Ethik ist Nebensache — oder doch nicht?

Kommunikationsdebakel wie der kürzlich vielfach diskutierte Vorfall bei der US-Fluggesellschaft United Airlines, deren CEO Oscar Muñoz mehrere Anläufe brauchte, um sich glaubhaft zu entschuldigen, erwecken zunehmend den Anschein, dass Ethik und Moral für viele Kommunikatoren keinen oder nur einen geringen Stellenwert haben.

Theoretisch ganz einfach, praktisch unmöglich?

Tatsächlich gibt es zahlreiche PR-Richtlinien und Branchenkodizes, wie zum Beispiel den Deutschen Kommunikationskodex, die darauf abzielen, PR-Praktikern eine Orientierungshilfe für moralisch „richtiges“ Verhalten zu geben.

Studien vom Bundesverband deutscher Pressesprecher und der „European Communication Monitor“ zeigen jedoch, dass diese Kodizes unter Praktikern zum einen wenig bekannt sind und zum anderen nur geringe Akzeptanz genießen. Das liegt vielfach daran, dass sie inhaltlich zu abstrakt und schlichtweg im Kommunikationsalltag nicht ohne Weiteres anwendbar sind. Die Forderung nach Transparenz beispielsweise sagt sich leicht, ist für einen Kommunikator mit Blick auf die Wahrung von Betriebsgeheimnissen jedoch nicht immer umsetzbar und könnte ihm unter Wettbewerbsbedingungen sogar zum Verhängnis werden, wenn er immer alles offenlegen würde.

Moral tut nicht nur dem Gewissen gut

Trotz der Schwierigkeiten, in Stresssituationen einen kühlen Kopf zu bewahren und zum Beispiel als Pressesprecher stets im Sinne des eigenen Unternehmens handeln zu müssen, sollten Ethik und Moral nicht als nebensächlich abgetan werden. Neben der Tatsache, dass moralisch korrektes Verhalten schon per se angestrebt werden sollte, bringt es auch Vorteile im Berufsalltag.

Zum einen trägt eine wirksame Professionsethik zur Stärkung der Berufsidentität bei und fördert die gesellschaftliche Akzeptanz der PR-Branche als Ganzes. Gerade in heutigen Zeiten, in denen Kommunikatoren zunehmend Kritik von außen ausgesetzt sind, wird das immer wichtiger.

Zum anderen ist moralisch korrektes Verhalten vor allem in Krisensituationen essenziell und kann Imageverluste eindämmen. So hat beispielsweise das kommunikative Verhalten der Lufthansa nach Absturz des Germanwings-Flugzeuges im März 2015 wesentlich dazu beigetragen, dass das Ansehen der Marke Lufthansa keinen gravierenden Schaden genommen hat.

Bewusstsein schaffen

Wie lässt sich diese Forderung nach mehr Moral nun praktisch umsetzen?

Da Moral auf Freiheit und Freiwilligkeit beruht, würde es vermutlich wenig Sinn machen, weitere Kodizes und Richtlinien zu entwickeln, denn dadurch ändert sich an der Einstellung des Einzelnen nichts.

Der wohl vielversprechendste Weg wäre, Kommunikatoren ethisch zu sensibilisieren und sie dazu zu bringen, sich zunächst einmal mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Dies müsste bereits in der Ausbildung von künftigen PR-Praktikern geschehen, zum Beispiel in Form von Ethik-Seminaren, sodass sich der Einzelne persönlich angesprochen fühlt.

Weiterhin sollten auch Berufstätige in der PR-Branche je nach Arbeitsumfeld regelmäßig geschult werden, um sie zur Reflexion des eigenen Verhaltens zu bewegen und ihnen praktische Tipps an die Hand zu geben.