Die wirklich sehr deutsche Geschichte vom Immer-Schlauer-Sein

Fail-Kultur gibt es schon in der deutschen Tech-Branche nicht. Warum also im Umgang mit politischen Konzepten?

Ich weiß gar nicht, wie viele Statements ich speziell aus dem digitalen Springer-Umfeld zitieren könnte, in denen in Deutschland eine modernere Fail-Kultur gefordert wird. Schon Kai Diekmann hat sich ja mit PR-wirksamen Reisen ins Silicon Valley erfolgreich in Deutschland als Evangelist des modernen Wandels empfohlen. Mal Fehler zu machen gehört eben dazu, wenn man sich danach abstaubt und lernt. Das weiß ja mittlerweile jeder, der sich schon mal eine TED-Konferenz reingezogen hat oder ein Buch von Gary Vaynerchuck gelesen hat. Dazu braucht man auf seiner Visitenkarte nicht mal “Transformation Futurologist” oder ähnlichen Unsinn stehen haben.

Szenenwechsel.

Am letzten Wochenende fand in Köln eine Demonstration statt, die gerade etwas Presse hat. Der „Ramadan Friedensmarsch“ war von einer Gruppe Muslime organisiert und arbeitete mit dem Hashtag #NichtMitUns. Die Wahl dieses Hashtags sollte später ein heiterer Hebel für zynische Headlines aller Art werden. Doch dazu gleich mehr.

Eine der Organisatorinnen war Lamya Kaddor, eine sehr leidenschaftliche liberale muslimische Intellektuelle, die schon seit langem versucht, Brücken zwischen den Religionen zu bauen wo andere sie einreißen. Dafür hat sie von den üblichen Verdächtigen natürlich viel Prügel beziehen müssen, inklusive der mittlerweile fast üblichen Mobbing-Attacken und Morddrohungen. Man gewöhnt sich ja dran in Deutschland — speziell wenn man eine weibliche selbstbewusste Muslima ist.

Aber warum das Ganze?

Wir erinnern uns: Kaum drei Wochen ist es her, dass Deutschland sich über ein unterbrochenes Rockfestival aufregte, dessen Veranstalter trotz eigentlich nie existierender Terrorbedrohung hoch erregt folgenden Satz äußerte: „Ich erwarte von allen Beteiligten eine eindeutige Gegnerschaft zu Gewalt und Terror. Nach meiner Wahrnehmung haben es die Menschen muslimischen Glaubens bisher leider weitgehend versäumt, dies auch in entsprechenden Demonstrationen zu artikulieren“

Gesagt getan. Lamya und ihre Freunde nahmen Lieberbergs Ball auf, gewannen ihn sogar als Unterstützer und taten genau das, was viele Menschen in Deutschland als Mangel ansahen: Sie organisierten ein Statement von Muslimen gegen Terror und Gewalt. Die Idee des Ramadan Friedensmarsches war geboren.

In Windeseile wurden Netzwerke aktiviert, Unterstützer angerufen und öffentliche Debatten geführt. Neben einer zu organisierenden Großdemo durchlief Lamya in nur zwei Wochen mehrere Talkshows (so auch gestern “Hart aber Fair”), sie organisierte Handzettel, ein Programm, versicherte sich der Unterstützung von Parteien und Verbänden (der größte türkische Islam-Verband Ditib sagte bestürzenderweise dennoch ab) und vieler mehr oder minder prominenter Einzelpersonen. Kurz: Die kleine Gruppe machte alles aber auch alles richtig.

Und dennoch kamen nicht genug Menschen letzten Samstag nach Köln.

Startete man noch am Anfang mit 300 Menschen sammelten sich zum Friedensmarsch über den Tag 1.000–3.000 Personen — je nachdem, welcher Quelle man glaubt. Bei den Organisatoren war anfangs vor allem verständlicherweise die Enttäuschung zu spüren, auch wenn sich über den Tag die Zahl der Mitmarschierer durchaus noch auf annehmbare Zahlen einpendelte. Dennoch: von den angepeilten 10.000 Demonstranten war man weit entfernt.

Die Reaktionen der Zyniker ließen nicht lange auf sich warten.

Als jemand, der gepflegte, hasserfüllte pressebegleitete Framings gut kennt, möchte ich dazu mal ein paar Worte loswerden, die mich schon lange extrem stören. Denn in nichts lernt man die Geringschätzigkeit auch großer deutscher Presseerzeugnisse so gut kennen, wie in ihrer Abschätzigkeit gegenüber jeder neuen politischen Idee. Die Methode ist simpel und hat für die, die sich dessen ausgesetzt sehen, einen nicht zu unterschätzenden psychologischen Effekt: die rechte Bubble weidet sich an deinem vermeintlichen Fail, bildet das Narrativ. Danach ziehen meist einige große Medien nach. Das Ziel: Den Initiator lächerlich machen, damit er nicht noch einmal auf die Idee kommt, sein Konzept beim zweiten Mal größer, besser und erfolgreicher zu machen.

Ich kann davon ein Lied singen. Denn auch bei meiner Story gehört das Opferframing schon seit meiner Aktion #KeinGeldFürRechts und allem, was folgte, dazu. Erst vor wenigen Tagen erschien ein Portrait von mir, das neben vielen anderen Worten vor allem die Metapher vom „tiefen Fall des Gerald Hensel“ bemühte, obwohl ich in den letzten sechs Monaten selbstbestimmter und bewusster arbeite und handele denn je. Die Entmündigung des Agierenden erfolgt dann durch die, die wissen, wie man selbstbewusste und stolze Menschen am meisten provozieren kann: indem man so tut als ob sie Opfer wären.

Die Geschichte ändert sich natürlich von Fall zu Fall. Was sich aber nicht ändert, ist die spöttische Geringschätzung leider vor allem großer Medien gegenüber jeder Form positiver Fail-Kultur. Das ist neben vielen anderen Fällen derzeit vor allem an der zum Teil wirklich bitteren Berichterstattung zu #NichtMitUns zu beobachten. Und dabei rede ich bewusst nicht über das weitere AfD-Umfeld sondern über richtige Medien. Über Medien, die viel zu oft spöttelnd und wenig durchdacht alles kleinmachen, was noch nicht Berliner Verbandsstatus erreicht hat, um dann eine Woche später über das politische Desinteresse zu klagen. Da machen es sich nicht wenige ganz schön einfach — sicher nicht als Journalisten sondern als Staatsbürger.

#KeinGeldFürRechts oder #NichtMitUns entstanden wie viele andere politische Ideen unserer Zeit förmlich im Web. Kein Wunder. Schnelle Ideen müssen heute schnell sein um zu funktionieren. Der Faktor Zeit ist entscheidend. Es gibt für diese Ideen keine Vereinsgründungen, es gibt keine lange geplante PR-Initiative, es gibt keine Treffen der Kooperationspartner, die sich über Monate hinziehen: Ideen entstehen heute zu Hause beim Kaffeetisch im Privaten. Zwischen erster Idee und erstem Tweet steht meist nicht viel Zeit. Und ist die Idee einmal in der Welt, gibt es für den Initiator nur einen Weg: Fünfter Gang, weil es anders einfach nicht geht in Zeiten von Willensbildung über soziale Medien in Echtzeit.

Was nicht jedem klar ist: Gerade Menschen, deren Ideen sich im Diskurs mit der Neuen Rechten bewegen, müssen sich im hass- und spotterfüllten politischen Umfeld unserer Zeit eben damit anfreunden, dass sie wie Ministerien, Parteien oder Unternehmen behandelt werden. Wie Institutionen, die jahrelang mit einem zwanzigköpfigen Beraterstab Kampagnen planen. Wer heute eine Idee hat, die nicht rechte-Bubble-kompatibel ist, muss sich darauf einstellen, dass er als politische Privatperson im Netz wie Heiko Maas’ Ministerium behandelt wird. Umso schwerer wird das Ganze, wenn man sich als frischer Aktivist tatsächlich einen Fehler leistet oder etwas nicht ganz läuft wie vorgesehen.

Lamya, eure Idee, euer Anspruch und eure Organisation war prima. Einen Kampf konntet ihr aber nicht gewinnen, wenn ihr mir diesen Kommentar erlaubt: Den Kampf gegen die Uhr.

Euer Anspruch war es, „Ottonormalmoslem“ als direkte Antwort auf Manchester und London schnell auf die Straße zu bekommen. Eure Eingebundenheit in große Netzwerke, euer Umgang mit sozialen Medien, eure Bekanntschaft mit Prominenten sorgte natürlich dafür, dass ihr mich erreicht hättet und habt. Was ihr aber eigentlich brauchtet, war Reichweite in der Breite der muslimischen Community. Dazu sind Lanz-Auftritte ein guter Anfang. Aber für zwei Wochen war das in eurer Zielgruppe eben nicht genug Stoff für eine Massenbewegung auf der Straße. Der Kampf gegen die Uhr — also schnell eine Antwort in der Breite des muslimischen Bürgertums zu organisieren und dafür zu sorgen, dass sehr viele türkisch- und syrischstämmige Daddies, Mamas und Teenager, etwas tun, was sie sonst eher nicht tun — zu demonstrieren — wurde am Schluss ein Problem für die Teilnehmerzahl.

Aber wisst ihr was? Hinterher ist immer jeder schlauer. Ich wusste es auch nicht. Und all die Spötter aus Magazinen und Tageszeitungen ebenso wenig. Es gibt nur einen großen Unterschied zwischen euch und denen: Ihr werdet lernen und eure Idee größer machen. Und die werden immer noch auf ihrem Hintern sitzen und aus den hinteren Rängen spötteln. Der Versuch, euch als naive Fantasten zu framen, euch als Opfer hinzustellen, der Ansatz euch als Schwächlinge ohne Unterstützer zu zeichnen — das ist der übliche Tanz. Es ist die Choreografie des Zynismus, durch den sich jede kontroverse, Social-Media-gestützte-Idee heute durchquälen muss. Wenn sich die Zeitung mit vier Buchstaben über euer Scheitern lustig macht und der Verlag dahinter gleichzeitig die Fail-Kultur im Silicon-Valley anpreist, dann weiß man, dass man in Deutschland ist.

Macht weiter. Die Idee war richtig. Gebt euch noch mehr Zeit, die Idee zu entwickeln und dann werdet ihr ganz schnell sehen, wie schnell die Meinungsopportunisten wieder die Seite wechseln. Wie wir wissen, geht das ja schnell in Deutschland.

Meine Unterstützung habt ihr. Und die vieler anderer auch.

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