Künstlerisches Denken beflügelt unternehmerisches Handeln

Ein Gespräch über Creative Leadership mit Karoline Rütter, Mitgründerin von Artistic Intelligence

Steffen Vogt
Aug 29 · 6 min read
Karoline Rütter ist selbständige Unternehmensberaterin mit den Schwerpunkten Markenstrategie, Innovationen und User Experience. Sie ist tätig für Unternehmen wie Volkswagen, Škoda oder die Deutsche Telekom. Gemeinsam mit Romas Stukenberg baut sie das Unternehmen Artistic Intelligence auf und führt seit vielen Jahren in Berlin ihren privaten Salon.

Das Molinari & Ko im Berliner Bergmannkiez ist besonders. Die Mischung aus Café, Restaurant und italienischem Feinkostladen, gepaart mit einem holzgetäfelten Raum und robustem Mobiliar, entwickelt seinen ganz eigenen Charme. Ein Ort mit Charakter, wie ihn ein Franchise-System niemals erschaffen könnte. Es verwundert also nicht, dass Karoline Rütter ihn als zweites Wohnzimmer auserkoren hat und wir uns mehrmals innerhalb weniger Tage dort treffen, um über die von ihr mitgegründete Unternehmung Artistic Intelligence zu sprechen.

Warum sollte sich die Geschäftswelt — die Welt der Zahlen, Daten, Fakten — mehr mit der Welt der Künste — die Welt des Schönen, des Sinnlichen, der Erfahrungen — beschäftigen?

Die beiden Welten sind vielleicht gar nicht so gegensätzlich, wie es häufig dargestellt wird: Unternehmertum erfordert viel Kreativität und Schöpfergeist. Als Entrepreneur oder Unternehmenslenkerin gestaltend tätig zu sein, weist durchaus Parallelen mit dem schöpferischen Prozess eines Künstlers auf. Umgekehrt sind viele Künstlerinnen ihrerseits Unternehmerinnen, also durchaus auch mit der Welt der Zahlen vertraut. Deshalb sind wir überzeugt, dass Künstler im weitesten Sinne — bildende Künstler, Musikerinnen, aber auch Philosophinnen, Köche, Geisteswissenschaftlerinnen etc. — und Führungskräfte aus der Wirtschaft interessante Gesprächspartner füreinander sind. Es gibt gemeinsame Themen und Fragen (z.B. Selbststeuerungskompetenz, schöpferischer Umgang mit Unsicherheiten im Prozess, Krisen in der Weiterentwicklung für sich nutzbar zu machen, um nur einige herauszugreifen). Aber natürlich gibt es immer noch genug Unterschiede in den jeweiligen Erfahrungswelten und konkreten Fragen und Projekten, dass ein Austausch für beide Seiten fruchtbare Impulse liefern und den Horizont erweitern kann.


„Es ist extrem wertvoll, die Perspektive einer ganz anderen Disziplin zurate zu ziehen.”


Mit Artistic Intelligence initiiert und fördert Ihr diese Begegnungen. Welche Erkenntnisse habt Ihr bisher gewonnen?

Wir machen gute Erfahrungen mit bewussten Perspektivwechseln, um bei unternehmerischen Prozessen z.B. die Ausgangs-Fragestellung nochmal zu hinterfragen oder in einem festgefahrenen Moment einen gesunden Abstand zu gewinnen und neue Lösungswege zu erkennen. Dazu ist es extrem wertvoll, die Perspektive einer ganz anderen Disziplin — z.B. der Philosophie — zurate zu ziehen. Oder sich den künstlerischen Prozess zur Beantwortung von Fragen selbst anzueignen und beispielsweise einen Tag statt in einem Workshop-Raum im Künstler-Atelier an einer konkreten Frage zu arbeiten.

Welche Arten von Fragestellungen werden in Euren Prozessen beantwortet und inwiefern unterscheidet sich die Arbeit in einem Atelier von der Arbeit in einem Workshop-Raum?

Fragestellungen, die sich im Laufe von Prozessen der Felder Innovation, Identität bzw. Markenpositionierung und Organisationsentwicklung stellen, verdienen es unserer langjährigen Erfahrung als Berater, grundsätzlicher angesehen zu werden. Manchmal verbergen sich hinter der Ausgangsfrage auf den zweiten Blick noch weitere, größere Fragen, die man besser zuerst beantworten sollte. Gerade, wenn es angesichts dieser Fragen grundlegender, vielleicht sogar existenziell wird, bietet ein Atelier mehr Möglichkeiten: Es ist ein geschützter Raum, der dazu einlädt, offener und zugleich mutiger zu sein. Andere Ausdrucksformen über Sprache hinaus nutzen zu können, ermöglicht eine Annäherung an Fragen und Antworten mit einem viel größeren Reichtum an Nuancen und Zwischentönen und auch einen wertvollen Zugang zu intuitiverem Wissen.
Idealerweise steht ein solches Atelier für den Zeitraum des Projektes zur Verfügung, so dass man sich immer wieder an diesen Ort zurückziehen kann, Spuren sichtbar werden und mit der Zeit etwas Neues entstehen kann.

Der Creative Leadership Salon versammelt Menschen, die Unternehmertum, Kreativität und Führung miteinander verbinden. • Twitter: @leadershipsalon

Der Zugang zu diesem intuitiven Wissen, ist das der Zugang zu dem eigenen Bauchgefühl? Wird dieses durch die künstlerische Handlungsweise rational erfahrbar und vielleicht sogar greifbar?

Jeder von uns trägt einen inneren Wissensschatz in sich, der sich unter guten Bedingungen leichter zeigen kann. So kann beispielsweise bei längeren Entscheidungsprozessen auf einmal klar ersichtlich werden, welcher der richtige Weg unter mehreren Alternativen ist. Wichtig bei der Begleitung von Prozessen ist dementsprechend, dass es nicht bei künstlerischen Explorationen und Erfahrungen bleibt, sondern es greifbare Erkenntnisse zur Fragestellung gibt. Das erfordert eine feinfühlige Moderation und Unterstützung bei der Übersetzung des künstlerischen Ausdrucks zurück in die unternehmerische Sprache. Wir sind seit vielen Jahren als Berater und Beraterinnen tätig, aber auch in der Welt der Kunst zuhause und haben es als kostbare Stärke erkannt, gewissermaßen zweisprachig zu sein.

Du sprachst eingangs davon, dass Künstler und Künstlerinnen inspirierende Gesprächspartner für Führungskräfte sind. Bleibt es bei Gesprächen? Oder gibt es darüber hinaus Berührungspunkte zwischen den Disziplinen, in den von Euch moderierten Prozessen? Und wenn ja, wie sehen diese praktisch aus?

Unserer Erfahrung nach sind transdisziplinäre Gespräche bereits sehr wertvoll, um gemeinsam verschieden Perspektiven auf ein Thema einnehmen zu können. Darüber hinaus nehmen unsere Künstler-Kolleginnen und Kollegen aber auch weitere Rollen ein. Je nach Fragestellung beispielsweise die Moderation von Workshops im Atelier. Oder die eines Researchers zur Erforschung unternehmerischer Fragestellungen mit künstlerischen Mitteln. Zukünftig denkbar sind für uns auch die Vermittlung von Coaching-Tandems zur gegenseitigen Beratung über Disziplinengrenzen hinweg. Unser Eindruck ist, dass es immer mehr Situationen geben wird, in denen Künstler sich als relevante Sparringspartner erweisen, um durch produktive Perspektivwechsel in Prozessen weiter zu kommen.

Auf welchen Beobachtungen beruht dieser Eindruck? Warum wird dies in der Zukunft noch relevanter?

Unternehmerische Fragestellungen werden immer komplexer, müssen immer häufiger nachjustiert oder erneut gestellt werden. Und Antworten liegen immer weniger auf der Hand. Damit kommen auch Fachberaterinnen und spezialisierte Experten zwangsläufig an ihre Grenzen. Wenn altbewährte Strategien und Lösungen auf einmal nicht mehr greifen, weil die grundlegenden Strukturen ganz andere sind und sich ständig unberechenbar weiterentwickeln, erweisen sich das Prozesswissen bildender Künstlerinnen oder die Kunst des produktiven Perspektivwechsels aus der Philosophie als verlässliche Kompetenzen. Denn Unberechenbarkeiten, Widersprüchlichkeiten und nicht eindeutig zu beantwortende Fragen sind für diese Disziplinen eher interessante Ausgangspunkte für eine erkenntnisfördernde Auseinandersetzung denn Hindernisse.


„Es ist imposant, wie schnell, schonungslos und damit konstruktiv Wahrheiten aus dem Unternehmensalltag mit Hilfe künstlerischer Mittel sichtbar gemacht werden können.”


Darfst du hierzu konkretere Einblicke aus einem Praxisbeispiel teilen?

Gerade ist ein Bereich einer großen Bankengruppe mit der Fragestellung an uns herangetreten, wie sich dieser Bereich zukünftig am besten innerhalb der Gruppe positioniert. Es war eine schöne Erfahrung, wie schnell, schonungslos und damit konstruktiv Wahrheiten aus dem Unternehmensalltag mit Hilfe künstlerischer Mittel sichtbar gemacht werden können.

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Die Workshop-Teilnehmer waren eingeladen, zeichnerisch darzustellen, inwiefern das Selbst- und Fremdbild des Bereichs innerhalb der Bankengruppe auseinanderfällt. Die Zeichnungen wurden dann mit dem jeweiligen Sitznachbarn getauscht und — ohne darüber zu sprechen — vom Nachbarn weitergemalt mit dem Ziel, den idealen Zustand darzustellen. In der anschließenden Reflexion wurde deutlich, dass man durch eine rein verbale Diskussion die wirklich wesentlichen Aspekte nicht so schnell und klar hätte benennen können. Das künstlerische Arbeiten an konkreten Fragestellungen bietet dagegen Freiraum, das Thema gründlicher auszuleuchten, inklusive vermeintlicher Tabus und „heiliger Kühe“. Das ermöglicht Effizienz. Und macht auch noch Spaß.

Ähnlich unserem Format, dem Creative Leadership Salon, kuratiert Artistic Intelligence Salons im unternehmerischen Kontext. Worin liegt aus Deiner Sicht die besondere Qualität solcher Gesprächsrunden?

Salonabende zu unternehmerischen Fragestellungen bieten die Möglichkeit, Begegnungen und einen vertrauensvollen Austausch zwischen interessanten und interessierten Menschen verschiedenster Disziplinen zu stiften. Denn die Intimität eines Salons führt zu großer Offenheit und einer Gesprächstiefe, wie sie bei geschäftlichen Events nicht häufig zu finden ist. Uns ist es wichtig, dass unsere Salongäste nicht nur einen besonderen Abend erleben, an den sie sich gerne erinnern, sondern konkrete Impulse für ihr unternehmerisches Handeln mitnehmen können.

Und diese Formate entwickelt Ihr auf Wunsch auch kollaborativ oder im Auftrag für Partner?

Ja. In Kooperation mit THEgarden Berlin, zum Beispiel, haben wir 2019 eine Salonreihe rund um das Thema „Purpose“ initiiert und für den Auftakt drei Impulsgeberinnen aus den Disziplinen Wirtschaftsphilosophie, Menschenrechte und ethisches Unternehmertum gewonnen, die der Diskussion dieses populären Themas Tiefe verliehen haben: Gibt es sinnlose Unternehmen? Gelten Menschenrechte auch in der Wirtschaft? In der Konsequenz hat einer der Gäste — CFO bei einem großen Berliner Start-Up — die Menschenrechtsaktivistin beauftragt, seine Geschäftsprozesse zu durchleuchten. Als Kuratoren des Abends fühlen wir uns einmal mehr bestätigt, dass in dem Salon-Format eine große Kraft liegt.



DDDas Gespräch führte Steffen Vogt, Mitgründer und Partner bei NAMENAME Creative Partners und Co-Initiator des Creative Leadership Salon.
Der Creative Leadership Salon ist ein Münchner Veranstaltungsformat, das die gegenwärtigen Entwicklungen im Bereich der Unternehmensführung in Augenschein nimmt.

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The Creative Leadership Salon gathers professionals who are working at the intersection of leadership, creativity and business. Our mission is to help our leadership culture to make a leap.

Steffen Vogt

Written by

Harnessing the creative disciplines to build human enterprises. Partner at NAMENAME Creative Consultancy and Co-Initiator of the Creative Leadership Salon.

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