Digital Learning Journey | PCR Post Corona Reisen — bleibt alles anders?

Julia Nermuth
Apr 6 · 7 min read
Foto von Porapak Apichodilok von Pexels

Reisen ist eine der schönsten Formen der Personenmobilität. Die modernen Formen des Personentransports ließen die Welt klein und jeden Ort erreichbar werden. Aus Urlaub wurde die Reise und das Abenteuer hat sich zur anklickbaren Option bei der Buchung entwickelt. Doch dann wurde alles anders — Freitag, der 13. März 2020: Lockdown 1 in Österreich. Und plötzlich war die Welt wieder groß und unerreichbar.

…wie alles begann: am 5. Juli 1841 organisierte Thomas Cook die erste Pauschalreise. Für einen Schilling pro Person, inklusive Transport und Verpflegung, fuhren 570 englische Arbeiter*innen mit der Bahn von Leicester nach Loughborough.

…wie es vorher war: Slow Travel, umweltbewusst, into the wild, Hometels, Home Sharing, Van Life und Micro Reisen. Kaum ein Wunsch blieb offen und die Individualität für die Massen wurde zum Standard.

…wie es jetzt ist: Flugreisen gibt es außer für Geschäftsreisende de facto nicht mehr und zu Hause sind die Hotels dicht. Camping ist der letzte Schrei und die vorhandenen Ziele im Heimatland sind überlaufen.

…wie wird es sein: Wohin geht die Reise nach der Pandemie? Werden wir 2022 oder 2023 wieder im gleichen Umfang fliegen wie vorher? Platz vs. Space — wohin, wenn alle wieder reisen? Erleben wir gerade eine Trendwende oder wird danach wieder alles wie vor der Pandemie sein? Oder wird alles ganz anders?

Yes, we travel! Aber wie und wohin? Im Rahmen der Digital Learning Journey “PCR Post Corona Reisen” am 15.3.2021 bekamen wir spannende Insights von unseren Speaker*innen und diskutierten gemeinsam mit der Community über Chancen und Optionen der Zukunft des Reisens.

Den Auftakt machte Katharina MAYER-ERTL, stellvertretende Leiterin der Tourismus Servicestelle im österreichischen Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus und stellte den österreichischen Masterplan für Tourismus vor. Bereits 2018 wechselte die Tourismusstelle vom Wirtschaftsministerium in das Nachhaltigkeitsministerium, wodurch sich der Fokus auf den nachhaltigen Tourismus nochmal verstärkt hat und der “PlanT — Masterplan für den Tourismus” zur Entwicklung der nachhaltigsten Tourismusdestination der Welt präsentiert wurde. Die große Bedeutung des Tourismus für den Standort Österreich, sowie das Bewusstsein für die Abhängigkeiten vieler anderer, z.B. landwirtschaftlicher Produzenten, Dienstleister, u.v.m. wurde aufgrund der Covid-19 Pandemie nochmals deutlicher. Trotz des starken Einbruchs im letzten Jahr sind die Prognosen für den österreichischen Tourismus jedoch positiv. Der “Green Pass”, also der Nachweis einer Corona-Impfung, eines negativen Tests oder einer bereits durchgestandenen Krankheit, soll das Reisen in Zukunft wieder möglich machen. Während erwartet wird, dass sich der österreichische Berg- und Seen-Tourismus rasch erholen wird, wird der Städte- und Kongress-Tourismus vermutlich noch länger stagnieren. Vor allem im Business-Tourismus hat man im letzten Jahr gemerkt, dass nicht jedes Meeting live abgehalten werden muss.

Im Anschluss daran sprach Reinhard LANNER, Chief Digital Officer von Österreich Werbung, über den Standort Österreich und die Arbeit im und am System Tourismus. Seit 60 Jahren nimmt die Zahl der Gäste in Österreich stetig zu und im Jahr 2019, also vor Beginn der Pandemie, haben 50 Mio. Menschen das Land besucht und über 152 Mio. Übernachtungen getätigt. Im Jahr 2020 fielen die Zahlen um 36 % auf ein Level, wie es Österreich in den 70er Jahren hatte. Laut Umfragen ist die Reiselust der Menschen jedoch ungebrochen. Der Ferientourismus wird als erstes wieder starten, vor allem in den erdgebundenen, mit dem Auto oder mit der Bahn erreichbaren Destinationen. Der Geschäftsreisetourismus wird in der Form wie wir ihn kennen nicht wieder kommen. Hier werden hybride Varianten übernehmen. Mit dem bereits angesprochenen “PlanT” wurde aus Tourismus ein zukunftsfähiges Instrument, um das gute Leben in Österreich zu erhalten, Arbeitsplätze zu schaffen, das Unternehmertum u.v.m zu erhalten. Vor drei Jahren entstand die Initiative Next Level Tourism Austria von Österreich Werbung, bei der die Handlungsfelder Qualifizieren, Experimentieren und Transformieren im Vordergrund stehen. Das Meta-Innovation-Lab rund um Reinhard Lanner beschäftigt sich mit den großen Veränderungstreibern im Tourismus — beyond recovery, also auch nach der Pandemie. Dazu gehören der ökologische, der digitale, der systemische und der kulturelle Wandel. Tourismus darf laut Reinhard Lanner nicht mehr isoliert betrachtet werden, sondern muss im Lebensraum entwickelt werden. Welchen Tourismus wollen wir in Zukunft in unserer Region, wo sind die großen Hebel und mit wem müssen wir kooperieren? Gemeinsam mit Mobilitätsanbietern, innovativen Unternehmen, Startups und den Regionen können neue Geschäftsmodelle entwickelt werden, um neue Lösungen zu schaffen und auch den kulturellen Wandel voranzutreiben.

Nach den Vorträgen zum Masterplan für den Tourismus und den Zukunftschancen, berichtete Thomas NEUGEBAUER, Vorstand des Österreichischen Caravan Handelsverbands (ÖCHV) und Inhaber von Campingworld Neugebauer, von den aktuellen Entwicklungen und dem Aufleben der Campingbranche. Das Reisen mit dem Wohnmobil oder dem Wohnwagen ist in Zeiten der Pandemie in vielen Medienberichten als neue Alternative für den Urlaub erwähnt worden, da man das Wohnzimmer bzw. die eigene Wohnung gleich dabei hat. Das führte dazu, dass im Jahr 2020 der Stand der Neuzulassungen so hoch wie zuletzt im Jahr 1980 war. Aktuell stößt die Industrie an ihre Kapazitätsgrenzen, da oft die gewünschten Stückzahlen nicht mehr geliefert werden können. Zusätzlich zum Kauf eines Wohnmobils greifen viele Personen auf die Möglichkeit zurück ein Wohnmobil zu mieten. Ein absoluter Trend sind ausgebaute Kastenwägen, da diese von der Größe für Neueinsteiger leicht zu handhaben und auch günstiger sind. Zusätzlicher Vorteil ist, dass diese Fahrzeuge auch alltäglich verwendet werden können. Da in Österreich und auch in vielen anderen Ländern das Wildcampen verboten ist, muss man mit Wohnmobilen und auch Zelten auf ausgewiesene Stellplätze. In Österreich sind diese Stellplätze jedoch noch Mangelware. Grund dafür ist, dass vor 20 Jahren Camping noch als kostengünstige Urlaubslösung eingestuft wurde. Heutzutage will der Camper bzw. Wohnmobilist die jeweilige Destination jedoch hochleben lassen und gibt durchschnittlich pro Tag 150 Euro für Shopping und Gastronomie aus. Das ist weitaus mehr als normale Gastronomiekunden im Schnitt ausgeben. Die Campingbranche hofft daher darauf, dass viele Gemeinden die Chance wahrnehmen und mehr Stellplätze zur Verfügung stellen.

Elias BOHUN stellt die innovative Buchungsplattform Traivelling vor, die eine alternative Art des Reisens mit dem Zug, dem Bus oder der Fähre in ferne Länder ermöglicht und den Weg dabei zum Ziel oder zumindest zu einem Teil der Reise zu machen. Die Idee zu der Buchungsplattform kam Elias bei seiner Reiseplanung nach Vietnam. Nachdem er den Flug bereits fast gebucht hatte, fand er die gängige Form des Reisens mit dem Flugzeug in Zeiten der Klimakrise nicht vertretbar und verlagerte die Reise auf die Schiene. Während der Fahrt erzählte er vielen Menschen von seiner Unternehmung und fand heraus, dass alternative Möglichkeiten zur Fernreise, vor allem mit dem Zug, großes Interesse bei den Menschen weckt. Die Buchung seiner eigenen Reise mit dem Zug nach Vietnam benötigte mehrere Monate an Planung und Organisation. Um diese Form des Reisens für Menschen einfacher zu machen, gründete er 2019 die Buchungsplattform Traivelling. Die Plattform bietet Buchungen für nachhaltige Reisen nach Japan, Bali, Nordafrika, u.v.m. an. Traivelling ist somit das erste konsequent klimafreundliche Bahnreisebüro, welches das Bewusstsein für alternatives Reisen und nachhaltigen Fernreiseverkehr steigert und den komplexen Buchungsprozess für seine Kund*innen regelt. Im letzten Jahr hatte das Startup über 5.000 Buchungsanfragen, von denen 100 interkontinentale Reisen realisiert werden konnten, bevor die Pandemie die Welt im Griff hatte.

Als letzte Vortragende durften wir Franziska SPODDIG begrüßen, die uns das Startup Socialbookers vorstellte. Sie berichtete über ihre Erfahrungen von einem Leben als Reisende. Remote Work ist die Voraussetzung, um die Arbeit mit der Reise verbinden zu können. Während der Pandemie arbeiteten laut einer Umfrage von Owllabs bereits ca. 70% der Vollzeitangestellten von zuhause. Dabei wurde auch herausgefunden, dass die Bereitschaft für Homeoffice oder Remote Work auch nach der Pandemie sehr hoch ist. 92% möchten auf jeden Fall einen Tag pro Woche von zuhause aus arbeiten und 80% sogar mindestens drei Tage pro Woche. Das bedeutet, die Zahl der Digitalen Nomaden könnte in den nächsten Jahren weiter ansteigen. Zur Zeit sind ungefähr 5 Mio. Menschen digitale Nomaden. Die Plattform Socialbookers soll vor allem diesen Menschen ermöglichen überall auf der Welt schnell Anschluss zu finden und sich zuhause zu fühlen. Deswegen fokussiert sich das Startup auf Co-living Spaces. Das sind Pensionen die gleichzeitig Co-working Spaces und eine Community gleichgesinnter Menschen unter einem Dach haben. In dem sozialen Katalog von Socialbookers können Personen Co-living Spaces zu reduzierten Preisen finden und gleichzeitig Tipps, lokale Informationen oder Anmerkungen weitergeben, damit sich Gleichgesinnte finden und sich an einem Ort sofort wohlfühlen können. Der Leitspruch des Startups “Whenever you are away from home, we want to give you a home.

Nach den inspirierenden Inputs folgte eine spannende Diskussion mit allen Speaker*innen und der Community über den ökologischen Fußabdruck die unterschiedlichen Arten des Reisens, die Vorteile von familiengeführten Beherbergungsbetrieben, darüber was es braucht, um Arbeiten und Reisen zu verbinden und über die Bedürfnisse der jungen Generationen im Tourismus. In Bezug auf Remote Work wird in Österreich viel Potenzial gesehen. Die Zahl der tele-workable Jobs ist enorm hoch und auch die Nachfrage nach Remote Work wird weiterhin steigen. (Telework in the EU before and after the COVID-19)

Das digitale Event wurde wie immer für alle Interessierten aufgezeichnet und ist hier mit sämtlichen Inhalten und Unterlagen zu finden: http://bit.ly/CcM-DLC-Reisen

Mehr Informationen zu Community creates Mobility gibt es unter www.zusammenbewegen.at

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