führen: Überleg, welchen Teil deines Körpers du wirklich interessant findest. Überleg dann, mit welchen Problemen dieses Körperteil üblicherweise zu kämpfen hat. Denk an viele verschiedene Arten von Technologie und hab eine große Bandbreite an Wissen und Erfahrungen im Team, die du ständig nutzen kannst. Ich hätte einen Computer-Neurowissenschaftler am Tisch, ein paar Hardware-Ingenieure, ein paar Industriedesigner, einen Modedesigner — alle im selben Team.


„Überlege, welchen Teil deines Körpers du interessant findest — und mit welchen Problemen dieser üblicherweise zu kämpfen hat.” — Billie Whitehouse

Wie sieht denn dann eine Diskussion in einem so unterschiedlichen Team aus?

Sie hätten alle unterschiedliche Gründe für ihre Ideen und unterschiedliche Vorstellungen, welchem Körperteil sich dringend gewidmet werden müsste. Aber letztendlich würden sie gemeinsam ein Problem finden, dass sie gerne lösen möchten. Dann würde ich sie bitten, Dinge mit ihren Händen tatsächlich herzustellen, ein bisschen so wie bei Designstudien von Autoherstellern. Ich würde ihnen also Töpfermasse aus Silikon geben und dann nur zehn Minuten Zeit, weil das Zeug danach aushärtet. Schnell! Denk! Beweg Dich! Denk! Beweg Dich!

So ist das beim Unterrichten oder in Seminaren, aber nutzt Ihr das auch tatsächlich selbst?

Auf jeden Fall. Und wir nutzen viel haptisches Feedback. Ich muss sehen, an welche Stelle ein Batteriefach passt und wie ich Dinge falten kann, wo ich ein starres Objekt einbauen kann und wo etwas hineinpasst, das sich biegen lässt. Alles in allem braucht es dann nur ein paar Stunden, bis Du einen Zwischenstand bekommst. Dann frage ich mich, ob das ins Innere eines Kleidungsstücks passt und wie ich es darin unsichtbar werden lassen kann. Für mich ist die wirklich spannende Frage: Kann es mehr, als dein Smartphone kann? Wenn ja, dann stell es her! Wenn nein, dann lass es bleiben.

Was ist denn Dein persönlicher Hintergrund für all diese Arbeit?

Design. In Australien — und in Italien, wofür ich sehr dankbar bin. Ich hab meinen Bachelor-Abschluss am Whitehouse Institute of Design in Australien gemacht. Meine Mutter hat das Institut aus dem Stand heraus gegründet, nachdem sie meinen Vater verlassen hatte, mit tausend Dollar auf dem Konto und einem frisch geborenen Kind. Ich habe erst rebelliert und wollte etwas Anderes studieren. Als ich mich dann aber für Design entschieden habe, habe ich zwei Jahre lang niemandem meinen Nachnamen gesagt. Ich habe mich immer nur vorgestellt als „Billie“.

Kreative Problemlöserin, die auf Wissen und Erfahrung setzt: Billie Whitehouse.

Interview: Christian Fahrenbach
Fotos:
Sari Goodfriend


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