Mobilität als Gemeingut. Eine neue Perspektive auf Raum und Bewegung

Anna Gerhardus
Sep 30, 2020 · 4 min read

Mobilität als Gemeingut zu verstehen, soll eine alternative Perspektive auf die Verwaltung und Entwicklung von Mobilität für Innovation, Politik und die Gesellschaft aufzeigen. Entwicklungen in diesem Bereich — von Zu-Fuß-Gehen bis hin zur Datenmobilität und Logistik — sollen sich daran orientieren, fairen Zugang zu gewähren und einen Mehrwert für die Gesellschaft darstellen.

“urban green growth” by Leonard J Matthews is licensed under CC BY-NC-SA 2.0

Woher kommen Gemeingüter?

Gemeingüter sind eine Art, wie der öffentliche Raum oder Ressourcen gemeinsam genutzt und erhalten werden können. Historische Beispiele dafür sind gemeinschaftliche genutzte Wiesen- und Ackerflächen oder aber auch die hohe See: Für Fischer*innen ist es wichtig, dass sie ausreichend Zugang zu Fisch haben, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Gleichzeitig müssen sie beachten, diese Ressource nicht auszuschöpfen und den Fischbestand genau beobachten und erhalten. Kritiker*innen dieser Perspektive haben die Gemeingüter als unreguliert und dem Egoismus von Einzelnen ausgesetzt beschrieben, wodurch diese schnell ausgeschöpft wären. In der „Tragik der Allmende“, von dem Ökologen Garret Hardin im Jahr 1968, wird im Kontext des Problems der Überbevölkerung beschrieben, dass rein technische Lösungen nicht ausreichen, um komplexe Probleme zu lösen. Aus dieser Perspektive kann es Gemeingüter nur unter bestimmten Regeln geben. Die Nobelpreisträgerin von 2009 für Ökonomie, Elinor Ostrom, hebt in ihrem Werk „Governing the Commons“ hervor, dass Gemeingüter geschützt und reglementiert sein müssen, um von allen für alle genutzt und erhalten werden zu können.

Aktuelle Anwendungen von Gemeingütern sind urbane Regionen oder digitale Ressourcen. Ein prominentes Beispiel sind die Creative Commons, die eine Möglichkeit darstellen Nutzungsrechte von Bildern, Texten und Code, der Allgemeinheit zugänglich zu machen, ohne Gefahr zu laufen, dass das eigene Werk von anderen vereinnahmt wird (siehe auch Bilder dieses Blogposts).

“cycling (panning)” by d26b73 is licensed under CC BY 2.0

Wie kann das in der Mobilität eingesetzt werden?

Bei einem Verständnis von Mobilität als Wettbewerb sind Entwicklungen und Planung Konkurrenz und Profitdenken ausgesetzt und bringen Lösungen hervor, die nur einen bestimmten Teil der Bevölkerung betreffen, wenn dies zum Beispiel am profitabelsten ist. Beim Aufkommen neuer Mobilitätsformen, die nachhaltige Mobilität versprechen, ist oft ein Zentrum-Peripherie und Einkommensgefälle bei der Verfügbarkeit und Nutzung zu beobachten. Soziale Bedürfnisse und Herausforderungen, sowie Fragen zu Nachhaltigkeit, sind oftmals zweitrangig, weil diese Aspekte nicht Teil des ökonomischen Wertesystem sind, und damit als Mehraufwand wahrgenommen.

Im Gegensatz dazu steht der Gedanke, Mobilität als Gemeingut zu verstehen. Durch Zusammenarbeit sollen soziale, technische und ökologische Herausforderungen so gelöst werden, dass Vorteile für die Beteiligten und die Gesellschaft als Ganzes im Vordergrund stehen. Erste Ansätze in diese Richtung werden bereits getestet: Ein Beispiel ist die App „Ring-Ring“, die von einer Bürger*inneninitiative in den Niederlanden entwickelt und regional von Städten eingesetzt wird (siehe auch Nikolaeva et al. 2019), um Fahrradfahren zu fördern und lokale Unternehmen zu unterstützen. Es werden gefahrene Kilometer erfasst und bei einer bestimmten Anzahl an Kilometern erhält man Gutscheine für Geschäfte oder man kann sich an Spendenaktionen beteiligen. Anders als in klassischen Nudging-Ansätzen profitieren nicht nur Nutzer*innen, sondern auch kleine Geschäfte und Initiativen für soziale und ökologische Zwecke. Dadurch soll ein Anreiz gesetzt werden, Mobilität gemeinschaftlich zu denken und Partizipation, Gesundheit und eine saubere Umwelt als zentrale Faktoren für Mobilitätsentscheidungen miteinzubeziehen.

Gemeingut als neuer Weg, um Mobilität fairer und nachhaltiger zu gestalten

Mobilität als Gemeingut soll also die Vorstellung eines reinen Wettbewerbsszenarios ablösen und dadurch neue Formen von Kollaboration von Bürger*innen mit Unternehmen und weiteren Akteur*innen fördern. Es soll an Mobilitätsformen gearbeitet werden, die für die gesamte Gesellschaft entwickelt sind, Teilhabe erlauben und sich an unterschiedlichen Lebensumständen orientiert. Das beinhaltet, dass Mobilität als Grundrecht für alle Bürger*innen zugänglich und leistbar ist und dass bei menschlichen Bedürfnissen bei der Planung und Umsetzung angesetzt werden soll.

Weiterführende Fragen:

Welche Ideen oder Projekte existieren bereits, um ein Mobilitätssystem für alle zu schaffen, die den Gedanken des Gemeinguts in sich tragen?

Was können wir — als Gesellschaft oder für Community Creates Mobility — von anderen Gemeingütern lernen? (z.B. Creative Commons)

Welche Möglichkeiten können sich durch diese Perspektive für zukünftige Innovationen ergeben?

Mehr zu unseren Gedanken und unserem Mobility Manifest: www.mobility.community

Mehr zum Thema:

Community creates Mobility

Ein offenes System aus mittlerweile mehr als 80 Organisationen von Industrie, Startups, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und vielen weiteren engagierten MobilitätsdenkerInnen.

Anna Gerhardus

Written by

Researcher @ Institute for Advanced Studies, Science and Technology Studies, Responsible Research and Innovation; Orchestrator @ Community Creates Mobility

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