Ich bin ja kein Fan von Herrn Trump, aber … wer viel Mist macht, erntet einen Misthaufen, der dem sauberen Herrn Recht gibt

Das Problem mit Donald Trump und den Medien ist nicht die Feindschaft. Es sind die Prioritäten und das Tempo. Tempo macht aus jeder Wahrheit einen Fake. Die Medien müssen sich bessern und endlich den Journalismus erfinden.

Nähert sich der Notarzt, klingt das Martinshorn hoch, entfernt sich das Geräusch, sinkt dessen Frequenz. Der Doppler-Effekt ist ein physikalisches Phänomen, das Beispiel mit dem Martinshorn ein beliebtes für eine akustische Täuschung. Der Trump-Effekt funktioniert ähnlich. Je schneller sich die Informationswellen auf uns zu bewegen, aufschlagen und sich wieder von uns entfernen, geht der hörbare Ton in ein sanftes Brummen über und wird zum Tinnitus unseres politischen Gehirns.

Wieviele Berichte beschäftigten sich mit dem Ex-FBI-Direktor, der Heiligengestalt der Trump-Hasser? Und damit was Trump angeblich über ihn gesagt haben soll oder über ihn sagt? Mal sehen … ziemlich viele. Vier typische Fundstellen:

Donald Trump und Russland: Ex-FBI-Chef James Comey sagt aus — SPIEGEL ONLINE
Eine Will-Story. Angereichert mit einer Zusammenfassung der bisherigen Vorgänge, die mit einem Wunsch verbunden sind. Die Relevanz besteht in der Aussage Comeys, er wolle aussagen.

Donald Trump nennt James Comey einen «Spinner» — SPIEGEL ONLINE
Ein Bericht über einen Bericht über eine von Unbekannten angefertigte Notiz, die man dem Journalisten vorgelesen hat. Ein hübscher Anlass für Putin, sich lustig zu machen, indem er einen Mitschnitt des Gesprächs offeriert.

Comey friend: Trump repeatedly tried to compromise him — CNNPolitics.com
Ein Bericht über einen Bericht eines angeblichen Freundes Comeys über Aussagen, die Comey angeblich gemacht hat.

Entlassung von FBI-Direktor Comey: Trump durch neue Berichte zu Russland belastet — NZZ International
Auch die alte Tante macht mit. Hätte sie früher vornehm geschwiegen und am Tässchen genippt, publiziert sie nun ebenfalls Berichte über Berichte, nur damit publiziert ist. Von der dpa übrigens, in diesem Fall.

Negative Effekte auf die Wahrnehmung
Kurzatmige Artikel der klassischen Medien sind wie die Tweets des Fake-News-Meisters selbst: Sie täuschen über die wahre Relevanz hinweg. Sie geben vor, «new» zu sein, sind es aber nicht — bloss Geschwätz. Nervöses Getickere im Hühnerstall. 
Guter Journalismus ist kein Geschwätz, sondern ein langsames Gespräch; die Analyse braucht Zeit. Gutes Denken auch — ist wie Kauen und Verdauen. Journalisten sollen einordnen und gewichten; ein Blick auf die Suchseiten zeigt aber, dass das Gegenteil der Fall ist. Es wird getickert und hinterhergehechelt , was das Zeug hält. Mit jedem Atemzug scheint man auf einen weitere Fehltritt zu warten; der Arme hat ja gar keine Chance, sich zu entfalten. 
Mit Tempo entfernen sich die Martinshörner der Journalisten; der Ton wird tiefer und schwächer. Spiegel-Mann Augstein verteidigt ihn sogar, den verwirrten Schopf. Vielleicht aber auch nicht, denn er zitiert am Ende Grönemeyers «Kinder an die Macht» — und erinnert daran, dass die Vorgänger moralisch verkommener waren als die ehrliche Haut vom Weissen Haus, dessen Herz auf Twitter im 144-Zeichen-Takt schlägt: respektabel für einen alten Mann.

Reflux-Journalismus
Das Tempogeschwätz der Medien entwertet die Schwätzer. Wer bei jedem Windhauch den Reissverschluss hochzieht, wer bei Hitze sich sofort der Kleider entledigt, wird krank werden. Wer zu schnell unterwegs ist, fliegt aus der Kurve oder übersieht den Fussgänger am Zebrastreifen. Und die Menschen sehen die Inhalte an sich vorüberflitzen und nehmen die Fahrer nicht mehr war, nur noch die Silhouette und das Geräusch des Motors, der sich entfernt. Die Wahrnehmung der Medieninhalte wird unscharf, der Sound der Worte vermischt sich zu einer Kakophonie. Wie wohltuend ist da die «Republik», die nur drei Artikel pro Tag angekündigt hat. Das unterdrückt den Reflux der renditeoptimierten Medien, die heute mehr Aldi- statt Modena-Balsamico für den täglichen Newsstrom sind. Der so breit längst nicht ist, denn auch das ist ein Fake: Medien tun so, als geschähe in jeder Minute des Tages etwas Berichtenswertes. In Wahrheit ist das Leben langweiliger als die Show in den Spalten, am TV und im Internet. Medien sind social geworden. Very social. Schreiben über Mist und stinken mit der Zeit. Der Misthaufen wächst gerade in diesen Zeiten ins Unendliche. Oder Journalismus selbst ist ein Fake. War es schon immer. Journalismus, der aus einer engen Denkhaltung geboren wird, ist kein Journalismus.

Die Geburtsstunde eines neuen Journalismus
Eigentlich gab es den Journalismus bis heute nicht. Oder vielmehr: Es gab die tägliche Berichterstattung aus der Optik einer Interessengruppe. So war es schon immer. Peter Hartmeier beschreibt es so:

Man konnte sich gegenseitig jeweils schulterklopfend recht geben und mit einer grossen inneren Sicherheit dem Tagwerk nachgehen. Debatten über die ideologischen Grenzen hinaus waren schwierig zu führen — die eigene Sicht der Welt musste nicht hinterfragt werden.

Es hat sich kaum geändert. Mit wenigen Ausnahmen, aber Journalisten biegen sich die Welt zurecht. Manchmal auch diejenige ihrer Kollegen. Wie oft schlich ich in den 90er Jahren zum Layouter und korrigierte die schlimmsten Einschübe und Verdrehungen des Produzenten wieder, der sich den Artikel in seiner Phantasie spannender und näher am Leser herbeiträumte! Wahrheit hin oder her. «Die ist eh langweilig», pflegte er zu sagen. Er bemerkte meine heimlichen Eingriffe nie, da er das Gedruckte niemals las. Zeitvergeudung. Aber er war der begabteste aller Storydesigner, genoss die Anerkennung des Chefs, der ein Gauner an der Wahrheit war. Ein Stapler falscher Wahrheiten.
Es braucht künftig mehr als nur ein Journal, unzählige Medienmarken in eigener Person, die ausschwärmen, das Leben zu verstehen. Nicht aus der eigenen Optik, sondern aus der Neugierde heraus, Journalisten, die sich intensiv mit dem gerade wichtigsten Thema befassen. Wie Tom Wolfe im «Magazin» sagt, lautet die wichtige Frage, warum die Perücke so ist wie sie ist. Wie man sie wäscht. Sie als Markenzeichen pflegt. Der Reflexjournalist macht sich bloss darüber lustig.
Empathisten braucht es, die sich zurücknehmen, die die Seele und das Handeln der Anderen erfassen, analysieren und erfahrbar machen. Ein hoher Anspruch, der Zeit und Geduld erfordert. Und weniger Druck, irgendetwas in die Spalten zu littern.
Zeitungen können wie die «Republik» die alten Tugenden des Journalismus pflegen; mit grosser Spannung dürfte sich mit dem Seibtmedium auch die Frage entscheiden, ob hochwertiger Journalismus gedruckt lieber gelesen wird als im Netz, dem Schneuztuch der Unzufriedenen. Ob das Seichte gedruckt durchhält, wenn man tags zuvor den Katzencontent bereits gesehen hat, das fragt sich bei den heutigen Printmedien. Besonders bei denen, die gratis in den Boxen liegen. Die Boxenluder wäre die passende Überschrift. Ha!

Skizze eines neuen Mediums

Das Medium der nahen Zukunft verzichtet darauf, alles zu machen, die ganze Welt abzudecken. Ob es sich wie die Republik mit wenigen, dafür hochwertigen Inhalten begnügt, ob es sich auf das Lokale beschränkt oder ein ganz bestimmtes Thema in den Mittelpunkt rückt: Die Zeit der universalen Zeitungen ist vorüber. 
Ein Medium muss näher an seine Leser herangehen. Das bedeutet nicht nur, das Lokale zu stärken, ein Journalismus, der unterentwickelt ist, es führt unweigerlich auch dazu, die Leserinnen und Leser in einer aktiven Rolle mit einzubinden. Sie müssen über die Leserbriefspalte hinaus Zugang zum Medium erhalten, dort ihre Sicht der Dinge präsentieren, eigene Beiträge liefern, denn der denkende Mensch ist ein Journalist. «Journalisten» als berufliche Funktion gibt es in einem solchen Medium nicht mehr, die dahinter stehenden Strukturen und Hierarchien werden aufgelöst. Es gibt keinen Chefredaktor, keinen Filter, durch den die Geschichten laufen, kein Storydesign, sondern nur noch den knallharten Wettbewerb der Geschichten und Geschichtenerzähler. Ein freier Zugang bedeutet nicht, unkontrolliert ein Medium zu kapern. Jeder dieser neuen Journalisten wird flankiert von Profis auf ihrem jeweiligen Gebiet, von Lektoren und Faktenprüfern — denn Fakten stehen künftig über allem. Sie sind die DNA eines Mediums, nicht die enge Weltsicht des «Journalisten», seine Meinung spielt keine Rolle mehr. Es wird neue Strukturen brauchen, eine durch den Workflow führende Software und Resonanzräume für die stetige Anpassung des Geschichtenstroms aus allen Winkeln des Landes an die Bedürfnisse der Leser.
Ein neues Medium ist in jeder Hinsicht offen. Es bindet andere Medien mit ein, ergänzt seine Geschichten mit den anderen und schafft so die Annäherung an die Wahrheit. Dazu gehören auch Reaktionen und weniger spektakuläre Nachfolgegeschichten, die eventuell sogar die Urgeschichte schädigen; im Dienste der Wahrheit ritzt sich das Medium der Zukunft selbst, gibt weder Hässlichkeit noch Schönheit den Vorzug. 
Mit dem neuen Modell sind auch neue Geschäftsmodelle verbunden. Zwei Beispiele: Ein Abonnement ist auch ein Abonnement in die permanente Weiterbildung; Schulen erhalten einen potenten Partner für da Wissen der Welt. Inserate werden nicht mehr verkauft. Inserenten bezahlen einen Beitrag, damit sie überhaupt in einen Pool kommen, aus dem sich das neue Medium dann ungeniert bedient. Automatisch, verknüpft mit den gerade fliessenden Geschichten — natürlich verhindert der Algorithmus Interessenskonflikte und Glaubwürdigkeitskollisionen.

Hohe Anforderungen

Es wird sich zeigen, ob die «Republik» den Journalismus neu erfindet oder ob sich daraus nicht bloss ein Nischenmedium mit hochklassigem Journalismus der alten Schule entwickelt: über die Welt dozierend, vom hohen Ross des Denkenden. Es biedert sich nicht an und äfft die Social-Media-Erzählformen heutiger Medien nicht nach — Viralität ist keine Währung. 
Das Medium der nahen Zukunft jedoch wirft allen Ballast der noch jungen Zeitungsgeschichte ab; es dringt in den Kernbereich der Geschichten vor, die nichts anderes als die Geschichten ihrer Leserinnen und Leser sind. Es ist ein virtuelles Universum der unablässig fliessenden Handlungsströme dieser Welt. Es liegt am Menschen selbst, diese Geschichten für sein Leben zu nutzen — und seine eigene Geschichte immer wieder neu zu erzählen.

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