Wir müssen Small Data werden

Kein Konsumterror, keine Überwachung: Wir wollen eine progressive digitale Gesellschaft, die uns mehr nutzt als schadet. Hilft die Rückkehr zu einem analogen Leben?

von André Wilkens

Ich dachte lange, ich fühl mich gut, ich steh’ auf Digital. Mir gefällt die Geschichte der Tech-Hippies, die eine digitale Revolution mit Zahlen, Spaß und Anarchie gestartet haben. Ich kann mir eine Zukunft vorstellen, in der Technologie und Weltverbesserung Hand in Hand gehen und in der ich einen digitalen Assistenten mit der Stimme von Scarlett Johansson habe, der mich sanft und smart durchs Leben manövriert.

Smarte Energie könnte den Klimawandel besiegen, smarte Sicherheit uns vor Terroristen und Schulmassakern schützen, smarte Menschen könnten nie mehr krank werden. Bald schon würden wir, so lauteten viele der rosaroten Zukunftsszenarien, alle glücklich mit Rundumbetreuung auf googleartigen Campussen arbeiten. Alles schien möglich und war doch auch gut so. Aber längst hat Digital seine Unschuld verloren.

Unübersehbar ist inzwischen die Ausbeutung der digitalen Ideen für staatliche Kontroll- und private Profitinteressen, die scheinbar freundliche Übernahme unseres Lebens durch Maschinen, die uns smart durch die Gegend schubsen. Wir sind abhängig. Wir wollen die digitale Superdroge aber ohne Nebenwirkungen. So sind wir. Dialektisch, definitely and maybe.

Digital macht uns ganz wirr. Die meisten folgen trotzdem weiter dem Herdentrieb und hoffen, dass am Ende doch alles gut werde.

Edward Snowden hat uns gezeigt, dass unsere schöne neue digitale Welt auch böse sein kann, dass, wer in ihr lebt, mit unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen zu rechnen hat. Und nicht nur mich hat er dazu gebracht, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen.

Die meisten Wundermittel haben Nebenwirkungen, gerade die synthetisch hergestellten. Das Wundermittel Digital kann auch eine Droge sein, die in Überdosis konsumiert zu Kontrollverlust, Unselbstständigkeit, Verfettung, Arbeitsplatzverlust, gar Selbstzerstörung führt.

Kein digitaler Spaßverderber

Legale Medikamente haben eine Packungsbeilage, die uns die Heil bringenden Wirkungen erklärt, ohne uns die möglichen Nebenwirkungen vorzuenthalten. Und sie weist darauf hin, an wen wir uns bei Fragen und Problemen wenden können. Wo ist die Packungsbeilage für Digital und wer ist der Arzt oder Apotheker, an den wir uns wenden können?

Digital macht uns ganz wirr. Die meisten folgen trotzdem weiter dem Herdentrieb und hoffen, dass am Ende doch alles gut werde. Wer will schon als technophober, rückwärtsgewandter Algorithmenstürmer dastehen? Die Mehrheit will immer noch zur ganz großen Wer-das-liest-liest-auch-das-Gemeinschaft gehören. Hauptsache, kein digitaler Spaßverderber sein.

Gibt es Grenzen?

Das Elixier von Digital ist die Kopierbarkeit. Wenn alles reproduzierbar ist, wird das Original wichtiger, wertvoller, fand Walter Benjamin schon 1935. Heute kann der Einzelne und das Einzelne in einem unendlichen Meer von Daten eine ganz neue Bedeutung gewinnen. Darin liegt doch eine Chance, die Chance, dass die datengetriebene Vergemeinschaftung letztendlich zu einer größeren Wertschätzung von Individualität führen kann. Das wäre doch ein interessanter Twist und ein schönes Happy End für die Digitalisierung.

Die Grenzen von Digital sind qualitativ. Es sind Dinge wie physische Orte und Haptik, die Digital nicht kann.

Die Grenzen von Digital sind nicht quantitativ, Digital ist gut in allem, was Masse, was riesige Datenmengen angeht. Die Grenzen von Digital sind qualitativ. Es sind Dinge wie physische Orte und Haptik, die Digital nicht kann, und die Dinge, die dort und dadurch entstehen, wie Überraschungseffekte, die Aha-Effekte, Geistesblitze. Umwerfend Neues kommt selten aus einem linearen Planungsprozess. Es braucht einen Raum für Unordnung und Imperfektes. Und im Imperfekten sind Menschen Digital weit überlegen.

Es lohnt sich, einen Blick zurück zur Entstehung der Bio-Bewegung zu werfen. Die agroindustrielle Revolution im letzten Jahrhundert hat Hunger unnötig gemacht und unser ganzes Leben durchgreifend beeinflusst. Aber sie hat auch zu Machtkonzentration, Manipulation, Epidemien, Krankheiten und Umweltzerstörung geführt.

Cover des Buches “Analog ist das neue Bio” von André Wilkens, Quelle: Metrolit Verlag

Eine Antwort darauf war die Bio-Bewegung, die auf naturnahe, nachhaltige Landwirtschaft setzt als Alternative zur technologischen Aufrüstung der Natur, zur Massentierhaltung und De-Regionalisierung. Obwohl sich der Anteil von Bioprodukten in den letzten 15 Jahren verdreifacht hat, ist Bio immer noch eine Nische und macht nur knapp vier Prozent des Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus.

Trotzdem fordert die Bio-Nische die moderne Landwirtschaft permanent heraus und hilft damit, bessere Lebensmittel-, Anbau und Tierhaltungsstandards durchzusetzen, die für uns alle gut sind, selbst für die, die nicht Bio kaufen. Bio war keine Revolution. Eher eine kleine Konterrevolution gegen die industrielle Agrarrevolution. Dabei stürzte und stürzt Bio nicht das System an sich, sondern ändert es von innen.

Bio war keine Revolution. Eher eine kleine Konterrevolution gegen die industrielle Agrarrevolution.

Am Beispiel von Bio kann man sehen, wie wichtig Nischen für Veränderungsprozesse sind und wie es Nischen schaffen können, auf einen dominierenden gesellschaftlichen und technologischen Trend einzuwirken. So wie Bio eine Antwort auf die industrielle Massenproduktion von Lebensmitteln ist und diese nun beeinflusst, kann Analog eine Antwort auf die industrielle Massenproduktion und Verarbeitung von Daten sein und auch diese Entwicklung beeinflussen. Analog steht dabei als Kurzform für unvernetzt, das Gegenteil der Vernetzung von großen Datenmengen, von Big Data. Man könnte auch Small Data dazu sagen.

So wie Bio ist auch Analog nicht nur eine ökonomisch begründete Entwicklung. Analog ist nicht nur keine Überwachung, kein digitaler Konsumterror, kein automatisierter Staat mit automatisierten Bürgern, sondern Analog steht auch für eine selbstbestimmte Lebensqualität und Lebenskultur. Vielleicht auch einfach für Glück.

Die Zukunftsfähigkeit

So, was tun? Digital muss Instrument bleiben und darf sich nicht verselbstständigen. Menschen müssen weiter selbst denken und entscheiden können. Wir wollen eine progressive digitale Gesellschaft, die uns Menschen mehr nutzt als schadet, in der die Nebenwirkungen kontrollierbar bleiben, in der wir die Hoheit über Digital behalten und sich diese Beziehung nicht schleichend umdreht. Manche würden weiter gehen und sagen, es geht um die Zukunftsfähigkeit der Spezies Mensch.

Dafür müssen wir etwas tun. Im Großen und im Kleinen. Beim großen Ganzen geht es um die Gesellschaft, die bestmögliche Nutzung von Digital, um Regeln, um smarte Fesseln, um die Zähmung von Digital durch den Menschen. Beim großen Kleinen geht es um den Einzelnen. Wir können etwas erreichen, indem wir die digitale Welt austricksen, indem wir nur das Notwendige digital machen. Und wenn dies genug Menschen tun, werden wir damit, als analoges Netz sozusagen, auch digitale Standards beeinflussen.

Beim großen Ganzen geht es um die Gesellschaft, die bestmögliche Nutzung von Digital, um Regeln, um smarte Fesseln, um die Zähmung von Digital durch den Menschen.

So wie bei Bio. Die industrielle Landwirtschaft wurde durch Standards und Gesetze gezähmt und sicherer gemacht. Und Bio hat eine Nische geschaffen, die den Landwirtschaftsmainstream dauernd herausfordert, dabei alte Lebensqualität erhält und neue schafft. Und so ist das permanente Hinterfragen und Infragestellen aus der analogen Nische für die Entwicklung des digitalen Mainstreams genauso wichtig wie die Erkenntnis, dass es auch Dinge gibt, die analog glücklich machen, ohne Netzanschluss und Wi-Fi, und auch ohne permanent unsere persönlichen Daten in die Welt zu streuen, wo sie staatliche und private Akteure dann dazu nutzen, uns ohne unser Wissen oder unsere Zustimmung fremdzusteuern.

Aufruf zur Konterrevolution?

Spricht man über Analog, wird man schnell in die Ecke der Nostalgiker gestellt, nicht unsympathische Typen, aber von gestern. Manufactum eben. Wirklich? Ein bisschen vorweggenommene Nostalgie mag ja dabei sein. Aber ist es schon Nostalgie, wenn man lieber mit Menschen redet als mit Maschinen, wenn man lieber selber Fehler macht als fehlerlos von Algorithmen durchs Leben gelenkt zu werden? Wenn das so ist, bin ich auch gern Analog-Nostalgiker. Mein Lebensziel war ja bisher auch nicht die totale Effizienz, oder eine immer effizientere Maschine zu werden. Oder hab ich da was falsch verstanden?

Es geht nicht um die Abschaffung von Digital, und zurück zu Analog, sondern um eine humane Gesellschaft, die digital und analog ist.

Ist Analog der Aufruf zur Konterrevolution? Nein. Oder vielleicht ein bisschen. Es ist der Aufruf, das menschliche Leben nicht wegzudigitalisieren. Analog ist der Aufruf, analoge Gemeinschaftsgüter wie Theater, Bibliotheken, Museen wertzuschätzen und zu schützen. Analog ist nicht passiver Ausstieg, sondern aktives Weiter- und Andersmachen. Denn die Welt ist mehr als Digital. Und ja, Analog kann man auch als subversiven Akt der Datenverweigerung verstehen.

Und vielleicht wird ja auch eine Bewegung draus, wie bei Bio. Oder eine Partei, wie bei den Grünen. Ausschließen würde ich es nicht.


Dieser Artikel ist zuerst als Beitrag zur Rubrik “Netzkultur” bei ZEIT ONLINE erschienen.

André Wilkens ist der Autor von “Analog ist das neue Bio” (Metrolit Verlag, Berlin 2015) & Mitinitiator von “Das gute digitale Leben”.


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