Midlife Crisis?

Von der Schönheit, gemeinsam mit seiner Lieblingsband älter zu werden.

Gestern war ich auf meinem fünfzehnten oder sechzehnten Faith No More Konzert. Die erste Show der Jungs sah ich 1992 in Aschaffenburg, einem Jahr als die meisten meiner jüngeren Arbeitskollegen noch nicht auf der Welt waren. 23 Jahre später stehe ich mit anderen Vertretern meines langsam nicht mehr ganz jugendlichen Alters in der Spandauer Zitadelle und freue mich, dass ich mit einer Band alt werden durfte, die Anfang der 90er unfassbar cool war und dies es ehrlich gesagt bis heute ist.

Das erste Shirt: Aschaffenburg 1992

Ich bin ein Fanboy und das aus gutem Grund: ich hätte ja auch von Idioten Fan werden können. Nicht auszudenken, was aus mir geworden wäre.

Mischen Impossible

Wer sich noch an die Grenze zwischen den 80ern und 90ern zurückerinnern kann, denkt wahrscheinlich am ehesten an Nirvana als stilgebendes Moment dieser Zeit. Wer in den 80ern (Hard)Rock hörte, hatte die Wahl zwischen diversen Varianten von langhaarigen Männern, von denen die meisten entweder wie die hier aussahen oder wie diese Kollegen.

Während die Nirvana-Revolution, die den Hair Metal beendete, eigentlich konservativ war (stilistisch blieb man bei Rock), hatten Bands wie Faith No More schon seit ein paar Jahren Experimente zwischen mehreren Musikstilen gemacht, die man ungelenkerweise Crossover nannte. Dass eine „Rock Band” damals bei Sendungen wie „Yo! MTV Raps” auftrat, war ein neues Ding und sollte prägend werden für vieles, was danach kam.

Man mischte also jetzt Stile. Das war neu. Also richtig neu.

Genau diese musikalische Offenheit blieb in den dreißig Jahren, die Faith No More jetzt auf dem Markt ist, immer das hervorstechendste Markenzeichen der Band und jedes einzelnen Mitglieds.

Wer sie schon einmal live erlebt hat, wird diesen Moment kennen: diesen wahnsinnig lustigen „Cover Mode Moment”, der irgendwann bei jeder Show kommt. Der Moment, wenn sich schneller Prog-Rock in ein Soulstück verwandelt oder Justin Bieber plötzlich gecovert wird. Das ist der Moment, der ganz typisch für ein Live-Konzert mit Faith No More ist: „Ihr denkt, ihr habt unser Konzept verstanden? Ja? Dann machen wir es anders. Und zwar jetzt.” Das ist das Konzept.

Schön zu beobachten war das gestern hier beispielsweise: die Band spielt „Midlife Crisis”. Stoppt. Und wechselt das Thema. Warum? Weil sie es können.

Midlife Crisis „Normal”

Der gleiche Song eine Minute später

Genau das ist der Grund, weshalb ich zwei Drittel meines Lebens dieser Band folge: Sie fordern und überfordern, schlagen ständig Haken und spielen im wahrsten Sinne des Wortes mit dem Medium wie kein anderer Act, den ich kenne. Mein Stück oder dein Stück? Egal: Faith No More montiert collagenartig Cover-Versatzstücke in die eigene Show, wechselt zwischen New Kids on the Block, Lady Gaga oder was auch immer gerade in den Charts ist oder war und den eigenen Songs weitgehend frei. Was es gibt, wird gemacht.

Beispiel gefällig?

Lady Gaga, Poker Face

Lily Allen, Fuck You

Kanye West & Jay-Z, Niggas in Paris

Und wer Lust auf das volle Programm hat:

Vielseitigkeit bis zum Anschlag.

Faith No More wurde groß Anfang der 90er. Sie brachten sechs Alben raus, die unterschiedlicher kaum sein könnten und die die Fans zumindest ab „Angel Dust” erstmal inhaltlich herausforderten. Ein englischer Freund kommentierte vor nicht allzu langer Zeit, dass er drei Jahre gebraucht hat, um „Album of the Year” (1997) zu verstehen. „Schützenfest” auf Deutsch anyone?

Genau hier liegt die ganz eigene Schönheit einer Band, die seit 1998 mehr als ein Jahrzehnt getrennt waren und gerade mit „Sol Invictus” das erste Album seitdem aufgenommen haben. Denn weder müssen Männer hinter Faith No More noch arbeiten, noch schwimmt man einfach in „lukrativer Nostalgie”, wie die Süddeutsche kürzlich titelte. Faith No More haben schon immer mit großer Lust für WTF-Momente bei ihren Fans gesorgt und demonstrieren dabei seit Jahren, dass sie vor allem eines sind: handwerklich großartige Musiker mit einer unglaublichen inhaltlichen Bandbreite.

So wurde Front-Mann Mike Patton vor kurzem offiziell von der Fachpresse zum männlichen Sänger mit der größten Stimmbreite gekürt (6 Oktaven), was er unter anderem ganz gut bei diesem Burt Bacharach Cover demonstriert:

Dass Patton singen kann, ist bekannt. Weniger bekannt ist allerdings wie produktiv er und alle anderen Bandmitglieder in den 18 Jahren ihrer Trennung waren.

Mit Mister Bungle, Tomhawk und Fantômas hat alleine Mike Patton teilweise seit Jahrzehnten drei Bands „mitlaufen”, die alle ebenfalls ein komplettes musikalisches Eigenleben haben und hatten. In den anderthalb Jahrzehnten „Pause” von Faith No More hat er musikalische Meisterwerke wie das Einalben-Projekt Peeping Tom produziert (wer es nicht kennt: kaufen!!!!)…,

, eine Platte namens „Nathaniel Merriweather Presents… Lovage: Music to Make Love to Your Old Lady B” produziert und das absolut unfassbare Mondo Cane auf den Markt geworfen. Patton hatte in der Zwischenzeit eine Italienerin geheiratet, italienisch gelernt und sich in italienischen Schlager der 40er Jahre verliebt. Und was macht man dann? Richtig: ein italienisches Konzeptalbum mit Big Band.

Hier sind nur die Spitzen der letzten Jahre nennbar. Denn alleine die Vielseitigkeit des Frontmannes (hier kann man sich das nochmal anschauen) verdient schon mehrere Doktorarbeiten. Und über den Rest der Band habe ich da noch nicht einmal gesprochen. Keyboarder Roddy Bottum hat mit Imperial Teen noch ein deutlich funkigeres Nebenprojekt. Und alleine die Jahre 2006–2010 des Gitarristen Billy Gould lesen sich auf Wikipedia wie folgt:

Im November 2006 produzierte Gould das 2007 erschienene Album der deutschen Band Harmful. Im Anschluss daran stieg Gould als zweiter Tour-Gitarrist ein. Im Jahre 2008 beteiligte er sich an der Band von Korn-Gitarrist James Shaffer, Fear and the Nervous System, sowie an Jello Biafras Geburtstagsband Axis of Merry Evildoers. 2009 nahm er mit der gleichen Band unter dem Namen Jello Biafra and the Guantanamo School of Medicine das Album Audacity of Hype auf. Im Sommer desselben Jahres ging er mit seiner alten Band Faith No More auf eine Welttournee, deren letztes Konzert im Dezember des Jahres 2010 in Chile stattfand und 2011 durch Festivalauftritte in Südamerika fortgesetzt wurde.

Zum Glück bin ich Fan von denen geworden.

Warum diese Lobeshymne auf eine Altherrenband, die jetzt mal wieder versucht, ihre ebenfalls alten Fans mit ein wenig Nostalgie einzulullen?

Ganz einfach: weil ich festgestellt habe, dass mich diese Band seit Teenie-Tagen extrem geprägt hat. Die Art wie ich über Kreativität und Kreativproduktion denke, die Maßstäbe, die ich an den eigenen Job setze und meine Lust am inhaltlichen Experimentieren sind mit Sicherheit zu einem guten Teil auch dem Vorbild einer Band geschuldet, die seit den frühen 90ern mit mir älter wurden. Und ich mit ihnen.

Faith No More ist eine der wenigen wirklich lange erfolgreichen musikalischen Acts, die sich seit drei Jahrzehnten erfolgreich jeder Form von Kategorisierung entziehen: „Sie spielen dummen Rock smart”, schrieb die New York Times einmal. Doch bei einem Versuch, ihre Musik zu definieren, kommt selbst Wikipedia ins Schwimmen:

Faith No More erlangten vor allem Berühmtheit durch ihre Extravaganz. Ihr Stil wechselte bei nahezu jedem Album. Zu Beginn ihrer Laufbahn spielten sie noch eine harte Version von Post Punk im Stil von Killing Joke. Nach dem Einstieg von Mike Patton dominierten die Elemente Metal und Funk, weshalb ihr Stil anfangs als Funk Metalbezeichnet wurde. Später kamen immer mehr Elemente hinzu, andere gingen wieder verloren. Von Soul und Easy Listening bis Hardcore Punk, Industrial Rock und Weltmusik-Elementen wurde die Bandbreite ergiebig ausgeschöpft. Es wurden sogar klassische Elemente und Filmmusik ins Klangspektrum der Band einbezogen, z. B. endete Epic (von The Real Thing) mit einem Klavier-Thema und Jizzlobber (Angel Dust) mit einer Art Kirchenmusik.

Die Unlust sich einzuordnen zu lassen, die dauernde Gier nach neuen Einflüssen, um diese zu brechen und ins eigene System einzuordnen: das war für mich die Rebellion, die von dieser Band ausging. Wer eine ihrer Shows besucht, erlebt dabei vor allem fünf musikalische Überzeugungstäter, die auch mit fast 50 immer noch den Kontakt zu ihrem Publikum suchen und die dabei immer Schwerstarbeiter und im positiven Sinne Getriebene waren. Extremisten eben, die nie stoppen konnten. Und deren lange Freundschaft man ihnen ansieht. Die machen das gerne.

Natürlich nimmt man in seinen Teenie-Tagen mehr neue musikalische Einflüsse auf als später. Natürlich spielt immer ein Element an Nostalgie bei so etwas mit. Dennoch kann man sich glücklich schätzen, wenn man mit solchen Vorbildern groß geworden ist. Was man schon als Teenager von Patton & Co lernen konnte, war, ein gesundes Verhältnis zur Kreativproduktion — zur Muße — zu entwickeln. Faith No Mores Lebensmitto hieß Haken schlagen, Neues aus Altem montieren, Experimentieren und collagenartig Kreativität entwickeln. Wie viel mehr könnten einem Eltern oder Lehrer beibringen? Und: wie viel Anteil dieses Denkens hat mich auch beruflich geprägt, speziell als Mensch der in der Kreativindustrie lebt und arbeitet?

Dank eines Freundes saß ich gestern Abend nach der Show ein paar Minuten neben FNM Bassist Billy Gould - ein Mann, der mich natürlich noch nie gesehen hat und der umrundet war von Roadies. Weder mache ich gerne Selfies, noch renne ich gerne Promis hinterher. In seinem Fall wollte ich einmal eine Ausnahme machen. Und was ich ihm in diesen paar Minuten gerne gesagt hätte, war wohl das:

„Danke Billy für die letzten dreißig Jahre. Danke fürs gemeinsam älter werden. Hättest du doch nur eine Ahnung, wie viel ihr mir beigebracht habt.”

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